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Leipzig und der Fall Kurt Masur

Susanne & H.Johannes Wallmann:

Im Vis à vis alter und neuer Totalitarismen

KUNST - EINE TOCHTER DER FREIHEIT?

oder warum es einer Kultur-Reformation bedarf

Kulturverlag Kadmos Berlin (2017)

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darin auf Seite 293:

H. Johannes Wallmann: Email an den Leipziger Oberbürgermeister

was Wilhelm Furtwängler für den Nationalsozialismus war Kurt Masur für den Realsozialismus

-------- Weitergeleitete Nachricht --------
Betreff: was Wilhelm Furtwängler für den Nationalsozialismus war Kurt Masur für den Realsozialismus
Datum: Mon, 8 Feb 2016 20:26:20 +0100
Von: johannes wallmann <...@integral-art.de>
An: ...@leipzig.de
Kopie (CC): susanne wallmann <...@integral-art.de>

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Jung,

vielleicht erinnern Sie sich noch an unser Gespräch sowie an das GLOCKEN REQUIEM DRESDEN (1995), dessen Komponist ich bin.
Als einer der wenigen Komponisten, die u.a. mit einem kulturpolitisch begründeten DDR-Ausreiseantrag der SED-Diktatur widerstanden, möchte ich Sie bitten, sich kritisch mit der Frage eines Kurt-Masur-Platzes in Leipzig auseinanderzusetzen.

Denn was Wilhelm Furtwängler für den Nationalsozialismus war, war Kurt Masur für den Realsozialismus. Entsprechend stand - wie Peter Gülke (DIE ZEIT Nr. 52/2015) berichtet - im Vestibül von Masurs Haus eine Furtwängler-Büste. Das ist insofern bezeichnend, wie beide Dirigenten mittels musikalischer Bemäntelung den totalitären deutschen Diktaturen dienten. Im "kameradschaftlichen Miteinander" erreichten beide viel in ihrem jeweiligen Diktatur-Umfeld.

Sebastian Haffner schrieb: "Kameradschaft verdirbt und debraviert den Menschen wie kein Alkohol und wie kein Opium. Sie macht ihn unfähig zum eigenen, verantwortlichen, zivilisierten Leben. Ja, sie ist recht eigentlich ein Dezivilisationsmittel."

Anbei ein LVZ-Artikel zu meinem Vater 1953 in Leipzig.

Mit freundlichen Grüßen aus Berlin
Ihr
H. Johannes Wallmann

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in o.g. Buch ist auf den Seiten 289-292 ist auch folgender Text von Roland Mey enthalten:

Roland Mey: Kurt Masur – Dirigent und Revolutionär?

(Ausschnitt aus einem Artikel, veröffentlicht in „Österreichische Musikzeitung“ (ÖMZ) 03/2016)

Kurt Masur (MDR aktuell, 19.12.2015): »Ich habe immer so gehandelt, dass ich mich nicht schämen musste«.

 

Ein »Solidaritätsbeitrag«

Als vor einem halben Jahrhundert in der DDR für einen gewerkschaftlichen Solidaritätsbeitrag zur Finanzierung der sowjetischen Materialfront des Vietnamkriegs mobilisiert wurde, leistete Gewandhausmusikdirektor Masur 1973 einen Beitrag mit einer Schallplattenaufnahme. [...] Auf der Plattenhülle ist eine Vietnamesin mit Stahlhelm abgebildet, dazu der Cover-Titel »Solidarität – jetzt erst recht!«. Auf der Rückseite steht u. a.: »Freiheit für das tapfere Vietnamesische Volk, das entschlossen gegen den imperialistischen Aggressor kämpft«. Kurt Masur unterschrieb (neben anderen privilegierten Musikern der DDR) mit den Worten »… bin ich für die Gelegenheit dankbar, mit meinem künstlerischen Beitrag den in der DDR fest begründeten Gedanken der Solidarität mit dem Vietnamesischen Volk unterstützen zu können«. Solche vorgestanzten Sätze von Prominenten wurden von der SED-Führung zur Bekundung ihrer Bündnistreue genutzt und im noch andauernden »Kalten Krieg« für die antiamerikanische Agitation und Propaganda instrumentalisiert. Dabei bedurfte es allerdings der Mitwirkung von willigen Intellektuellen und Künstlern. Wäre dies in Nordamerika zu Beginn der 1990er-Jahre kommuniziert worden, hätte sich Masur in New York nicht (aus der zweiten Dirigentenreihe heraus) so unangefochten zum Nachfolger von Arturo Toscanini und Leonard Bernstein erheben lassen. Der Aspekt, dass Karrieren in Diktaturen grundsätzlich nicht nur durch Fähigkeiten, sondern immer auch durch Anpassung gemacht werden, wurde virtuos ausgeblendet.

»Revolutionär« ad hoc

Am 9. Oktober 1989 sprach Kurt Masur [...] über den Leipziger Stadtfunk: »Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land«. Diese risikofreie zeitoptimierte Anpassung wurde später so gedeutet, als habe sich Masur an jenem 9. Oktober »vor die Gewehrläufe« gestellt. Tatsächlich befand er sich zu Beginn der entscheidenden Demonstration, als die Gefahr der blutigen Niederschlagung am größten war, hinter kugelsicherem Glas. Zur damaligen Zeit haben viele kluge Köpfe ihre persönliche Wendegeschwindigkeit so optimal an den realen Verlauf der friedlichen Revolution angepasst, dass sie im Fall der Niederschlagung ihre privilegierten Posten hätten behalten können. [...]

Dank des Vaterlands

Aus Leipzig wurde Masur im Sog des amerikanischen Wunsches, irgendwie und möglichst authentisch an Mittelosteuropas großen Stunden der Freiheit teilzuhaben, in einen musikalischen Olymp katapultiert. Dabei spielte der in New York genährte Irrglauben an den »Dirigenten und Revolutionär« eine Schlüsselrolle. Medienwirksame Anfechtungen dieses Junktims blieben aus. Masur sei »ein Mann für jeden Preis«, so die Leipziger Internetzeitung, nachdem am 12. Februar 2011 von der Staatsbürgerlichen Stiftung Bad Harzburg e. V. der Deutsche Staatsbürgerpreis an Kurt Masur verliehen worden war. Die Begründung »für seinen mutigen Einsatz in der Bürgerrechtsbewegung« klingt wie Hohn in den Ohren jener Bürgerrechtler, die auf Studium und beruflichen Aufstieg verzichten mussten, im Gefängnis saßen oder ihr Engagement mit dem Leben bezahlten. Masur, seit 1970 in Leipzig, avancierte zum Träger des Ordens Banner der Arbeit, der Johannes R. Becher-Medaille, des Vaterländischen Verdienstordens in Gold, des Sterns der Völkerfreundschaft und war einer der wenigen Mercedesfahrer in der DDR. Der von ihm verursachte schwere Verkehrsunfall mit drei Todesopfern im Jahr 1972 wurde verschwiegen und von der Staatsanwaltschaft bezüglich Ablauf und Schuldanteil zu seinen Gunsten definiert (der Spiegel hat in der Ausgabe 37/1991 unter dem Titel »Der Maestro und das Taktgefühl« die Situation ausführlich beschrieben).

Erst vor Weihnachten 1989 distanzierte sich Masur von seinen SED-Freunden, als er in einem Weihnachts- und Neujahrsbrief schrieb: »Liebe Leipziger! Ich möchte mich dafür bedanken, dass Sie mich in Ihren Kreis aufgenommen haben«. Bis zum Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 war er in anderen »Kreisen« beheimatet. Die Bild-Zeitung veröffentlichte am 5. Juni 1991 unter der Überschrift Masur – ein Denkmal steht unter Verdacht die Aussage des ehemaligen Stasi-Majors Peter Schardin, früher Referatsleiter der Abteilung 20, zuständig für Gewandhaus, Oper und Thomaskirche: »Das Arbeiten mit Herrn Masur war gut und freundschaftlich. Wenn wir bei Reisen Herrn Masur empfohlen haben, daß ein Orchestermitglied politisch nicht geeignet sei mitzureisen, hat er das immer befolgt. Reiseberichte über die Mitarbeiter hat er uns von ganz alleine geliefert, in persönlichen Gesprächen auch um Ratschläge gefragt«. Hier wird ein Verhalten bescheinigt, das dem eines »informellen Mitarbeiters« (IM) der Staatssicherheit entspricht, wie es (ohne besondere Verpflichtung) von allen Instituts- und Betriebsdirektoren erwartet und bei Bedarf realisiert wurde.

Der »Ehrenwächter«

Eliten definieren und reproduzieren sich heute durch ihr aufgebautes und ständig gepflegtes Beziehungsgeflecht und längst nicht mehr über Fähigkeiten, Leistungen oder etwa Charakter. [...] Wie stark Masur, dem neunmal die Würde Doktor honoris causa verliehen wurde, mit den Mächtigen der SED-Diktatur verwoben war, ist im charakterfreien Elite-Lobbykratie-Kalkül bedeutungslos. Da ist es uninteressant, dass Masur mit Erich Honecker – wie unter Genossen üblich – per du gesprochen und sich niemals systemkritisch geäußert hat. Oder dass er Ehrenwache in der Leipziger Oper am aufgebahrten Leichnam des SED-Bezirkschefs Fröhlich hielt. Paul Fröhlich (1913–1970), auch Politbüro-Mitglied, hatte 1953 in Leipzig den Befehl zum Schießen auf die Aufständischen vom 17. Juni erteilt und 1968 die Sprengung der Universitätskirche gegen erbitterten Widerstand durchgesetzt.

[...] Paul Fröhlich war ein extrem harter Bezirksregent und gefürchteter Einpeitscher, der in einer mehrtägigen Zeremonie wie ein königlicher Feldherr beerdigt und von Werner Tübke 1973 auf dem monumentalen Wandbild Arbeiterklasse und Intelligenz in der Karl-Marx-Universität verewigt wurde. In der LVZ vom 25. September 1970 war unter der Überschrift »Zehntausende verneigen sich in Liebe und Verehrung« zu lesen: »Gemessen bewegt sich der Zug, der über vier Stunden währt, zur Oper, die trauerumflorte Seidenbanner schmücken«. Ulbricht, Honecker, Kurt Hager, Günther Mittag, Albert Norden hielten Ehrenwache – und Masur. Im Sächsischen Staatsarchiv in Leipzig existiert eine Liste der damaligen »Ehrenwächter«, Akte Nr. 27 Bestand 21622 Nachlass Paul Fröhlich. [...]

Bis heute hat kein Musiker auch nur ein kritisches Wörtchen über Masur öffentlich gewagt. Selbst Masurs »demokratische Ausrutscher« sind ohne Kritik geblieben. Auf die Frage eines deutschen Journalisten nach seiner aktuellen Arbeit in Amerika soll er einmal unmittelbar vorm nächsten Concorde-Flug über den Atlantik geantwortet haben, er werde »den New Yorker Philharmonikern beibringen, wie Beethoven gespielt wird«. In der Biographie Kurt Masur – Zeiten und Klänge (2003) von Johannes Forner, einem Leipziger Musikwissenschaftler und langjährigen Vertrauten des Dirigenten, ist von alledem nichts zu lesen.

Die Leipziger Volkszeitung schrieb am 21. Dezember 2015, zwei Tage nach dem Tod des Maestro, in ihrem Leitartikel »Humanistischer Imperativ«, dass Masur sich »nichts und niemandem unterordnete«. Dies konnte angesichts der vor 1989 real existierenden Verhältnisse nicht zutreffen, da die Staats- und Regierungspartei ihren Führungsanspruch nicht nur behauptete, sondern nach besten Kräften auch energisch durchsetzte. Wird nun ein Mensch unter Ausblendung der Kontaminierungen, amoralischen Kompromisse und Fügungen ins (notwendige) Übel über Jahrzehnte hinweg derartig zu einem göttlich unantastbaren Wesen aufgebaut, ist dies alles andere als unproblematisch (die Gefahren, die in der Übertragung dieses Mechanismus vom »harmlosen« Feld der Kunst auf die Politik liegen, sollen hier nicht weiter vertieft werden).

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