Kultur und modernes Christentum - 25 Thesen
»Wenn sich ein Nichtschwimmer ins Wasser stürzt, dann beginnt sein Körper […] instinktive Bewegungen zu seiner Rettung zu machen. Auch die Kunst […] existiert als Instinkt, der die Menschheit im geistigen Sinne nicht ertrinken lassen will.«
(Andrej Tarkowskij)
"Wer über die wirklich entscheidenden Fragen von Kunst und Musik nachdenkt (und wie sollte sonst gute Kunst und Musik entstehen können?), kann gar nicht anders, als auch über die von Kultur, Religiosität und Philosophie, Demokratie und Ethik sowie über die großen Probleme und Fragestellungen der Moderne nachzudenken. Zumal die Kirche sich selbst als den größten “Kulturträger” bezeichnet, ist die Reflektion theologischer Fragen daher unumgänglich. Ohne solche Reflektion (vielleicht war das einer der schwersten Unterlassungsfehler des Weimarer Bauhauses?) ist kulturelle Innovation m.E. von vornherein zum Scheitern verurteilt. Mit der BAUHÜTTE KLANGZEIT (1991/92) und dem GLOCKEN REQUIEM (1995/2006) habe ich bereits die kulturell-innovative Stoßrichtung meines Denkens und Arbeitens signalisiert. Schon die alten Bauhütten setzten auf kulturelle Innovation und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Sie stellten dem Dunkel der Romanik die Höhe, das Licht, die Farben, Transparenz sowie Klang und weittragende Akustik entgegen. Entsprechend zielen auch diese 25 Thesen auf kulturelle Innovation, interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie auf die Grund- und Wertefragen unserer Kultur - und gehen damit weit über theologische Fragen hinaus." (H.Johannes Wallmann)"alles, das der mensch in frage stellt, ist sein standort"
(Kurt W.Streubel 1970)
1.4. 2010: "Sehr geehrter Herr Wallmann, herzlich danke ich Ihnen für Ihre anregenden, mutigen und visionären 25 Thesen "Kultur und modernes Christentum". Eine hochinteressante Auseinandersetzung mit geistesgeschichtlichen und kulturhistorischen Tendenzen der Gegenwart. ... Ihr R. Meister" (R.Meister, Generalsuperintendent von Berlin, ab 2011 Landesbischof von Hannover)---
25 Thesen "Kultur und Modernes Christentum"
1.
Seit der Reformation – also seit bald 500 Jahren - hat sich in der
Kirche theologisch nur sehr wenig bewegt. So wurden auch moderne
theologische Ansätze (z.B. von Dietrich Bonhoeffer, Rudolf Bultmann,
Dorothee Sölle oder Paul Tillich) aus der kirchlichen Praxis eher
ausgegrenzt, als integriert. Zugleich bildeten die Kirchen gegenüber
Versuchen (z.B. des Bauhauses), eine kulturelle Innovation in Gang zu
setzen, immer wieder eine religiös- konservative Barriere. Damit stehen
sie islamischer Ideologie offenbar näher als der Aufklärung und der
Moderne, die aus der christlichen Kultur erwachsen sind.
2.
Viele Kirchenverantwortliche zielen noch heute auf eine Volks- und
Frömmigkeitskirche, die sich hinter Theologien und Traditionen der
Vergangenheit zurückzieht, anstatt die kirchliche Praxis für
aufgeklärte theologische Ansätze zu öffnen. Solche Verweigerung hatte
in Deutschland bereits in der Vergangenheit furchtbare Folgen.
3.
Durch den – theologisch verursachten - allgemeinen
Religiositätsverlust, der angesichts des 1. Weltkrieges breite
Bevölkerungsschichten erfasst hatte, wurde dem pseudoreligiösen
Durchmarsch Hitlers Tür und Tor geöffnet. Zudem kollaborierten (unter
Führung der „Deutschen Christen“) christliche Kirchenführer
mehrheitlich mit dem Nationalsozialismus. Nach dem Nationalsozialismus
entschlossen sie sich jedoch lediglich zu dem vagen Stuttgarter
Schuldbekenntnis, das weit hinter dem von Dietrich Bonhoeffer
formulierten Schuldbekenntnis zurückblieb. Wann wird dies endlich
korrigiert?
4. Unter „Führung“ der Stasi-IM in den
Kirchenleitungen sowie z.B. den Mitgliedern der „Christlichen
Friedenskonferenz“ (CFK) kollaborierten die Kirchen auch mit dem
Realsozialismus und dem zweiten totalitären deutschen Staat. Obwohl
durch diese Kollaboration die massiven psychosozialen Verbrechen des
Realsozialismus in Abrede gestellt und somit gedeckt wurden, unterblieb
nach dem Ende des Realsozialismus ein Schuldbekenntnis der Kirchen
vollständig. Als wes Geistes Kind erwiesen sie sich dabei? Auch die
meisten „Wendetheologen“ stellten sich dem ganzen Umfang dieser
Problematik kaum.
5. Anstatt ihre „Versäumnisse im Zentrum
theologischer Ethik“1) einzuräumen, schreiben sich die evangelischen
Kirchen und ihre „Wendetheologen“ heute die „Friedliche Revolution“ auf
ihre Fahnen, betreiben damit jedoch Augenwischerei. Denn manch eine
DDR-Kirchenleitung versuchte massiv jene kirchlichen Mitarbeiter und
Gruppen zu disziplinieren, die sich für eine Liberalisierung innerhalb
der DDR einsetzten. Außerdem segneten sie die Stigmatisierung und
Verteufelung von Zigtausenden Ausreiseantragstellern ab. Damit
lieferten sie diese Menschen, die u.a. zu Tausenden in den
DDR-Gefängnissen saßen, weil sie „Nein“ zum SED-Regime gesagt hatten,
der äußerst unfriedlichen Willkür des Ministeriums für Staatssicherheit
sowie einer allgemeinen gesellschaftlichen Entsolidarisierung aus (die
auch nach der Wende anhielt). Großes Leid entstand und die Biografien
vieler Menschen, die sich mutig gegen dieses totalitäre Staatssystem
gestellt hatten (und damit die Voraussetzungen für den Mauerfall
schufen), zerbrachen. Auch diesbzgl. blieb ein Schuldeingeständnis der
Kirchen aus.
6. Darf das Feld weiterhin kollaborierenden und
rückwärtsgewandten religiösen Mentalitäten überlassen bleiben? Nein,
denn der Preis dafür – die Weltkriege, der Holocaust, die totalitären
Staatssysteme von Nationalsozialismus und Realsozialismus, die
„Gottesstaaten“, der Klimawandel - ist bereits zu hoch!
7.
Angesichts der menschheitsgeschichtlichen Katastrophen des 20.
Jahrhunderts steht die christliche Kultur vor der Herausforderung, sich
gegen das Entstehen vergleichbarer Katastrophen zu stemmen.
8.
Unsere Kultur – aber auch die Menschheit als Ganzes – kann sich die
religiöse Schizophrenie nicht länger leisten, dass es »zwei
verschiedene Erkenntnisordnungen gibt: die des Glaubens und die der
Vernunft«. Denn dies führt zu ethisch völlig inakzeptablen
Verhaltensweisen, verhindert die Entwicklung eines vollen und ganzen
menschlichen Bewusstseins sowie eines zukunftstragfähigen
Wertesystems, das einen Neuen Bund zwischen
Universellem-Soziellem-Individuellem zu gewährleisten vermag.
9.
Die o.g. Schizophrenie kann überwunden werden, denn Religiosität,
Aufklärung, Moderne und die mit ihnen einhergehenden Erkenntnisse
schließen sich nicht aus, sondern bilden eine integrale Einheit, die es
zukunftstragfähig zu gestalten gilt. Seit der Aufklärung haben sich die
besten Köpfe unserer Kultur um diese neue Einheit und um entsprechende
kulturelle Innovationen bemüht. Ihr Erfolg blieb jedoch auch aufgrund
der massiven religiös-konservativen Barrieren äußerst begrenzt.
10.
Nicht zuletzt aufgrund dieser Schizophrenie entwickelten sich durch die
modernen Technologien (die tief in kleinste Teilchen, z.B. in Atome,
Gene und Ozon - und damit in die allgemeinen Lebensgrundlagen -
eingreifen) jene Eigendynamiken, die gegenwärtig dabei sind, das Leben
auf diesem Planeten zu vernichten. Auch der Klimawandel ist ein
Resultat dieser Eigendynamiken und der ihnen zugrunde liegenden
Mentalitäten. Aber er ist bei weitem nicht die einzige Bedrohung.
11.
Durch ihre – aus religiösem Konservativismus gespeiste - Ignoranz
gegenüber Aufklärung und Moderne verschärfen Religionsführer und
Kirchenverantwortliche nicht nur die tiefgreifenden Probleme der Welt,
sondern rauben unzähligen Menschen die Möglichkeit, jenseits von
Traditionen und Gewohnheiten eine aufgeklärte und
freiheitlich-verantwortliche Religiosität leben und entfalten zu
können.
12. In ihrem Buch „Atheistisch an Gott glauben“
schreibt Dorothee Sölle: „Theologie als kritische Selbstverständigung
ist bestimmt durch jenes Ereignis, das Nietzsche das ´große neuere´
genannt hat; das ´Ereignis, daß >Gott tot ist< und daß ´wir´ ihn
´getötet´ haben. [...] Nietzsche begreift jene Tötung als letzte
Konsequenz aus dem christlichen Gottesgedanken selbst, wie er sich in
der abendländischen Metaphysik zweier Jahrtausende entwickelt hat.
Durchdenkt man diese Konsequenz, so fragt sich´, ob Säkularisierung
etwas ist, das, dem christlichen Glauben und seinem Wesen
entgegengesetzt, diesem aufgezwungen wird und das ihn von außen her
zerstört, oder ob sie ein Vorgang ist, der sich folgerecht aus dem
Wesen des christlichen Glaubens ergibt.´ [Friedrich Gogarten] Die
zweite Deutung hat sich seit Friedrich Gogarten, Dietrich Bonhhoeffer
und Paul Tillich in der evangelischen Theologie der Gegenwart immer
stärker durchgesetzt.“2) Wie ging die kirchliche Praxis mit dieser
Deutung um?
13. Im Sinne moderner Theologie ist es an der
Zeit, sich von dem alten Denkmodell „Gott“ zu lösen und „Gott“ nicht
länger als alten Herrn zu begreifen, der vom Himmel aus die Geschicke
steuert, sondern ihn als Begriff für universelle Intelligenz zu denken,
aus der die hohen Ordnungen des Weltalls und das Leben selbst
hervorgingen und der es sich auf allen Ebenen menschlichen Lebens zu
öffnen gilt. So gesehen, ist „Gott“ nicht tot, sondern äußerst lebendig
- allerdings ganz anders, als bisher gedacht.
14. Die
natürlichen Lebensgrundlagen auf der Erde und die Intelligenzpotentiale
des Menschen sind das große Geschenk der Evolution und der in ihr
wirkenden universellen Intelligenz. Die Evolution kann als Beleg für
das Wirken dieser universellen Intelligenz verstanden werden.
15.
„Gott“ als Begriff für höchste universelle Intelligenz, als Begriff für
das Ganze, als Begriff für einen Neuen Bund zwischen
Individuellem-Soziellem-Universellem, als Sinnbild der Liebe sowie
höchster ethischer Maßstäbe, als Begriff für eine neue Einheit zwischen
Mensch und Natur, wäre für eine zukunftstragfähige Selbstorganisation
menschlichen Lebens auf der Erde von grundlegender Relevanz.
16.
In solch modernem theologischen Sinne können sich modern und aufgeklärt
denkende Christen als erwachsen gewordene „Kinder Gottes“ verstehen,
die in vollem Umfang für ihr Tun und Lassen sowie die Erhaltung der
ideellen und materiellen Lebensgrundlagen verantwortlich sind.
17.
Jede Mutter gebirt mit ihrem Kind einen potentiellen Teilhaber an
universeller Intelligenz. Deshalb erwirbt jeder Mensch mit seiner
Geburt genuine Rechte der Teilhabe an den Lebensgrundlagen und den
allgemeinen Austauschkreisläufen. Zugleich erwirbt jeder Mensch die
Pflicht, dafür einzutreten, dass entsprechend der Goldenen Regel3)
jedem einzelnen Menschen diese Teilhabe gewährt wird. Das u.a. heißt
modernes Christsein und ist eine Voraussetzung zur Entwicklung von
„Christussubstanz“.
18. Christus war ein sehr weiser, mutiger
und pazifistischer Widerstandskämpfer. In ihm manifestierte sich
spirituelle „Christussubstanz“ - wie Joseph Beuys es nannte. Diese
„Christussubstanz“ ist in jedem Menschen angelegt und kann als Quelle
aufgeklärten Christentums verstanden werden. Deshalb sollte sich
modernes christliches Denken und Handeln nicht gesellschaftlichen
Gepflogenheiten unterwerfen.
19. Neu und aufgeklärt gilt es auch
das Religiöse überhaupt zu denken: Als inneren - auf
Gesamtzusammenhang gerichteten - Orientierungssinn, der im Menschen
das Sehnen nach dem Ganzen und dem Ganzheitlich-Gebunden-Sein der Teile
(und somit menschlichen Lebens selbst!) bewahrt.
20. Das
Religiöse und das Philosophische bedingen sich gegenseitig. Ohne das
Philosophische – als Streben nach Freiheit und integraler Erkenntnis -
gerät das Religiöse in Gefahr, in ignoranter Ideologie, Machtpolitik
und gesellschaftlicher Reputation zu erstarren. Ohne das aufgeklärt
verstandene Religiöse gerät andererseits das Philosophische in Gefahr,
sich in den Labyrinthen des Intellekts zu verlieren.
21.
Mittels einer Kultur, die als Werte- und Intelligenzübertragungssystem
funktioniert, sowie mittels moderner theologisch-philosophischer
Orientierungen würde es möglich, ein lebendiges modernes religiöses
Leben und Wertesystem zu entfalten, in das alte religiöse und
philosophische Weisheiten (z.B. die Goldene Regel) ebenso einbezogen
werden können wie die modernen Künste, Wissenschaften und ethisch
zukunftstragfähige Maßstäbe politischen und wirtschaftlichen Denkens
und Gestaltens.
22. Sowohl avancierte Wissenschaften und
Künste, Philosophien und Theologien, als auch Demokratie, Politik,
Wirtschaft und Technologie können nur in dem Maße als zukunftstragfähig
sowie als Energien und Manifestationen universeller Intelligenz gelten,
wie sie dieser aufgeklärt-modern entsprechen und dabei aller
Fachidiotie abschwören. Dadurch werden sie zu Elexieren der Sicherung
der Lebensgrundlagen sowie der Kultur eines neuen und aufgeklärten
religiösen Bewusstseins.
23. Mittels kritisch-historischer
Theologie sowie entsprechend neuen theologischen Deutungsperspektiven
können alte „Große Erzählungen“ metaphorisch neu und aufgeklärt-modern
verstanden werden.
24. Während es sich für die Entwicklung
einer modernen Religiosität von zukunfstdestruktiven Traditionen und
Gewohnheiten zu trennen gilt, heißt es sich bewusst zu bleiben, dass
Spiritualität und religiöse Kulturtechniken – wie Gebet und Meditation
– nicht aufgegeben werden dürfen, denn sie sind Lebenselexiere und
haben sich seit Jahrtausenden bewährt. Es gilt - auch um der Zukunft
willen - sie nicht länger religiös-konservativen Vereinnahmungen zu
überlassen.
25. Wenn das Leben auf diesem Planeten dauerhaft
gewährleistet werden soll, befinden sich die Weltreligionen gegenüber
der gesamten Menschheit in einer umfassenden Verantwortung, das Schisma
zwischen Religiosität, Aufklärung und Moderne zu überwinden, sich im
Wettbewerb um die besten Beiträge für eine zukunftstragfähige
Gestaltung der Welt als Geschwister zu verstehen und
unmissverständliche Schritte in Richtung einer umfassenden
Entideologiserung religiöser und kultureller Traditionen zu
unternehmen. Zumal Aufklärung und Moderne (sowie deren große
Katastrophen) aus ihr hervorgingen, kommt dafür der christlichen Kultur
– und auch den aus ihr hervorgegangenen säkularen Kulturstrukturen –
eine ganz besondere Verantwortung zu.
Heinrich Johannes Wallmann, Berlin, am 8. Dezember 2009
Anmerkungen:
1)Wolf Krötke zitiert nach Ehrhart Neubert: »Vergebung oder Weißwäscherei«, Freiburg i. Br. (Herder) 1993, S. 73 f.
2)Dorothee Sölle: »Atheistisch an Gott glauben«, Olten / Freiburg i. Br. (Walter), 1968, S. 52 f.
3)Die
Goldene Regel besagt: »Was Du nicht willst, das man dir tu, das füg
auch keinem anderen zu«. Allgemeiner kann sie heute folgendermaßen
lauten: Handle so, dass deine Handlungen Bestandteil eines Vertrages
sein könnten, der sowohl für dich als auch für alle anderen Menschen
fair ist.

