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Brief zu "Neue Musik und Stasi" Bachfest Leipzig 2013

--- KUNSTAKTION INTEGRAL-ART 2013 (2) ---

------- Original-Nachricht --------
Betreff: Antwort an Georg Katzer - Neue Musik und Stasi
Datum: Wed, 26 Jun 2013 15:53:22 +0200
Von: susanne wallmann <production@integral-art.de>


H. Johannes Wallmann
Berlin. am 26.6. 2013
an Georg Katzer


„Wir alle sind verantwortlich, für das was wir tun“ (Ausspruch Nürnberg
1945)



Guten Tag Georg Katzer,

obwohl meine Frau hinter meiner Email vom 19.6. d.J. steht (und diese
daher von ihrem Account versandte), schrieb ich sie, ebenso diese, mit
der ich Deinen Vorwurf der Diffamierung entschieden zurückweise. Auch
nach Rücksprache mit dem Forschungsverbund SED-Staat der Freien
Universität Berlin: Wer von 1982-89 einer der Vizepräsidenten des
DDR-Komponistenverbandes, außerdem Mitglied und Prof. der DDR-Akademie
der Künste und darüber hinaus DDR-Westreisekader (s.u.) gewesen ist, war
Teil des DDR-Systems und keineswegs ein Oppositioneller. Dass Du Dich in
der Wendezeit quasi oppositionell betätigt hast, besagt leider gar
nichts, denn Tatsache ist, dass gewisse andere Leute das auch gemacht
haben. Mein Vorwurf an Dich ist jedoch nicht, dass Du kein
Oppositioneller gewesen bist, sondern dass Du dies trotz besseren
Wissens beanspruchst und zugleich dazu beiträgst, Leute wie uns aus den
entsprechenden Zusammenhängen zu eliminieren.

Zunächst ein Blick auf die Verbrechen des realsozialistischen
Unrechtssystems insgesamt: ca. 70 Millionen Tote durch Mao zu
Friedenszeiten, 29-46 Millionen Tote in den sowjetischen GULAGs, 1-2
Millionen grausam Erschlagene in Kambodscha, Hunderttausende (noch
heute) in den bestialischen nordkoreanischen KZs (s.a. Film "Camp 14"),
ungezählte mittels Zersetzung gebrochene Biografien durch das MfS der
DDR; Zigtausende Ausreisebürgerrechtler in DDR-Gefängnissen. Die DDR, am
westlichsten Außenrand dieses Unrechtssystems gelegen, beging ihre
Verbrechen allerdings oft eher „geräuschlos“, wofür perfide
MfS-Lehrbücher geschrieben, entsprechende MfS-Forschungsaufträge
vergeben sowie psycho-sozial ausgefeilte Zersetzungs- und
Eliminierungsmethoden angewendet wurden. Viele sind daran gestorben. Die
Künste wurden zur Ideologieproduktion missbraucht oder dafür, die
ideologische Gleichschaltung zu kaschieren.

So geht es bei all dem nicht zuletzt um Kultur und damit um das
Selbstverständnis des Menschen. Dies unbeachtet zu lassen, würde
bedeuten, fatale – aus Nationalsozialismus und Realsozialismus
resultierende - Fehlentwicklungen fortzusetzen und Kultur endgültig
ideologischen, kommerziellen oder anderweitigen Interessenlagen
auszuliefern. Was jedoch könnte Kultur leisten? Wir Künstler sollten
prädestiniert sein, dafür fundierte Vorschläge zu unterbreiten, "denn
die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“! Mit INTEGRALE MODERNE
(Pfau-Verlag 2006)
schlug ich daher vor, Kultur neu als Werte- und
Intelligenzübertragungssystem zu denken und zu gestalten. So würde sich
permanent die Frage stellen, was uns Künstlern - ebenso wie der
Gesellschaft insgesamt - Werte und Intelligenz bedeuten. Wenn sich
Künstler und Kulturschaffende jedoch, anstatt sich mit dieser Frage
auseinanderzusetzen, lediglich ihre kleinen Vorteils-Scheibchen
herausschneiden und damit Kultur als Ganzes zu einem Kaputten machen,
ist es kein Wunder, wenn sie zum Einsparpotential wird und damit
zunehmend in Traditionalismen und Unterhaltung versinkt. Eine der
elementaren Fragen der Zukunft einer modernen Kultur ist daher, wofür
wir Künstler (ggf. unter Inkaufnahme von erheblichen Nachteilen) mit
unserem Leben und Werk einstehen. Deshalb ist Wahrhaftigkeit das
vielleicht wichtigste Unterpfand für die Zukunft von Kultur und Kunst.

Glücklicherweise gab es eine Reihe von Komponisten, die unter
Inkaufnahme von schweren Repressionen mit ihren DDR-Ausreiseanträgen ein
entschiedenes Nein gegen das realsozialistische Unrechtssystem
formulierten, die ideologische Instrumentalisierung der Künste ablehnten
oder vielleicht lediglich etwas mehr Freiheit wollten. Doch in Deinen
Einflusssphären nach der Wende, z.B. im Präsidium des Deutschen
Musikrates, in leitender Position der Sektion Musik der Akademie der
Künste, als Mitglied von Berufungskommissionen etc., hast Du es m.E.
bewusst vermieden, diesen Komponisten - Du kanntest sie persönlich, es
war für Dich keine anonyme Masse! - Fairneß und Anerkennung zuteil
werden zu lassen. Anstatt sie, ihre Konzepte und Beweggründe
einzubeziehen, hast Du dazu beigetragen, sie aus dem öffentlichen
Bewusstsein der Neuen Musik zu eliminieren. Auch 2009 im Programmheft
von Ultraschall hast Du in Deinem Beitrag ihren Widerstand (der sich
relativ früh regte!) einfach mal „vergessen“. "Vergessen" hat in
Deutschland jedoch eine fatale Tradition. Daher sei auch erinnert, dass
es ohne den Mut der Zigtausenden Ausreisebürgerrechtler (zu denen wir
zählen) kaum zum Mauerfall und zur Wiedervereinigung gekommen wäre. Es
sähe dann hier wahrscheinlich eher aus wie in Nordkorea oder in China
oder nun wieder in Russland und Ungarn, was u.a. der Preis für
"vergessen" ist. Wir gaben den Vorlauf, der Euch mehr oder minder
gezwungen hat, den Mauerfall zu vollenden; wollt Ihr Euch dafür an uns
rächen?

Zumal ich ein Werk zu vertreten habe, das sich intensiv mit
grundlegenden Fragen der Moderne sowie der Zukunft von Kultur und Musik
auseinandersetzt, kann ich o.g. Eliminieren und „Vergessen“ naturgemäß
nicht hinnehmen. Doch gab es nach der Wende (trotz der enormen Macht
der Seilschaften ehem. DDR-Kulturfunktionsträger im Bereich der Neuen
Musik) auch ehem. DDR-Bürger, die groß genug dachten, um in ihren
Einflusssphären gegenüber meinem Werk und meiner Biografie Fairneß
walten zu lassen. Ich habe mich bei Ihnen persönlich ausdrücklich dafür
bedankt. Du gehörst leider nicht dazu, obwohl ich mir das durchaus
gewünscht hätte.

Was die Reisefrage angeht, so waren Reisegenehmigungen eine Methode, mit
der das SED-Regime den „Erfolg“ jener Künstler organisierte, die ihm
mehr oder minder willfährig waren. Ebenso wie Du erhielt auch ich z.B.
einen Kompositionspreis in der Schweiz, durfte ihn jedoch nicht
„abholen“. Auch die Reisen zu Uraufführungen meiner Werke z.B. bei den
Wittener Tagen für Neue Kammermusik 1979 und 1981 oder die
Inanspruchnahme meines Stipendiums beim Internationalen Darmstädter
Ferienkurs für Neue Musik 1984 (wo Du ebenso wie in Witten wohl
„aufgrund erfolgreicher Arbeit “ anwesend gewesen bist) wurden mir von
den DDR-Behörden verweigert. Dass Du seitens des
DDR-Komponistenverbandes verantwortlich gewesen bist, welche Werke
gedruckt wurden und welche nicht, zeugt m.E. (wie auch Dein o.g.
„Vergessen“) von Deiner Verstricktheit in das realsozialistische
Unrechtssystem. Was soll ich angesichts dessen zu Deinem
Bundesverdienstkreuz sagen?

Zum Schluss möchte ich darauf hinweisen, dass ich mich nach der Wende in
diesen Fragen 20 Jahre sehr zurückhaltend verhielt, zumal ich keinerlei
Interesse verspüre, Kollegen „anzuzählen“. Doch genug ist genug und mit
den Veranstaltungen in Leipzig habt Ihr mich nun auch emotional derart
herausgefordert (meine polit. Leipziger Familiengeschichte), dass ich
nun noch klarer erkennen musste, wie wenig dienlich eine solche
Zurückhaltung für die Sache der Kultur und der Musik ist.

Berlin, am 26.6. 2013

Viele Grüße,

H. Johannes Wallmann
www.integrale-moderne.de

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Datum: Wed, 26 Jun 2013 15:59:58 +0200
Von: Georg Katzer
An: susanne wallmann

Ich habe Ihre Mail ungelesen gelöscht und werde weitere Mails auch nicht mehr öffnen.
GK
 
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Georg Katzer am 23.6. 2013 an Susanne Wallmann


Guten Tag, Frau Wallmann!

Zu Ihrer diffamierenden Mail an das Bachfest Leipzig stelle ich
Folgendes fest:

Für mein Engagement vor und bei der Wende habe ich das
Bundesverdienstkreuz aus den Händen von Roman Herzog empfangen.

Dass Johannes Wallmann in den 80ern einige Drucke bei Peters Leipzig
bekommen hat war meinem Einsatz für Wallmann zu danken, denn als einer
der fünf Vizepräsidenten des Kompnistenverbandes war ich für die Auswahl
der Werke und die Papierakquise verantwortlich.

Schon ´77 und ´78 durfte ich in die Schweiz bezw. nach Frankreich reisen
um mir dort meine Kompositionspreise abzuholen. Danach war ich oft zu
Arbeitsaufenthalten in Frankreich, auch zu einer Gastprofessur in den
USA. Ich bin also nicht geschickt worden ("Reisekader"), sondern meine
Reisen haben sich aufgrund erfolgreicher Arbeit ergeben.

G. Katzer

--------------------------------------
voausgegangen war:
 
*Von:* Bürgerkomitee Leipzig e.V. [mailto:mail@runde-ecke-leipzig.de]
*Gesendet:* Montag, 17. Juni 2013 13:14
*An:* Bürgerkomitee
*Betreff:* PM 17.06.2013: Neue Musik und Stasi. Die Überwachung der
Avantgarde!(?) / Bachfest Leipzig in der Gedenkstätte Museum in der
"Runden Ecke"



Sehr geehrte Damen und Herren,

während des Bachfestes kommen am 19. und 20. Juni 2013 jeweils 20.00 Uhr
im ehemaligen Stasi-Kinosaal der Gedenkstätte Museum in der „Runden
Ecke“ bisher kaum bekannte Stücke neuer Musik aus der Spätzeit der DDR
und aus der Zeit kurz nach der Friedlichen Revolution zu Gehör. Als
Kontrastierung zur Musik, lesen die Komponisten aus Stasiakten, Statuten
und Kritiken. Die Kooperation von Bachfest Leipzig, musica nova e.V. und
Bürgerkomitee Leipzig e.V. versucht eine neue Form der Annäherung an die
neue Musik in der DDR Ende der 1970er und 1980er Jahre.

Wir würden uns freuen, wenn Sie die Termine in Ihren Medien ankündigen
könnten und laden Sie herzlich zu diesen besonderen Veranstaltungen ein.
Nähere Informationen erhalten Sie in der angehängten Pressemitteilung,
die Sie auch auf der Homepage abrufen können unter:
www.runde-ecke-leipzig.de/?id=218
<http://www.runde-ecke-leipzig.de/?id=218>.

Mit freundlichen Grüßen

i.A. Katharina Schubert

Bürgerkomitee Leipzig e.V.
Träger der
Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke"
mit dem Museum im Stasi-Bunker
Dittrichring 24
PF 10 03 45
04003 Leipzig
Tel.: 0341/9612443
Fax: 0341/9612499
Homepage: http://www.runde-ecke-leipzig.de
<http://www.runde-ecke-leipzig.de/>
E-mail: mailto:mail@runde-ecke-leipzig.de

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H. Johannes Wallmann
Berlin, 19.6. 2013

An das Leitungsgremium des Bachfestes Leipzig
und an das Bürgerkomitee Leipzig e.V


Sehr geehrtes Leitungsgremium des Bachfestes Leipzig,
sehr geehrte Damen und Herren vom Bürgerkomitee Leipzig e.V.,

um der Zukunft unserer Kultur willen (und im Rahmen meines ICH-SCHWEIGE-
NICHT-Projektes
- s.u.) muss ich Sie bedauerlicherweise darauf
aufmerksam machen, dass Sie mit dem Programm „Neue Musik und Stasi“ am
19./20. Juni 2013 innerhalb des Leipziger Bachfestes bestimmten
Interessen von „Wendehälsen“ aufgelaufen sind. Mit der prominenten
Unterstützung des Bachfestes und des Bürgerkomitee Leipzig e.V. wollen
diese nun offenbar auch über das Thema „Neue Musik und Stasi“
Deutungsmacht erlangen.

Es bleibt mir daher nichts anderes übrig, als konkret zu werden. So war
z.B. Georg Katzer von 1982-89 Vizepräsident des DDR-Komponistenverbandes
und zugleich vielreisender DDR-Westreisekader. Dazu sei auch hingewiesen
auf Anmerkung 2) meines Offenen Briefes zum Symposium „Autonomie und
Lenkung. Die Künste im doppelten Deutschland“, Leipzig 4.-6. April 2013:
http://www.integralart.de/content/integrale-moderne-buch/offener-brief-sed-diktatur

Es ist bezeichnend, wie die Protagonisten der beiden Konzerte das Thema
besetzen und sich dafür jetzt offenbar quasi auch selbst als DDR-
Oppositionelle inszenieren wollen. In ihren teils enormen Einfluss-
sphären seit der Wende trugen sie jedoch bewusst dazu bei, jene
„Avantgarde“- Komponisten klein zu reden, zu stigmatisieren und - wie
nun auch hier - aus den Zusammenhängen zu eliminieren, die in der Tat
oppositionell waren und mit ihren DDR-Ausreiseanträgen ein klares Nein
gegen das SED-Unrechtssystem formulierten (s.a. mein Buch DIE WENDE GING
SCHIEF, Kulturverlag Kadmos 2009
). Da als Rechtfertigung für solche
Ausgrenzungen gern fachliche Argumente bemüht werden, hier ein Link zu
einem Video, in dem sich Spitzenmusiker z.B. über meine Musik äußern.:
http://vimeo.com/20895644

Wahrhaftigkeit ist für Kultur von entscheidender Bedeutung, denn
andernfalls verliert sie Akzeptanz, Berechtigung und somit auf Dauer
ihre Zukunft. Jenseits von Traditionalismen sollte dies gerade auch für
ein Bachfest von hoher Wichtigkeit sein und nicht aus den Augen und
Ohren verloren werden.

In diesem Sinne mit freundlichen Grüßen aus Berlin in meine Geburtsstadt
Leipzig,

H. Johannes Wallmann
www.integrale-moderne.de

Jürgen-Fuchs-Zyklus ICH-SCHWEIGE-NICHT
http://www.integralart.de/content/projekte/juergen-fuchs-zyklus-2010-12

Anlage als pdf: Seite 3-Artikel der LVZ / DNN vom 26.3. 2013 „Agent
Wallmann und sein Sohn“

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Antwort des Thomaskantors

per Email, 19.7. 2013:

 

Sehr geehrter Herr Wallmann,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 19.06.2013. Ich kenne die Problematik der »Wendehälse«, die sich auf gefährliche Weise mit den »unwissenden« Wessis verbünden. Wir können nur nachträglich immer wieder an die Wahrhaftigkeit appellieren und die »virtuosen« Wendehälse zur Rede stellen. Ein Ausschluss der »Angepassten« wird nicht möglich sein! Übrigens ist die Veranstaltung »Neue Musik und Stasi« eine Veranstaltung des Bürgerkomitees, das wegen der terminlichen Überschneidung mit dem Bachfest kooperierte. Für die inhaltliche Seite ist allein das Bürgerkomitee verantwortlich. Die Konsequenz aus deren Unachtsamkeit wird aber sein, dass wir eine derartige Kooperation nicht wieder durchführen können.

Mit freundlichen Grüßen,

Georg Christoph Biller

i. A. ...

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