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Offener Brief an Studierende der Musikwissenschaft

Totalitarismusverstrickung des Musikbereiches - Ihre Generation von Musikwissenschaftlern steht vor einer großen Aufgabe // Einladung zum Aufbau eines deutsch-europäischen Kulturkanals

H. Johannes Wallmann an den DVSM e.V. – Dachverband der Studierenden der Musikwissenschaften.

Berlin, 28. Januar 2019

 

Liebe Studierende der Musikwissenschaft, liebe junge MusikwissenschaftlerInnen,

wenn man dem amerikanischen Astro-Physiker Brian Greene1 glauben will, ist Schwingung eine der grundlegendsten Eigenschaften des Universums. Vielleicht ist dies auch die Ursache, weshalb Musik eine so tiefe Wirkung auf uns Menschen auszuüben vermag. Als Komponist denke ich daher, dass es mit Musik letztlich nicht vor allem um „Materialfragen“, sondern vor allem um die Frage ihrer geistig-seelischen Kompetenz geht. Seele sehe ich dabei nicht als einen Begriff von vorgestern, sondern verstehe ihn aufgeklärt-modern als ein (multifaktorielles) psychisch-physisches Schwingungsfeld, in dem die unterschiedlichsten Kraftfelder von Individuellem-Soziellem-Universellem miteinander in Schwingung treten.

Da Musik allzu oft als irreführende „Seelenmassage“ und hochwirksames Mittel zur Ablenkung, Unterhaltung sowie zur kulturellen Bemäntelung totalitärer Verbrechen missbraucht wurde und wird, stellt sich mit ihr in besonderer Weise die Frage nach Seele, Geist, Intelligenz und Freiheit2. Daher zieht der während Kolonialismus, Nationalsozialismus, Realsozialismus – und auch bis hinein in unsere Zeit - mittels Musik begangene Geistes- und Human-Verrat enorme Konsequenzen nach sich. Denn durch ihn wird die geistig-seelische Kompetenz von Musik in Abrede gestellt, bzw. auf Unterhaltung, Genuss, Ausdruckslärm, Ideologie sowie entsprechendes Handwerk verkürzt. An die Stelle aktuellen kompositorischen Ringens um geistig-seelische Kompetenz trat die Musik vergangener Zeiten sowie das Handwerk des „Interpreten- und Virtuosenhimmels“ 3. Arnold Schönberg formulierte jedoch, „daß Kunst und Handwerk miteinander soviel zu tun haben, wie Wein mit Wasser. Im Wein ist wohl Wasser drin, aber wer vom Wasser ausgeht, ist ein Pantscher.“ 4.

Was Unterhaltungsmusik angeht, so sollte man nicht gegen sie sein, doch gegen ihr Übermaß, mit dem ein Übermaß an Gewohnheiten, Klischees und Kitsch verbreitet wird. So verführerisch dieses sein mag, so sehr verdunkelt es die „emotionale“ Intelligenz, den Geist und die Seele einer Gesellschaft. Allerdings lässt es der im Musikbereich begangene Geistes- und Human-Verrat letztlich nicht zu, der sog. Ernsten Musik eine höhere geistig-seelische Kompetenz als der Unterhaltungsmusik zuzusprechen. Ich sehe darin ein kulturelles Dilemma, das sich nicht zuletzt in der mangelhaften gesellschaftlichen Akzeptanz der sog. Ernsten Musik widerspiegelt. Denn mit der Musikfrage geht es immer auch um die Kulturfrage.

Wenn Intelligenz - und damit auch geistig-seelische Kompetenz - bedeutet, sowohl als Individuen als auch als Menschheit nicht zu dumm zum Überleben zu sein 5 - ist es dann wirklich zu viel verlangt, dass sich der Musikbereich seinen Totalitarismusverstrickungen6 umfassend stellt und dadurch seinen „kapitalen Systemdefekt“ 7 überwindet? Aus meiner Sicht hat Ihre Generation die große Aufgabe, die deutsche wie europäische Kultur mit diesem Problem zu konfrontieren - um die Zukunft von solchem Geistes- und Human-Verrat zu befreien.

Damit könnte die Tür geöffnet werden, um zur Lösung der großen Aufgabenstellungen von Musik voranzukommen, die sich angesichts von Anthropozän und Moderne (sowie der mit ihnen verbundenen evolutiv neuen Situation8) stellen. Dafür gilt es, dieses Problemfeld ins Visier zu nehmen, den o.g. Geistes- und Human-Verrat bewusst aufzuarbeiten und für die Zukunft zu ächten. So könnten maßgebliche Zeichen gesetzt werden, um die deutsche wie europäische Kultur zu reformieren9, in ihr einen anti-totalitären Gesellschaftskonsens zu verankern und die geistig-seelische Kompetenz von Musik zurückzugewinnen.

Zumal ich dafür mit meinem Leben und Werk10 einstehe, möchte ich Ihnen antragen, sich mit dem Katalog der INTEGRAL-ART-FESTSPIELE 11 „Wallmann statt Wagner“ auseinanderzusetzen und sich an dem Aufbau eines deutsch-europäischen Kulturkanals zu beteiligen, der zu Wahrhaftigkeit und zum Hören „neuentdeckter Schönheit“ in der Musik der Gegenwart einladen soll.

Gern stehe ich Ihren Rückfragen zur Verfügung,

mit freundlichen Grüßen aus Berlin,

H. Johannes Wallmann

integral-art.de

ich-schweige-nicht.de  - Link zum Jürgen-Fuchs-Projekt von H. Johannes Wallmann

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Quellenangaben:

1 Brian Greene „Das elegante Universum“, Siedler Verlag 2000

2 s.a. H.Johannes Wallmann: "Platons Höhlengleichnis - eine Reflexion über den Zusammenhang von Intelligenz und

Freiheit, die Moderne und Musik (2)" – zu finden unter integral-art.de

3 ein Spottbegriff des Malers/Philosophen Kurt W.Streubel - s.a. integral-art.de

4 Arnold Schönberg in: „Harmonielehre“, Universal Edition 1922 /1949

5 Sammelband / Katalog der INTEGRAL-ART-FESTSPIELE, S.189 – zu finden unter: integral-art.de

6 anbei 2 Ausschnitte die die Totalitarismusverstrickung namhafter Musikwissenschaftler/Musikinstitutionen belegen;

s.a. Susanne & H.Johannes Wallmann:„Kunst – eine Tochter der Freiheit?“, KADMOS 2017, S. 280/281

7 ein Begriff von Dr. U.Blomann; s.a. Susanne & H.Johannes Wallmann :„Kunst – eine Tochter der Freiheit?“ a.a.O. ,

S.352

8 H.Johannes Wallmann: „INTEGRALE MODERNE – Vision und Philosophie der Zukunft“, Pfau-Verlag 2006, S.7

9 s.a. H.Johannes Wallmann: „EUROPA? - KULTUR-REFORMATION! anti-totalitär & integral-modern“ - 26

Reflexionspunkte; Faltblatt 2016 - zu finden unter: integral-art.de

10 s.a. H.Johannes Wallmann: „Die Wende ging schief – oder warum Biografie mehr als nur eine rein persönliche

Angelegenheit ist“, KADMOS 2009

11 Sammelband / Katalog der INTEGRAL-ART-FESTSPIELE – zu finden unter: integral-art.deP { margin-bottom: 0.21cm; }

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