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Offener Brief an Margot Käßmann (2010)

--- KUNSTAKTION INTEGRAL-ART 2010 ---

14.1.2010

An die EKD-Ratsvorsitzende

Landesbischöfin Frau Dr. Margot Käßmann

Haarstr. 6

30169 Hannover

 

Ihre „Afghanistan-Predigt“

 

Sehr verehrte Frau Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende,

mit Interesse habe ich Ihre Neujahrs-Predigt gelesen und denke, dass sie im Hinblick auf die Problemlage in Afghanistan zu kurz greift, zumal die Taliban in der westlichen Demokratie und der christlichen Kultur den Teufel sehen, den es mit aller Macht zu bekämpfen gilt. Wäre dem auf Dauer mit dem Fokus auf soziale Hilfsprojekte wirklich beizukommen?

Wie die Geschichte zeigt, ist zeitweises friedliches Miteinander der Kulturen, Religionen und Ideologien immer wieder in kriegerische Auseinandersetzung umgeschlagen. Der 30-jährige Krieg sei dafür nur als eines von vielen Beispielen genannt. Nicht von ungefähr kam es nach dem Ende dieses Krieges zur Epoche der Aufklärung. Sie erwuchs nicht nur aus der christlichen Kultur selbst, sondern auch aus der unmittelbaren Erfahrung der Schrecken dieses Krieges, auf die es grundlegend zu antworten galt. Deshalb zielte die Aufklärung auf die gemeinsamen Grundlagen der unterschiedlichen Kulturen und Religionen (wofür z.B. Lessings Ringparabel steht). Deshalb zielte sie darauf, sich mit den Mitteln der Vernunft von althergebrachten, überholten starren Vorstellungen und Ideologien zu befreien.

Daher:

- Nichts ist gut in einer Kirche, die an althergebrachten, überholten starren Vorstellungen und Ideologien festhält und sich immer wieder der Aufklärung entgegenstellt, anstatt diese zu ihrer ureigenen Sache zu machen und damit der Entideologisierung der Religionen voranzugehen. Trotz ihrer vergleichsweise komfortablen Situation steht sie nun gegenüber anderen Religionen – und auch der Menschheit als Ganzes – quasi mit leeren Händen da.

- Nichts ist gut in einer Kirche, die aufklärerische theologische Ansätze (wie die von Dietrich Bonhoeffer, Rudolf Bultmann, Dorothee Sölle oder Paul Tillich) aus der kirchlichen Praxis eher ausgrenzt als integriert. Durch diese Ignoranz hat sie die Chance verspielt, für theologische Aufklärung beispielhaft zu sein.

- Nichts ist gut in einer Kirche, die nicht den offensiven Dialog mit den modernen Philosophien, Wissenschaften und Künsten sucht, ohne dies für sich zu instrumentalisieren.

- Nichts ist gut in einer Kirche, die angesichts der großen menschheitsgeschichtlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts sich überwiegend in Problemignoranz und Diktaturtoleranz übte und dabei ihre eigene Verantwortung unter gesellschaftlichen Gepflogenheiten begrub.

- Nichts ist gut in einer Kirche, die sich nicht wirklich in der Gefolgschaft von Jesus als weisem, mutigem und pazifistischem Widerstandskämpfer versteht und Christen entsprechend ermuntert.

Sie sagten in Ihrer Predigt: „Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen.“ 2007 sandte ich Ihnen mein GLOCKEN REQUIEM XXI zu, das von den sächsischen Kirchenleitungen deshalb abgelehnt wurde, weil es auf Gedanken von Lessings Ringparabel und auf gemeinsame Grundlagen der Kulturen und Religionen zielt. Dieses Requiem beginnt und endet auf deutsch, hebräisch und hocharabisch mit dem Text von Anne Frank:

„Solange die ganze Menschheit, ohne Ausnahme,

keine Metamorphose durchläuft,

wird Krieg wüten und alles,

was gebaut, gepflegt und gewachsen ist,

wieder abgeschnitten und vernichtet..."

In diesem Sinne erlaube ich mir, Ihnen heute anbei meine 25 Thesen „Kultur und modernes Christentum“ zu überreichen. Ich verbinde damit die Hoffnung, dass diese Thesen nicht erneuter christlicher Ignoranz anheim fallen.

Mit freundlichen Grüßen und guten Wünschen für 2010

H. Johannes Wallmann

 

25 Thesen „Kultur und modernes Christentum“

 

Brief 2015 an den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm

 

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