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25 Thesen - Kultur und modernes Christentum

von H. Johannes Wallmann --- KUNSTAKTION INTEGRAL-ART 2009 / 2011 - Anschlag der 25 Thesen am 2.6. 2011 an der Dresdner Kreuzkirche

Zuvor zu dieser INTEGRAL-ART-Kunstaktion ein Gedanke von Andrej Tarkowskij:

»Wenn sich ein Nichtschwimmer ins Wasser stürzt, dann beginnt sein Körper […] instinktive Bewegungen zu seiner Rettung zu machen. Auch die Kunst […] existiert als Instinkt, der die Menschheit im geistigen Sinne nicht ertrinken lassen will.«

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Die 25 Thesen von H. Johannes Wallmann im Disput mit dem Philosophen Prof. Dr. Harald Seubert (Basel/München)

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"Kultur und Modernes Christentum" -  25 Thesen von Heinrich Johannes Wallmann (2009)

unter © creativ commons (CC BY-NC-ND 3.0) (s.u.)http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/

1. Seit der Reformation – also seit bald 500 Jahren - hat sich in der Kirche theologisch nur sehr wenig bewegt. So wurden auch moderne theologische Ansätze (z.B. von Dietrich Bonhoeffer, Rudolf Bultmann, Dorothee Sölle oder Paul Tillich) aus der kirchlichen Praxis eher ausgegrenzt, als integriert. Zugleich bildeten die Kirchen gegenüber Versuchen (z.B. des Bauhauses), eine kulturelle Innovation in Gang zu setzen, immer wieder eine religiös- konservative Barriere. Damit stehen sie islamischer Ideologie offenbar näher als der Aufklärung und der Moderne, die aus der christlichen Kultur erwachsen sind.

2. Viele Kirchenverantwortliche zielen noch heute auf eine Volks- und Frömmigkeitskirche, die sich hinter Theologien und Traditionen der Vergangenheit zurückzieht, anstatt die kirchliche Praxis für  aufgeklärte theologische Ansätze zu öffnen. Solche Verweigerung hatte in Deutschland bereits in der Vergangenheit furchtbare Folgen.
  
3. Durch den – theologisch verursachten - allgemeinen Religiositätsverlust, der angesichts des 1. Weltkrieges breite Bevölkerungsschichten erfasst hatte, wurde dem pseudoreligiösen Durchmarsch Hitlers Tür und Tor geöffnet. Zudem kollaborierten (unter Führung der „Deutschen Christen“) christliche Kirchenführer mehrheitlich mit dem Nationalsozialismus. Nach dem Nationalsozialismus entschlossen sie sich jedoch lediglich zu dem vagen Stuttgarter Schuldbekenntnis, das weit hinter dem von Dietrich Bonhoeffer formulierten Schuldbekenntnis zurückblieb. Wann wird dies endlich korrigiert?
  
4. Unter „Führung“ der Stasi-IM in den Kirchenleitungen sowie z.B. den Mitgliedern der  „Christlichen Friedenskonferenz“ (CFK) kollaborierten die Kirchen auch mit dem Realsozialismus und dem zweiten totalitären deutschen Staat. Obwohl durch diese Kollaboration die massiven psychosozialen Verbrechen des Realsozialismus in Abrede gestellt und somit gedeckt wurden, unterblieb nach dem Ende des Realsozialismus ein Schuldbekenntnis der Kirchen vollständig. Als wes Geistes Kind erwiesen sie sich dabei? Auch die meisten „Wendetheologen“ stellten sich dem ganzen Umfang dieser Problematik kaum.
  
5. Anstatt ihre „Versäumnisse im Zentrum theologischer Ethik“1) einzuräumen, schreiben sich die evangelischen Kirchen und ihre „Wendetheologen“ heute die „Friedliche Revolution“ auf ihre Fahnen,  betreiben damit jedoch Augenwischerei. Denn manch eine  DDR-Kirchenleitung  versuchte massiv jene kirchlichen Mitarbeiter und Gruppen zu disziplinieren, die sich für eine Liberalisierung innerhalb der DDR einsetzten. Außerdem segneten sie die Stigmatisierung und Verteufelung von Zigtausenden Ausreiseantragstellern ab. Damit lieferten sie diese Menschen, die u.a. zu Tausenden in den DDR-Gefängnissen saßen, weil sie „Nein“ zum SED-Regime gesagt hatten, der äußerst unfriedlichen Willkür des Ministeriums für Staatssicherheit sowie einer allgemeinen gesellschaftlichen Entsolidarisierung aus (die auch nach der Wende anhielt). Großes Leid entstand und die Biografien vieler Menschen, die sich mutig gegen dieses totalitäre Staatssystem gestellt hatten (und damit die  Voraussetzungen für den Mauerfall schufen), zerbrachen. Auch diesbzgl. blieb ein Schuldeingeständnis der Kirchen aus.
 
6. Darf das Feld weiterhin kollaborierenden und rückwärtsgewandten religiösen Mentalitäten überlassen bleiben? Nein, denn der Preis dafür – die Weltkriege, der Holocaust, die totalitären Staatssysteme von Nationalsozialismus und Realsozialismus, die „Gottesstaaten“, der Klimawandel - ist bereits zu hoch!
  
7. Angesichts der menschheitsgeschichtlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts steht die christliche Kultur vor der Herausforderung, sich gegen das Entstehen vergleichbarer Katastrophen zu stemmen.  
  
8. Unsere Kultur – aber auch die Menschheit als Ganzes – kann sich die religiöse Schizophrenie nicht länger leisten, dass es »zwei verschiedene Erkenntnisordnungen gibt: die des Glaubens und die der Vernunft«. Denn dies führt zu ethisch völlig inakzeptablen Verhaltensweisen, verhindert die Entwicklung eines vollen und ganzen menschlichen Bewusstseins sowie eines zukunftstragfähigen Wertesystems, das einen Neuen Bund zwischen Universellem-Soziellem-Individuellem zu gewährleisten vermag.
  
9. Die o.g. Schizophrenie kann überwunden werden, denn Religiosität, Aufklärung, Moderne und die mit ihnen einhergehenden Erkenntnisse schließen sich nicht aus, sondern bilden eine integrale Einheit, die es zukunftstragfähig zu gestalten gilt. Seit der Aufklärung haben sich die besten Köpfe unserer Kultur um diese neue Einheit und um entsprechende kulturelle Innovationen bemüht. Ihr Erfolg blieb jedoch auch aufgrund der massiven religiös-konservativen Barrieren äußerst begrenzt.
  
10. Nicht zuletzt aufgrund dieser Schizophrenie entwickelten sich durch die modernen Technologien (die tief in kleinste Teilchen, z.B. in Atome, Gene und Ozon - und damit in die allgemeinen Lebensgrundlagen - eingreifen) jene Eigendynamiken, die gegenwärtig dabei sind, das Leben auf diesem Planeten zu vernichten. Auch der Klimawandel ist ein Resultat dieser Eigendynamiken und der ihnen zugrunde liegenden Mentalitäten. Aber er ist bei weitem nicht die einzige Bedrohung.

Anne Frank: "Solange die ganze Menschheit, ohne Ausnahme, keine Metamorphose durchläuft, wird Krieg wüten und alles, was gebaut, gepflegt und gewachsen ist, wieder abgeschnitten und vernichtet..." (Grundgedanke des GLOCKEN REQUIEM XXI)

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11. Durch ihre – aus religiösem Konservativismus gespeiste - Ignoranz gegenüber Aufklärung und Moderne verschärfen Religionsführer und Kirchenverantwortliche nicht nur die tiefgreifenden Probleme der Welt, sondern rauben unzähligen Menschen die Möglichkeit, jenseits von Traditionen und Gewohnheiten eine aufgeklärte und freiheitlich-verantwortliche Religiosität leben und entfalten zu können.

12. In ihrem Buch „Atheistisch an Gott glauben“ schreibt  Dorothee Sölle: „Theologie als kritische Selbstverständigung ist bestimmt durch jenes Ereignis, das Nietzsche das ´große neuere´ genannt hat; das ´Ereignis, daß >Gott tot ist< und daß ´wir´ ihn ´getötet´ haben. [...] Nietzsche begreift jene Tötung als letzte Konsequenz aus dem christlichen Gottesgedanken selbst, wie er sich in der abendländischen Metaphysik zweier Jahrtausende entwickelt hat. Durchdenkt man diese Konsequenz, so fragt sich´, ob Säkularisierung etwas ist, das, dem christlichen Glauben und seinem Wesen entgegengesetzt, diesem aufgezwungen wird und das ihn von außen her zerstört, oder ob sie ein Vorgang ist, der sich folgerecht aus dem Wesen des christlichen Glaubens ergibt.´ [Friedrich Gogarten]  Die zweite Deutung hat sich seit Friedrich Gogarten, Dietrich Bonhhoeffer und Paul Tillich in der evangelischen Theologie der Gegenwart immer stärker durchgesetzt.“2)  Wie ging die kirchliche Praxis mit dieser Deutung um?
  
13. Im Sinne moderner Theologie ist es an der Zeit, sich von dem alten Denkmodell „Gott“ zu lösen und „Gott“ nicht länger als alten Herrn zu begreifen, der vom Himmel aus die Geschicke steuert, sondern ihn als Begriff für universelle Intelligenz zu denken, aus der die hohen Ordnungen des Weltalls und das Leben selbst hervorgingen und der es sich auf allen Ebenen menschlichen Lebens zu öffnen gilt. So gesehen, ist „Gott“ nicht tot, sondern äußerst lebendig - allerdings ganz anders, als bisher gedacht.
    
14. Die natürlichen Lebensgrundlagen auf der Erde und die Intelligenzpotentiale des Menschen sind das große Geschenk der Evolution und der in ihr wirkenden universellen Intelligenz. Die Evolution kann als Beleg für das Wirken dieser universellen Intelligenz verstanden werden.
  
15. „Gott“ als Begriff für höchste universelle Intelligenz, als Begriff für das Ganze, als Begriff für einen Neuen Bund zwischen Individuellem-Soziellem-Universellem, als Sinnbild der Liebe sowie höchster ethischer Maßstäbe, als Begriff für eine neue Einheit zwischen Mensch und Natur, wäre für eine zukunftstragfähige Selbstorganisation menschlichen Lebens auf der Erde von grundlegender Relevanz.

16. In solch modernem theologischen Sinne können sich modern und aufgeklärt denkende Christen als erwachsen gewordene „Kinder Gottes“ verstehen, die in vollem Umfang für ihr Tun und Lassen sowie die Erhaltung der ideellen und materiellen Lebensgrundlagen verantwortlich sind.

"Ich will ein neues Herz und einen neuen Geist in euch legen. Ich will das steinere Herz aus eurem Leibe wegnehmen und euch ein lebendiges, menschliches Herz geben." (Hesekiel 36,25 / Übers. Jörg Zink)

17. Jede Mutter gebirt mit ihrem Kind einen potentiellen Teilhaber an universeller Intelligenz. Deshalb erwirbt jeder Mensch mit seiner Geburt genuine Rechte der Teilhabe an den Lebensgrundlagen und den  allgemeinen Austauschkreisläufen. Zugleich erwirbt jeder Mensch die Pflicht, dafür einzutreten, dass entsprechend der Goldenen Regel3)  jedem einzelnen Menschen diese Teilhabe gewährt wird. Das u.a. heißt modernes Christsein und ist eine Voraussetzung zur Entwicklung von „Christussubstanz“.
  
18. Christus war ein sehr weiser, mutiger und pazifistischer Widerstandskämpfer. In ihm manifestierte sich spirituelle „Christussubstanz“ - wie Joseph Beuys es nannte. Diese „Christussubstanz“ ist in jedem Menschen angelegt und kann als Quelle aufgeklärten Christentums verstanden werden. Deshalb sollte sich modernes christliches Denken und Handeln nicht gesellschaftlichen Gepflogenheiten unterwerfen.

19. Neu und aufgeklärt gilt es auch das Religiöse überhaupt zu denken:  Als inneren - auf Gesamtzusammenhang gerichteten - Orientierungssinn, der im Menschen das Sehnen nach dem Ganzen und dem Ganzheitlich-Gebunden-Sein der Teile (und somit menschlichen Lebens selbst!) bewahrt.
  
20. Das Religiöse und das Philosophische bedingen sich gegenseitig. Ohne das Philosophische – als Streben nach Freiheit und integraler Erkenntnis - gerät das Religiöse in Gefahr, in ignoranter Ideologie, Machtpolitik  und gesellschaftlicher Reputation zu erstarren. Ohne das aufgeklärt verstandene Religiöse gerät andererseits das Philosophische in Gefahr, sich in den Labyrinthen des Intellekts zu verlieren.
  
21. Mittels einer Kultur, die als Werte- und Intelligenzübertragungssystem funktioniert, sowie mittels moderner theologisch-philosophischer Orientierungen würde es möglich, ein lebendiges modernes religiöses Leben und Wertesystem zu entfalten, in das alte religiöse und philosophische Weisheiten (z.B. die Goldene Regel) ebenso einbezogen werden können wie die modernen Künste, Wissenschaften und ethisch zukunftstragfähige Maßstäbe politischen und wirtschaftlichen Denkens und Gestaltens.
  
22. Sowohl avancierte Wissenschaften und Künste, Philosophien und Theologien, als auch Demokratie, Politik, Wirtschaft und Technologie können nur in dem Maße als zukunftstragfähig sowie als Energien und Manifestationen universeller Intelligenz gelten, wie sie dieser aufgeklärt-modern entsprechen und dabei aller Fachidiotie abschwören. Dadurch werden sie zu Elexieren der Sicherung der Lebensgrundlagen sowie der Kultur eines neuen und aufgeklärten religiösen Bewusstseins.
  
23. Mittels kritisch-historischer Theologie sowie entsprechend neuen theologischen Deutungsperspektiven können alte „Große Erzählungen“ metaphorisch neu und aufgeklärt-modern verstanden werden.
  
24. Während es sich für die Entwicklung einer modernen Religiosität von zukunfstdestruktiven Traditionen und Gewohnheiten zu trennen gilt, heißt es sich bewusst zu bleiben, dass Spiritualität und religiöse Kulturtechniken – wie Gebet und Meditation –  nicht aufgegeben werden dürfen, denn sie sind Lebenselexiere und haben sich seit Jahrtausenden bewährt. Es gilt - auch um der Zukunft willen -  sie nicht länger religiös-konservativen Vereinnahmungen zu überlassen.
  
25. Wenn das Leben auf diesem Planeten dauerhaft gewährleistet werden soll, befinden sich die Weltreligionen gegenüber der gesamten Menschheit in einer umfassenden Verantwortung, das Schisma zwischen Religiosität, Aufklärung und Moderne zu überwinden, sich im Wettbewerb um die besten Beiträge für eine zukunftstragfähige Gestaltung der Welt als Geschwister zu verstehen und unmissverständliche Schritte in Richtung einer umfassenden Entideologiserung religiöser und kultureller Traditionen zu unternehmen. Zumal Aufklärung und Moderne (sowie deren große Katastrophen) aus ihr hervorgingen, kommt dafür der christlichen Kultur – und auch den aus ihr hervorgegangenen säkularen Kulturstrukturen – eine ganz besondere Verantwortung zu.       

Heinrich Johannes Wallmann, Berlin, am 8. Dezember 2009

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Nachbemerkung:
Es sei unterstrichen, dass die in den 25 Thesen genannte theologische und politische Problematik keineswegs nur den Protestantismus angeht, sondern nicht minder den Katholizismus. Daher ist auch die katholische Kirche und Theologie entsprechend zu hinterfragen. Interessante Anhaltspunkte dafür bietet das 2016 erschienene Buch »Der erste Stellvertreter« von David Kertzer, das das ganze Ausmaß der »faschistischen Verstrickung« des Katholizismus offen legt. Im Vorwort von Hubert Wolf heißt es zu diesem Buch:

»Die Seligpreisungen der Bergpredigt und im Extremfall Jesu Tod am Kreuz sind Maßstab für den, der Stellvertreter Jesu sein will. Nicht wenige Päpste wurden an diesem Maßstab gemessen – und zu leicht befunden. Dies gilt in besonderer Weise für Pius XII. (1939−1958), der zur Ermordung von mehr als sechs Millionen Juden geschwiegen hat, wo er als Anwalt der Menschenrechte hätte schreien müssen, der zugesehen hat, wie die Juden in die Vernichtungslager transportiert wurden, anstatt sich den Judenstern an die Soutane zu heften und stellvertretend nach Auschwitz in den Tod zu gehen. So lautet zumindest der Vorwurf, den Rolf Hochhuth Pius XII. in seinem Theaterstück ›Der Stellvertreter‹ gemacht hat. Ein Vorwurf, der bis heute nicht verstummt ist. Der Vorgänger dieses Papstes, Pius XI. (1922−1939), galt nicht nur Hochhuth, sondern auch zahlreichen Historikern als Antipode, als wahrer Stellvertreter Christi, der auf der Seite der verfolgten Juden stand, Hitler durch die Enzyklika ›Mit brennender Sorge‹ in seine Schranken verwies und eine Enzyklika gegen den Antisemitismus in Auftrag gab. Nach der Lektüre von David Kertzers excellent geschriebenem Buch wird man dieses Geschichtsbild revidieren müssen. Denn: Ohne Römische Kurie kein Faschismus, ohne Achille Ratti kein Benito Mussolini, ohne Pius XI. kein Duce – so kann man die Kernthese auf den Punkt bringen, auch wenn Kertzer sie nur implizit andeutet. Kertzer schreibt [...] auf breitester Quellenbasis und in stupender Kenntnis der Forschungsliteratur. Mussolini und Ratti waren beide Aufsteiger, beide standen für totalitäre Konzepte, der eine im Staat, der andere in der Kirche [...]«

(Zitiert aus dem Vorwort von Hubert Wolf in David Kertzer: »Der erste Stellvertreter. Papst Pius XI. und der geheime Pakt mit dem Faschismus«, Darmstadt 2016, S. 18/19. Mit einem Vorwort von Hubert Wolf.)


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Anmerkungen:   
1)Wolf Krötke zitiert nach Ehrhart Neubert: »Vergebung oder Weißwäscherei«, Freiburg i. Br. (Herder) 1993, S. 73 f.
2)Dorothee Sölle: »Atheistisch an Gott glauben«, Olten / Freiburg i. Br. (Walter), 1968,  S. 52 f.
3)Die Goldene Regel besagt: »Was Du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu«. Allgemeiner kann sie heute folgendermaßen lauten: Handle so, dass deine Handlungen Bestandteil eines Vertrages sein könnten, der sowohl für dich als auch für alle anderen Menschen fair ist.

H. Johannes Wallmann: "Einige der wesentlichen Quellen, auf deren Grundlage diese 25 Thesen entwickelt werden konnten, liegen in den Gesprächen mit meinem Vater Heinrich Wallmann (1916-1977)"

© creativ commons (CC BY-NC-ND 3.0) (s.u.)

http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/

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Antworten auf die Zusendung der 25 Thesen

1.4. 2010: "Sehr geehrter Herr Wallmann, herzlich danke ich Ihnen für Ihre anregenden, mutigen und visionären 25 Thesen "Kultur und modernes Christentum". Eine hochinteressante Auseinandersetzung mit geistesgeschichtlichen und kulturhistorischen Tendenzen der Gegenwart. ... Ihr R. Meister" (R.Meister, Generalsuperintendent von Berlin, ab 2011 Landesbischof von Hannover)

2.3. 2010 (offenbar fehlgeleitete Email): "Kann da jemand eine nette kleine Antwort vorbereiten, die ich dann unterschreibe? DANKE sagt p" - Dr. Petra Bahr, Kulturbeauftragte des Rates der EKD

14.6.2011: "Sehr geehrter Herr Wallmann, sehr freundlich danke ich Ihnen für Ihre Mail und die Zusendung Ihrer 25 Thesen. Ich habe sie mit Gewinn und großer innerer Zustimmung gelesen. Die Idee, diese Thesen an der Dresdner Kreuzkirche anzuschlagen, ist wirklich höchst originell! Mit freundlichen Grüßen Friedrich Wilhelm Graf " (Prof. Dr. Dr. h.c. Friedrich Wilhelm Graf, Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ethik Ludwig-Maximilians-Universität München)

22. Juni 2011: „Sehr geehrter Herr Wallmann, freundlichen Dank für Ihre Information. Ich war selber beim Kirchentag. Aber wie es bei solchen Veranstaltungen großer Mengen immer ist, irgendwas - und meistens recht viel - entgeht einem doch. Ich schaue mit Respekt auf Ihr Engagement, bitte aber auch um Verständnis, dass wir als Journalisten nicht Thesen verbreiten, sondern Beobachtungen mitteilen. Und da gehen wir die von Ihnen angeforderte Thematik ja faktisch in jeder Ausgabe mit journalistischen Mitteln an. Mit freundlichen Grüßen Ihr Johannes Röser“ CHRIST IN DER GEGENWART Redaktion, D - 79104 Freiburg

5.2.2011: „Lieber Johannes, sehr herzlichen Dank für Deine 25 Thesen und den Brief. ... Ich war noch nicht 25 Jahre alt und habe genau das erlebt, was Du beschreibst. Die Pommersche Kirche war zu 52 % Stasi unterwandert. Und mein damaliger Chef arbeitete für diese Kirche und für die Stasi gleichzeitig. Damals war es mir in der Institution Kirche kaum möglich weiter einen Glauben zu leben, den ich als Konfirmandin Deines Vaters in mir wachsen lassen wollte. Ich suchte nach der Wahrheit der Bibel, nach dem Urchristentum ... Ich weiß nicht ob die Kirche von innen reformiert werden kann. ... leider sind die alten Strukturen so verkrustet und verhärtet, dass eher eine Auflösung und ein Neuaufbau sinnvoll erscheint. Dir wünsche ich auf Deinem Weg viel Kraft, Mut und Liebe, herzliche Grüße Brigitte

28.03.2015: "Lieber Herr Wallmann, zunächst einmal muss ich mich dafür entschuldigen, dass Ihr Brief irgendwo im Prozess bei uns verloren gegangen ist. Danke, dass Sie ihn noch einmal geschickt haben! Was darin zum Ausdruck kommt, ist ein großes Engagement – und insbesondere Ihre Musikproduktion ist sehr beeindruckend. Auf Ihre Thesen kann ich nicht in der Ausführlichkeit antworten, die ich mir selbst wünschen würde. Es sind noch 400 Mails im Laptop, die bearbeitet werden wollen. Aber in jedem Falle so viel: Ich stimme Ihnen nicht in allem zu: für mich ist der persönliche Gott, wie er in uns den biblischen Geschichten begegnet, sehr wichtig. Da wäre mir die „universelle Intelligenz“ zu wenig. Ich glaube auch, dass es sehr vernünftig sein kann, sich die große „story“, die in der Bibel beschrieben wird, zur eigenen „story“ werden zu lassen. Ich habe das in einem Buch, in dem ich mit meinem Sohn auch über diese Fragen diskutiert habe, näher ausgeführt . Aber in vielem, was Ihre Thesen enthalten, bin ich Ihnen auch nah. Was mir nicht gefällt, ist der pauschal abwertende Ton insbesondere in These 11. Da finde ich all die engagierten und nachdenklichen Menschen an der Spitze der Kirche, mit denen ich zusammen arbeite, wirklich nicht wieder. Und dass Bonhoeffer, den Sie auch heute noch marginalisiert sehen, der wichtigste Theologe nicht nur für einen meiner Vorgänger als Ratsvorsitzender (W. Huber), sondern auch für mich selbst ist, passt irgendwie nicht ganz mit Ihrem Bild der Kirche und ihrer Leitung zusammen. Am 12.4. werde ich in Flossenbürg anlässlich seines 70. Todestages einen Fernsehgottesdienst  halten. Die Fragen, die Sie ansprechen, sind alle wichtig und spannend. Die Diskussionen sind aus meiner Sicht dann am ertragreichsten, wenn wir die jeweils andere Position so fair wie möglich darstellen. Bei Manchem bin ich bei Ihnen, bei anderem nicht. In jedem Falle Danke für Ihre Anregung zum Nachdenken!

Herzliche Grüße!

Heinrich Bedford-Strohm"

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm Katharina-von-Bora-Straße 11-13 80333 München" EKD-Ratsvorsitzender

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11.07. 2015: Lieber Herr Wallmann,

ich habe die 25 Thesen näher betrachtet und sehe, dass das Verbindend- Gemeinsame sehr viel stärker akzentuiert ist als trennende Akzente, die wir setzen mögen. Ihre überaus scharfsichtigen Thesen 1-5, mit dem Hinweis auf die Komplizenschaft in zwei Totalitarismen einschließlich entsprechender Geschichtsklitterungen postfestum kann ich ohne alle Abstriche unterschreiben. Der Verweis gerade auf Bonhoeffer liegt mir sehr nahe. Ob unter 6 ohne weiteres der 'Klimawandel' aufgenommen werden sollte,- oder nicht die ökologische Krise in weiterem Sinn-, auch die todbringende kapitalistische Zerstörungsordnung (Hardt und Negri haben mich sehr beeindruckt) wäre zu fragen. Die Summe in Punkt 7 ist völlig zutreffend: Denn nur aus einem tieferen transzendenten Grund, der Dimension der Vergebung und Errettung, wo sie denn keinen Widerspruch mit der Vernunft eingeht: kann überhaupt ein Antidotum zu den vielfachen innerweltllichen Letztutopien aber auch einem kurzgreifenden Laissez faire gewonnen werden. So ist die Übewindung der Schizophrenie, die zwischen Glaube und Vernunft aufklafft und die Suche ihrer geeigneten transdifferenziellen Einheit in der Tat ein zentrales Problmation. In meinem umfänglichen Buach 'Zwischen Religion und Vernunft' habe ich dazu problemgeschichtlich und konstruktiv meinen ersten Beitrag zu geben versucht. In Neu-Vergegenwärtigung der großen synthetisierenden Systeme und gerade in einem von der Zentralität des Todes Gottes und der kenotischen Struktur des christlichen Glaubens, der eben dies gerade kein Fremdköprer ist. Von Aufklärung möchte ich mit Ihnen sprechen, freilich nur von einer solchen, die über sich selbst aufgeklärt ist - wie es etwa Horkheimer/Adornos 'Dialektik der Aufklärung' zeigt. Dabei sind mir Erwägungen Hegels zentral geworden. Ich möchte die Einheit von Religion, Kunst und Wissenschaft daher wie Sie im Sinn eines - dem hen diaphorn heauto - folgenden Intelligenzübertragungssystems verstehen; vermutlich weniger monistisch als sie. Sprünge von der Einzelwissenschaft ins Ganze wie bei Teilhard sind mir suspekt, ich habe manches, bei großen Vorbehalten von Aurobindo gelernt, noch mehr von Whitehead, doch sind auch in der europäischen phil. und Kunsttradition vielfache Ressourcen aufzufinden. Was auch bei Ihnen aufscheint, ist ein inter- nicht transkultureller Bereich. Er wurde in meinem eigenen philosophischen Denken immer markanter und wesentlicher. Dass wir uns selbst erst aus der Tiefe verstehen können, wenn wir den anderen verstehen und vice versa. Die Funktionärskirchen und -theologien, die auf einem halben Weg stehen bleiben, sind dazu in keiner Weise geeignet. Deshalb bedarf es in der Tat eine Renovatio: Dies (und natürlich auch die Absage an alles 'Fachidiotentum') begeistert mich förmlich an Ihrem Text. Ihr Buch zur 'Integralen Moderne' werde ich mir kommen lassen und es gründlich studieren. Die Moderne in ihrer hohen Artikuliertheit und zugleich Zerrissenheit ist in all dem unhintergehbar.

Der Wunsch, dass wir uns persönlich treffen möchten , wird durch Ihre Texte noch gesteigert: Ich sehe in Ihrem Denken wesentliche Ansätze zu einem weitergreifenden Denken, wie ich es selbst eher als 'Weltphilosophie' umschreiben würde.

So weit sehr vorläufig für heute, HS.

Prof. Dr. Harald Seubert

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Die 25 Thesen im Disput mit Harald Seubert (bitte anklicken)

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Europa? Kultur-Reformation! anti-totalitär & integral-modern

(bitte hier anklicken)

weitere Informationen:

NEUE FAUSTUS-MEPHISTO-DISPUTE (Produktion NDR-Kultur 2007)

Brief an Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm  (KUNSTAKTION INTEGRAL-ART 2014)

Offener Brief an Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann: "Nichts ist gut in einer Kirche, die ..." (KUNSTAKTION INTEGRAL-ART 2010)

Offener Brief an Landesbischof Bohl zu Dresdens 13. Februar( KUNSTAKTION INTEGRAL-ART 2011)

www.glockenrequiem.de (Raumklang-Komposition 1995/2006)

www.integrale-moderne.de (Buch PFAU-Verlag 2006)

Das Religiöse und die Moderne (Text 2007/2011)

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"Wer über die wirklich entscheidenden Fragen von Kunst und Musik nachdenkt (und wie sollte sonst gute Kunst und Musik entstehen können?), kann gar nicht anders, als auch über die von Kultur, Religiosität und Philosophie, Demokratie und Ethik sowie über die großen Probleme und Fragestellungen der Moderne nachzudenken. Zumal die Kirche sich selbst als den größten “Kulturträger” bezeichnet, ist die Reflektion theologischer Fragen daher unumgänglich. Ohne solche Reflektion (vielleicht war das einer der schwersten Unterlassungsfehler des Weimarer Bauhauses?) ist kulturelle Innovation m.E. von vornherein zum Scheitern verurteilt. Mit der BAUHÜTTE KLANGZEIT (1991/92) und dem GLOCKEN REQUIEM (1995/2006) habe ich bereits die kulturell-innovative Stoßrichtung meines künstlerischen Denkens und Arbeitens signalisiert. Schon die alten Bauhütten setzten auf kulturelle Innovation und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Sie stellten dem Dunkel der Romanik die Höhe, das Licht, die Farben, Transparenz sowie Klang und weittragende Akustik entgegen. Entsprechend zielen auch diese 25 Thesen auf kulturelle Innovation, interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie auf die Grund- und Wertefragen unserer Kultur - und gehen damit weit über theologische Fragen hinaus." (H.Johannes Wallmann, Juni 2011)

"alles, das der mensch in frage stellt, ist sein standort"

(Kurt W.Streubel 1970)

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