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EUROPA? KULTUR-REFORMATION!

anti-totalitär & integral-modern - Aufruf und Frage in 26 Reflexionspunkten von H.Johannes Wallmann --- KUNSTAKTION INTEGRAL-ART 2016/1 ---

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„es ist zu wenig Europa in dieser Union
es ist zu wenig Union in diesem Europa“
(nach Jean-Claude Juncker 12/2015)

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26 Reflexionspunkte - Aufruf und Frage in 26 Reflexionspunkten von H. Johannes Wallmann

 © unter creativ commons (CC BY-NC-ND 3.0): http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/

01.  Angesichts eskalierender nationalstaatlicher Egoismen, der gegenwärtigen Flüchtlingskrise (die als eine Völkerwanderunmg zu sehen ist) sowie des Aufkeimens neuer Totalitarismen ist deutlich, dass die Fokussierung der Europäischen Union auf Wirtschaftsfragen nicht zukunftstragfähig ist.

02. Damit sich – anstelle von neo-nationalistischen Egoismen – zukunftstragfähige europäische Mentalitäten entwickeln können, bedarf es einer tiefgreifenden europäischen KULTUR-REFORMATION, mit der Kultur als Werte- und Intelligenzübertragungssystem verstanden und gestaltet wird. (s.a. INTEGRALE MODERNE - Vision und Philosophie der Zukunft) // (s.a. VOICES SOUND EUROPE)

03. Denn Kultur konfiguriert die Gemüter und ist eine der mächtigsten Einflusssphären, die der menschlichen Gesellschaft zur Verfügung stehen. Sie ist das Struktursystem, auf dessen Grundlage die Werte-und Intelligenzfragen einer jeweiligen Gesellschaft reflektiert und kommuniziert werden.(Wobei gesellschaftlich darüber zu debattieren wäre, was „Werte“ und „Intelligenz“ bedeuten.)

04. Zwischen Kultur (z.B. Medien, Kirchen, Museen, Konzerthäuser, Universitäten) und Zivilisation (z.B. Wirtschaft, Kanalisation, Sozialmanagement, Medien) ist zu unterscheiden.

05. Angesichts der Moderne ist Kultur nicht nur eine regionale, sondern eine überregionale und globale Frage – und damit auch eine des modernen Europa. (s.a. integral-games.net)

06. Woher kommen wir, wer sind wir, wohin gehen wir? Die kulturellen Wurzeln Europas liegen ebenso im Okzident wie im Orient, in den jüdischen, christlichen, muslimischen, griechisch-antiken Künsten/Religionen/Philosophien, und haben sich neu gezeigt in denen der Aufklärung und der Moderne, aber auch z.B. in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. (s.a. auf der suche nach der zukunft - video)

07. Zur Entwicklung einer integral-modernen europäischen Kultur sollten die unterschiedlichen kulturellen Wurzeln geachtet und bewahrt, aber entideologisiert und als gegenseitige Ergänzung verstanden werden. (s.a. Kultur und modernes Christentum - 25 Thesen)

08. Die von Europa (und der Aufklärung) ausgegangene Moderne ist für die Menschheit mit einer evolutiv neuen Situation verbunden. Sie resultiert aus den modernen Technologien selbst, mit denen wir Menschen tief in kleinste Teilchen (z.B. in Daten, Atome, Gene oder die Ozonschicht) und damit in große langfristige Lebens- und Verantwortungszusammenhänge eingreifen. Das damit verbundene Katastrophenpotential (s.a. Klimawandel) bildet eine geradezu wahnwitzige Herausforderung an die integrale Entwicklung der menschlichen Intelligenz und aller kulturellen Wertesysteme.

09.  Je tiefer technologisch in kleinste Teilchen eingegriffen wird, umso stärker muss kulturell das Ganze in den Blick genommen werden. Andernfalls werden wir als Menschheit zu dumm zum Überleben sein. (Anm. s.u.) (s.a. www.der-blaue-klang.de)

10. Die komplexen Probleme der Moderne – ob in Politik, Demokratie, Kultur, Technik, Ökonomie, Ökologie oder Ethik - wirken sich aufeinander aus. Sie können zwar separiert betrachtet, aber nicht mehr separiert gelöst werden.

11. Angesichts der evolutiv neuen Situation ist die Menschheit erstmals in ihrer Evolutionsgeschichte – und zum Preis ihres Untergangs - für das Leben als Ganzes auf diesem Planeten verantwortlich. ("Anthropozän" nennen Paul Cruzen und Eugene F. Stoermer dieses Zeitalter.) Damit stellt sich die kulturelle Frage nach dem Sinn menschlichen Lebens vollkommen neu und integral. (s.a. ARIA - live von 7 Kontinenten)

12. Um moderne Sinn(und Gott)Suche weder dem "Terror des Wir" noch dem "Terror des Ich" (E.Gillen) auszuliefern, ist das Universelle von zentraler Bedeutung. Es ermöglicht eine neue Synthese von Individuellem-Soziellem-Universellem. Zu dieser können die modernen Philosophien, Wissenschaften und Künste (s.a. z.B. Vaclav Havel, Jürgen Fuchs, Ai WeiWei, Jafar Panahi, Nadeshda Tolokonnikowa oder die Charlie Hebdo-Problematik) wesentlich beitragen. (s.a. SOLO-UNIVERS)

13. Wesentlich für kulturelle Entwicklung ist auch, dass Ideologie durch Ideen-Logik ersetzt wird. Denn Ideologien „müssen“ geglaubt, Ideen-Logiken dagegen wollen argumentiert und konstruktiv-kritisch hinterfragt werden - das ist der entscheidende Unterschied. (Alle bisherigen Kulturen waren „Höhlenideologien“ - s.a. Platons Höhlengleichnis.)

14. Die Entideologisierung kultureller Traditionen und aufgeklärte Theologien (für einen „Neuen Bund“ von Individuellem-Soziellem-Universellem) sind neben der - mit Leben zu füllenden! - Freiheit von Kunst und Wissenschaft grundlegend für die Entwicklung einer modernen europäischen Kultur sowie die Bewältigung der evolutiv neue Situation. (s.a. www.glockenrequiem.de)

15.  Jeder einzelne Mensch hat ein Recht auf sinnerfülltes Leben und ist als ein potentieller Teilhaber an höchster universeller Intelligenz zu sehen, der u.U. entscheidend zur Bewältigung der evolutiv neuen Situation beitragen kann. (s.a. www.ich-schweige-nicht.de)

16. Intelligenz (d.h. nicht nur als Einzelner, sondern als Menschheit nicht zu dumm zum Überleben zu sein) ist nur in dem Maße zu haben, wie das Streben nach Erkenntnis zugleich ein Streben nach Freiheit ist. Intelligenz und Freiheit bedingen sich gegenseitig und implizieren zugleich Verantwortung; andernfalls wären sie nur Varianten von Dummheit.

17. Es wäre ein Irrtum, Intelligenz auf das Rationale zu verengen. Sie ist umfassenderer Natur und beruht auf der Balance und Qualität des Zusammenwirkens von Rationalem und Emotionalem. Der kulturell zu gewährleistende emotional-ästhetische Informationstransfer jenseits von Gewohnheiten, Klischees und Kitsch ist für die Entwicklung der Intelligenz der menschlichen Gesellschaft von eminenter Bedeutung und darf deshalb von der "Medien-Demokratie" nicht zur Randerscheinung degradiert werden. www.der-gruene-klang.de

18. Bereits im 12./13. Jahrhundert kam es mit den alten Bauhütten in Europa zu einer kulturellen Innovation. Durch gemeinsamen Geist und das integrale Zusammenwirken der Künste entstanden gotische Bauwerke von höchster Meisterschaft, die gegen das Dunkel mittelalterlicher Romanik architektonische Weite, Höhe, Akustik, Klang, Licht, Farbe und Skulptur setzten. Renaissance und Humanismus folgten und waren als geistiges Erwachen die Vorläufer von Reformation und Aufklärung.

19. Nach der ersten großen Katastrophe der Moderne knüpfte das Weimarer Bauhaus 1919 auf moderne Weise an der Idee der kulturellen Erneuerung sowie des integralen Zusammenwirkens der Künste der alten Bauhütten an. Einer seiner größten Unterlassungsfehler bestand darin, dass die Frage einer aufgeklärten modernen Religiosität nicht wirklich thematisiert wurde. Somit scheiterte es vor allem an konservativ-national-religiösen Barrieren und konnte trotz seiner enormen Leistungen keine hinreichende Orientierungen bilden, um dem Aufkommen neuer totalitärer Ideologien wirksam Paroli zu bieten. Es folgten Nationalsozialismus, Holocaust, 2.Weltkrieg - aber auch Realsozialismus und GULAG. (s.a. BAUHÜTTE KLANGZEIT WUPPERTAL)

20. Weder nach dem Ende des 2. Weltkrieges und des Nationalsozialismus 1945 noch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende des Realsozialismus 1990 kam es in Europa zu einer kulturellen Innovation. Stattdessen dominierten Party, Unterhaltung, Fußball,Trash - was von den öffentlich-rechtlichen Medien der (post-totalitären) Demokratien Europas mit großer Intensität kommuniziert wurde. Darf es hingenommen werden, dass angesichts dessen Art. 5/Abs. 3 des deutschen Grundgesetzes („Kunst und Wissenschaft ... sind frei.“) quasi zur Farce verkam? (s.a. Im Vis à vis alter und neuer Totalitarismen - Kunst - eine Tochter der Freiheit?)

21. „Ich glaube, dass das Fernsehen in den letzten vierzig Jahren das Verhalten der Menschen maßgeblich beeinflusst hat. Wäre man einen anderen Weg gegangen, hätte man sie positiv beeinflussen können“ (so der Fernseh-Showmaster Hans-Joachim Kuhlenkampff 1998). Zumal das demokratische Gemeinwesen dafür viele Milliarden aufwendet, gehen die - von politischen Gremien eingesetzten - Medienverantwortlichen sicherlich nicht davon aus, dass die Beeinflussung durch die öffentlich-rechtlichen Medien unerheblich ist. Warum aber wird dann das Qualitätsniveau der Programme immer weiter abgeflacht, der „kulturelle Motor“ auf Sparflamme gesetzt? Wie soll sich eine demokratische Gesellschaft kulturell niveauvoll entwickeln können, wenn sie ihr kulturelles Innovationspotential als Randerscheinung behandelt und es damit aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein eliminiert? Liegt darin nicht letztlich ein Verrat an der Demokratie? (s.a. DER BLAUE VOGEL)

22. Nicht zuletzt aufgrund unzureichender kultureller Aufarbeitung von Kolonialismus, Nationalsozialismus, Realsozialismus wurden die großen kulturellen Fragestellungen des geeinten Europa an Star- und Selbstdarsteller-Interessen, kulturelle Konservatismen, den Interpretenhimmel sowie postmodernes „anything goes“ ausgeliefert. Es ist angesichts dessen kein Wunder, dass die gesellschaftlichen Fliehkräfte auf allen Ebenen zunahmen und Europa es nun mit neuen Totalitarismen sowie dem Neuerstarken nationalistischer Mentalitäten zu tun bekommen hat.

23. Angesichts der überbordenden Produktion von Zivilisationsmüll ist es an der Zeit, die gesellschaftlichen/kulturellen Wertsetzungen zu überdenken und neu zu justieren. Lebensqualität ist nicht an Konsum, Unterhaltung, Ablenkung, Ignoranz (die die Lebensgrundlagen vernichten) gebunden, sondern lässt sich vielmehr durch kulturelle Qualitäten erreichen, die das Kreative, Künstlerische, Philosophische, Aufgeklärt-Religiöse, Ethisch-Bewusste ins Zentrum stellen und keinen Verschleiß ökologischer Lebensgrundlagen bedeuten. Für die Zukunft gilt es auch hinsichtlich wirtschaftlicher Austauschkreisläufe entsprechend "ökolonomisch" umzudenken.

24. Europa befindet sich gegenwärtig an einem historischen Punkt, an dem es als demokratischer Macht-Souverän erstmals in der Lage und gefordert ist, zukunftstragfähige kulturelle Strukturen und Wertesysteme hervorzubringen, die nicht länger der Domestizierung, sondern der Befreiung sowie dem Integral-Intelligenterwerden des menschlichen Bewusstseins dienen und es dadurch ermöglichen würden, dass alle EuropäerInnen im Sinne des großen Selbstorganisationssystems, das Leben heißt, handeln können. (s.a. www.liquid-orchestra.net) Diese historische Chance sinnerfüllten Lebens sollte im gesellschaftlichen Allgemeininteresse Europas liegen und genutzt werden, anstatt sie an Ignoranz, Machtinteressen, Egoismen oder Traditionalismen zu verspielen.

25. „Lackmustest“ Demokratie: Werden angesichts der totalitären Bedrohungen Europas Politiker und Medienverantwortliche willens sein, eine europäische KULTUR-REFORMATION im o.g. anti-totalitären und integral-modernen Sinne zu ermöglichen und entscheidend zu fördern? Werden sie politische Voraussetzungen schaffen wollen, um in ganz Europa eine geistig-kulturelle Erneuerung auf erfrischende Art Wirklichkeit werden zu lassen; z.B. mittels einer neuen Medienpolitik oder der europaweiten Gründung neuer Bauhäuser/Bauhütten des integralen Zusammenwirkens der Künste? Werden Kulturverantwortliche, Künstler, Philosophen, Wissenschaftler und Intellektuelle den Willen und den Mut aufbringen, sich persönlich und gemeinsam für eine europäische KULTUR-REFORMATION einzusetzen? Warum nicht in Deutschland damit beginnen? (s.a. MAN-DO)

26. Gelänge es Europa tatsächlich, seine kulturellen Grundlagen stringent ins Innovative zu wenden, würde es ein zukunftstragfähiges neues Selbstverständnis gewinnen. Damit könnte es einen Qualitätssprung bewirken, der für das Bestehen Europas von ebenso großer Bedeutung wäre wie für die weltweite Bewältigung der evolutiv neuen Situation. Besteht dafür eine realistische Chance? Oder wird Europa an Egoismen, Nationalismen, Konservatismen und Totalitarismen zerbrechen, weil es wirtschaftlich-kommerziell, kulturell, religiös, ideologisch zu verknöchert und damit zu einer KULTUR- REFORMATION unfähig ist?

H. Johannes Wallmann - Berlin , am 1.1. 2016

www.integrale-moderne.de

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Anmerkung 1: Obwohl der Begriff des Ganzen und Integralen von totalitären Ideologien (sowie zu deren Darstellung) beansprucht, benutzt, missbraucht wurde, darf er totalitären Mentalitäten nicht überlassen sein. Dafür sind entsprechende Abgrenzungen allerdings unverzichtbar.
 
Anmerkung 2 zu den Punkten 09 und 16: „Der Mensch zu dumm fürs Überleben?“ so fragte 1988 eine SPIEGEL-Titelseite mit dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der allerdings einen nationalsozialistischen Hintergrund hatte. Es sei daher unterstrichen, dass es in den vorliegenden Reflexionspunkten mit dieser Frage um die Menschheit als Ganzes im Sinne von Lessings Ringparabel geht.“
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EUROPA? KULTUR-REFORMATION! - Dr. Egbert Hiller im Gespräch mit H. Johannes Wallmann:

„vergiss nicht, dass du flügel hast“ (Auszug aus Kapitel 5 des Buches "KUNST - EINE TOCHTER DER FREIHEIT? von Susanne & H.Johannes Wallmann (HG:), Kulturverlag Kadmos, 2017)

E.H.: Seit Anfang der 1980er-Jahre verfolgen Sie das kompositorische Konzept einer „Integral-Art“, die auf ein umfassendes Zusammenwirken der Künste zielt, etwa im Sinne einer Verbindung von Kunst und Lebensalltag im öffentlichen Stadt- und Landschaftsraum. Dieses Konzept zeitigte eine ganze Reihe von Werken, deren bekanntestes wohl das „Glocken Requiem Dresden“ für 129 vernetzte Kirchenglocken von 1995 ist. Von Anfang an war ihr schöpferischer Ansatz von theoretischen und philosophischen Erwägungen flankiert, woraus der Entwurf einer „Integralen Moderne – Vision und Philosophie der Zukunft “ resultierte, den Sie in der gleichnamigen, 2006 veröffentlichten Publikation (Pfau-Verlag) darlegten. Wie schätzen Sie die Resonanz auf diesen Entwurf ein und wie verhalten sich ihre 26 Reflexionspunkte zur „Kultur-Reformation“ dazu? Ist es der Versuch, durch eine Konkretisierung und Verdichtung auf den Themenkomplex „Europa“ mehr Gehör zu finden, respektive die Relevanz Ihrer Aussagen an einem bestimmten Thema festzumachen? 

J.W.: Zwar erhielt „Integrale Moderne“ eine ganze Reihe hervorragender Rezensionen, doch wurden die entsprechenden Überlegungen noch nicht einmal im Bereich der Musik zum Thema; wie dann im Bereich der Kulturphilosophie? Zwar denke ich, dass dieses Problem u.a. mit Barrieren zu tun haben dürfte, die hier in Kapitel 4 angesprochen sind und nicht zuletzt auf die völlig unzureichende Aufarbeitung der totalitären Verstrickungen des Musikbereiches zurückgehen, trotzdem – und gerade deshalb - bin ich für die Ideen, die ich trage, verantwortlich und kann sie daher nicht einfach fallen lassen. In Integrale Moderne argumentiere ich – bis hin zum Vorschlag eines „Neu-Delphi“ (s.a. „Integral-Games“ hier in Kapitel 3) – auf der Grundlage moderner europäischer Kultur und Philosophie, die von der Aufklärung ausging. Entsprechend liegt es angesichts der Krise Europas nahe, darauf Bezug zu nehmen. Eben weil Europa in den vergangenen 70 Jahren vergaß, hinreichend geistigkulturelle Grundlagen für einen europäischen Geist zu entwickeln.

E.H.: Zunächst einmal waren der Prozess der Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg und die Bildung der Wirtschaftsunion ja erfolgreiche Projekte, die die Voraussetzung für die nunmehr über 70 Jahre andauernde Phase des Friedens zumindest in Kerneuropa markierten. Woran machen Sie konkret die Versäumnisse fest, dass diese Entwicklung nicht auch die geistig-kulturelle Grundlagen erfasste, was mittelbar die heutige Krisensituation und die inzwischen weit verbreitete Abneigung gegen Europa zumindest mit verursachte?

J.W: Die positiven Seiten der Europäischen Union hinsichtlich Aussöhnung bestreite ich keinesfalls. Doch blieb der europäische Gedanke auf wirtschaftliche Fragen reduziert und Europa kulturell rückwärtsgewandt bzw. von der Unterhaltungs- und Fußballindustrie dominiert. Kulturell-innovative moderne europäische Qualitäten – oder auch nur solche Gedanken/Ideen/Projekte wie Christian Meiers Hilferuf „Kultur um der Freiheit willen“ (Siedler-Verlag 2009) – spielen im Denken europäischer Politiker seit mehr als einem halben Jahrhundert sozusagen keinerlei Rolle. Das rächt sich jetzt, indem neue nationalistische und totalitäre Mentalitäten Auferstehung feiern. Es besteht großer Nachholbedarf, wenn es nicht schon zu spät ist.

E.H.: Ihre Aufrufe und Fragen zur „Kultur-Reformation“ muten vor dem Hintergrund der globalen Problemlage schlüssig und nachvollziehbar an. Dennoch wird sich eine auch nur annähernde Umsetzung ihrer Forderungen als ungemein schwierig erweisen, und sie benennen, zumindest indirekt, auch die Kräfte, die dem entgegenstehen: die Fokussierung auf wirtschaftliche Belange im neoliberalen Sinne, auf nationale Egoismen, auf Medien und Konsum etc.. Wie wollen Sie die enorme Kluft zwischen „Anspruch und Wirklichkeit“ überwinden? Wo und wie sehen Sie Möglichkeiten, den Widerspruch zwischen „Theorie und Praxis“ auch nur ansatzweise aufzulösen?

J.W.: Ich sehe und betreibe Theorie als höchstkomprimierte Form möglicher Praxis. Dass zunächst als unumsetzbar erscheinende theoretische Ideen tatsächlich in die Praxis umgesetzt werden können (wenn auch unter Überwindung enormer Barrieren) habe ich mit meinen Projekten immer wieder bewiesen. Ob mit der internationalen BAUHÜTTE KLANGZEIT WUPPERTAL (mit der ich bereits 1990 an der Bauhaus-Idee der kulturellen Erneuerung und des integralen Zusammenwirkens der Künste anknüpfte, den Begriff Klangkunst hervorbrachte, 17- 20.000 Zuhörer hatte, Förderung auch durch das Kulturprogramm Kaleidoskop der Europäischen Union) oder dem GLOCKEN REQUIEM DRESDEN (live übertragen von MDR, Deutschlandradio, BBC, Radio Washington D.C.; im Dresdner Stadtzentrum und auf den Elbwiesen sollen es bis zu 70.000 Zuhörer gewesen sein) oder den vielen anderen Projekten – es gelang mir immer wieder, enorme Hürden zu überwinden, indem ich den entsprechenden Geist versprühte. Obwohl sich die Hintergründe der Hürden danach als Barrieren zeigten (sie reichen in meinem Fall von Donaueschingen und Darmstadt über Weimar, Dresden, Leipzig bis Berlin) und die Projekte stets nur einmal – wenn auch mit jeweils sehr großem Erfolg – realisiert wurden, sehe ich die hauptsächliche Hürde in den Mentalitäten der jeweiligen Entscheider. Gelingt es, sie zu überzeugen, dann kommen auch die notwendigen Finanzierungen zustande. Würden die Regierungen Europas die große Notwendigkeit einer aufgeklärt-modernen geistig-kulturellen europäischen Identität und damit auch einer entsprechend modernen anti-totalitären Kultur-Reformation erkennen, könnten dafür Milliarden frei- und eingesetzt werden. Einmal abgesehen von den vielen Arbeitsplätzen, die dadurch entstünden („Arbeitsplätze“ als ein Totschlag-Argument zöge hier also nicht). Zudem kommt es immer auf die Berechnungsgrundlagen an, wie R. Buckminster Fuller eindrücklich vor Augen führte (ich bin darauf im Kapitel „Ökolonomie“ in Integrale Moderne hinreichend eingegangen). Die Kosten eines geistig-kulturellen Mentalitätswechsels sind zudem höchstwahrscheinlich um ein Hundertfaches geringer als die Kosten zu erwartender Katastrophen wie der Klimakatastrophe (wenn diese denn überhaupt bezifferbar sein sollten).

E.H.: Mit dem Begriff „Kultur-Reformation“ spielen Sie ja – bewusst, nehme ich an – auch auf das bevorstehende Jubiläum der Reformation in 2017 an. Könnte sich diese Verknüpfung nicht als kontraproduktiv erweisen, da Sie ihre Aufrufe und Fragen dadurch, zumindest andeutungsweise, ins Spirituelle oder gar Esoterische überhöhen und somit umso angreifbarer machen? Oder ist es genau in diesem überhöhenden Sinne gemeint? 

J.W.: Sobald man etwas tut, das außerhalb der Reihe „tanzt“, macht man sich prinzipiell angreifbar; das ängstigt mich nicht. Und selbstverständlich geht es mit meinem Vorschlag einer „Kultur-Reformation“ auch um spirituelle und religiöse Problemlagen. Auf diese ist in dem Gespräch zwischen Harald Seubert und mir bereits näher eingegangen. Und sicher – das 2017 bevorstehende Jubiläum der Reformation ist ein Anlass, den Blick darauf zu lenken, dass die 500 Jahre alte Theologie Martin Luthers keineswegs mehr hinreichend ist, um die großen Problemstellungen der Moderne reflektieren und lösen zu können. Trotzdem können angesichts der Moderne die religiösen Fragestellungen nicht ausgeklammert werden, sondern wollen neu gestellt und aufgeklärt-modern durchdacht sein. Die moderne Theologie bietet dafür hinreichend Ansätze, die von den christlichen Kirchen bisher zugunsten alter Gläubigkeiten jedoch weitestgehend ignoriert werden. Wenn aber aufgeklärt-moderne Theologien noch nicht einmal im westlichen Kulturraum, dessen kultureller Hintergrund nicht zuletzt von Aufklärung und Moderne geprägt ist, gehört werden, wie kann dann erwartet werden, dass z.B. islamische Religionsführer sich gegenüber aufgeklärt-modernen islamischen Theologien aufgeschlossen zeigen? Die christlich-abendländische Religion hat diesbezüglich vollkommen versagt und trägt daher eine große Mitschuld an der gegenwärtigen geistig-kulturellen Krisis. Denn indem die religiöse Fragestellung theologisch keine aufgeklärt-moderne Zukunftsantwort findet, wird die Menschheit in den von Huntington prophezeiten „Kampf der Kulturen“ geradezu hineingetrieben. 

E.H.: Jüngst wurde offiziell das Zeitalter des „Anthropozän“ ausgerufen, wodurch immerhin anerkannt wird, dass die Eingriffe des Menschen in die Natur und vor allem die damit verbundenen Emissionen massive globale Auswirkungen haben und dass ein Gegensteuern unbedingt erforderlich ist (kürzlich sind ja die Chancen für die Umsetzung des neuesten Klimaabkommens erheblich gestiegen, da die USA und China es ratifiziert haben). Sehen Sie das als Zeichen der Hoffnung und als Bestätigung ihrer Aussagen? Oder greift die Konzentration auf Phänomene wie Klimawandel und Erderwärmung nicht entschieden zu kurz, da die Probleme des menschlichen Zusammenlebens viel grundlegender sind? 

J.W.: Gut, dass Sie auf den Begriff „Anthropozän“ hinweisen. Als 2006 Integrale Moderne erschien, war mir dieser Begriff noch nicht bekannt. Und auch jetzt erst wird mir klar, dass er sehr gut mit meinem Konzept zusammengeht. Denn sofern mit ihm über den Klimawandel hinausgedacht und das, was ich evolutiv neue Situation der Menschheit nenne, mitgedacht wird, bezeichnet er das Problem noch umfassender, als mein Moderne-Begriff. Gerade mit meinem Jürgen-Fuchs-Projekt ist sicherlich deutlich gemacht, dass die Zukunft der Menschheit jedoch keineswegs nur vom Klimawandel bedroht ist. Aber auch über die Totalitarismusfrage hinaus haben wir es mit vielfältigen Problemlagen zu tun, die als solche erkannt und gelöst sein wollen, anstatt sie der Allmacht des Geldes und ihren Marktmechanismen zu überlassen. Nicht zu vergessen ist im Mix des Katastrophenpotentials die soziale und geistig-kulturelle Teilhabe. Denn jeder Mensch ist genuin ein Teilhaber des Lebens. Das Teilhabe-Problem ist weder unter ideologischen noch pekuniären Prämissen zu lösen, sondern reicht weit in geistig-kulturelle Fragestellungen und eine zukunftstragfähige Ideen-Logik der Moderne bzw. des „Anthropozän“ hinein.

E.H.: Sie beziehen sich bei der Formulierung ihrer Aufrufe und Fragen zur Kultur-Reformation auf Europa. Trauen Sie einzig Europa zu, Schrittmacher zu sein, wenn es um die Bewältigung der Folgen des „Anthropozäns“ geht? Und könnte nicht gerade darin ein Problem liegen, da andere Kontinente zumal aufgrund der Kolonialgeschichte einer Bevormundung von Seiten Europas misstrauen? Und wäre eine Kultur-Reformation nicht anderswo, etwa im asiatischen Raum, womöglich eher denkbar, als im zerstrittenen Europa? Und auf die Künste bezogen: Hat nicht längst eine kulturelle Emanzipation stattgefunden, in deren Folge, etwa in der Szene der zeitgenössischen Musik, Europa nicht mehr das Maß aller Dinge ist?

J.W.: Ich bin Europäer, also schlage ich eine Kultur-Reformation zunächst für Europa vor, in Deutschland damit beginnend. Ein Problem könnte jedoch tatsächlich genau darin liegen, dass Europa seinen Kolonialismus noch längst nicht hinreichend aufgearbeitet hat, mit Folgen, die ich in Punkt 22 ansprach. Dass es bei einer europäischen Kultur-Reformation auch um Transkulturelles gehen muss, liegt auf der Hand. Dafür könnte zunächst „im zerstrittenen Europa“ geübt werden. Insgesamt denke ich, dass es sich – ohne dass notwendige kulturstrukturelle Maßnahmen hintan gestellt werden dürfen – vor allem um eine metaphysische Wandlung handeln müsste; im Eingangstext zu diesem Kapitel ist dazu bereits Hinreichendes gesagt. Um die „kulturelle Emanzipation der Künste“, von der Sie sprechen, ist es mit einerseits totaler Individualisierung und andererseits der Verschleuderung enormer künstlerischer Human-Ressourcen in Hartz 4 und auf die Abstellhalden der Gesellschaft keineswegs gut bestellt. Was die zeitgenössische Musik betrifft, so ist sie in ihrem Materialismus-Elfenbeintürmen versunken und nicht selten dabei, sich selbst aufzugeben. Ein Jammerbild, aber keines der „kulturellen Emanzipation“.

E.H.: Wie müsste eine Kunst aussehen oder wie würden Sie eine Kunst definieren, die sich in den Dienst der besagten „Kultur-Reformation“ stellen würde? Wäre damit nicht zwangsläufig wiederum eine Instrumentalisierung der Kunst für einen bestimmten Zweck – auch wenn es ein guter Zweck wäre – verbunden, der die Freiheit der Kunst einschränken würde?

J.W.: Wie an anderer Stelle dieses Buches bereits gesagt, bedeuten Freiheit und Intelligenz Verantwortung, andernfalls sind sie nur Varianten von Dummheit. Die Freiheit und Autonomie der Künste verlangt jedoch, sie vor jeglicher Indienstnahme und Instrumentalisierung zu schützen. KünstlerInnen sollen stets ihren eigenen Erkenntnissen und Ideen folgen können – auch bezüglich des Verhältnisses von künstlerischer Qualität und Verhaltensgrammatik. Ich habe eine gewisse Zuversicht, dass sie sich – auch angesichts der großen Problemlagen der Moderne bzw. des „Anthropozän“ - ihrer Verantwortung bewusst werden und dieser gegenüber demütig bleiben. Verstünden Künste sich als (integrale) Freiheits- und Intelligenzenergien, dann käme quasi von selbst etwas zustande, was in Richtung Problemlösung reichen könnte. Wenn KünstlerInnen es (in Deutschland auf der Grundlage der ihnen im Grundgesetz garantierten Freiheit von Kunst) jedoch nicht schaffen sollten, Entscheidendes zur Lebensintelligenz der Menschheit beizutragen, wer dann?

E.H.: Ja, wer dann? Denkbar wäre die Wissenschaft, die aber auch immer mehr ökonomischen Zwängen unterliegt oder sich von diesen instrumentalisieren lässt. Sie verknüpfen in ihren Projekten, vor allem in ihren theoretischen Schriften, Kunst und Wissenschaften. Was beflügelte Sie nun, die Aufrufe und Fragen zur „Kultur-Reformation“ zu formulieren? Ist es eher Optimismus oder eher Verzweiflung, denn seit Sie sich mit dem Konzept einer „Integralen Moderne“ beschäftigen, hat sich die Situation mit Kriegen, Katastrophen, Terror, autoritären Regimen etc. ja keinesfalls gebessert, im Gegenteil. Läuft Ihnen nicht die Zeit davon (ebenso wie sie der Menschheit angesichts von Klimawandel etc. davonläuft)?

J.W.: So man dem Kulturphilosophen Peter Finke glauben möchte, sind die Wissenschaften keineswegs freier als die Künste, im Gegenteil. Ich denke, dass die Wissenschaftsabergläubigkeit einer der großen Fehler der bisherigen Moderne war. Das ist auch ein Grund, weshalb ich das Wissenschaftliche und das Künstlerische bereits in Integrale Moderne in das Verhältnis von „Verstehen der Teile“ und „Empfinden für´s Ganze“ gesetzt habe. Der Mittelsatz meines Jürgen-Fuchs-Zyklus lautet übrigens: „vergiss nicht, dass du flügel hast“ - und das gilt für alle, auch für Wissenschaftler und Künstler. Im Übrigen läuft die Zeit nicht speziell mir davon, sondern Ihnen und allen anderen ebenso. Ich denke allerdings, die Problematiken profund durchdacht zu haben, was ich gern auch ideen-logisch scharfer Kritik unterziehen lasse, so diese der Wahrheitsbindung anstatt der Polemik verpflichtet ist. Werden die Themen, die ich angefasst habe, jedoch nur als meine persönlichen Themen diffamiert, dann war mein Engagement und die dafür aufgewendete enorme Zeit und Kraft allerdings umsonst (trotzdem habe ich diese Zeit dann immerhin interessant und sinnvoll verbracht). Für meine Auffassung von Leben und Lebenssinn ist es zudem wesentlich, nicht so schnell aufzugeben. Ich bin bewusst in „die Höhle“ zurückgekehrt (siehe auch Kapitel 3 zu Platons „Höhlengleichnis“).

E.H.: Von Seiten der UNO und verschiedenster anderer Institutionen und Organisationen gibt es ja Ansätze zu globaler Problembewältigung. Woran scheitern diese Ihrer Ansicht nach bislang? Ist der Leidensdruck für die Menschheit vielleicht einfach noch nicht groß genug, um der „Vernunft“ zur Durchsetzung zu verhelfen? Wo sehen Sie am ehesten Potenziale für eine bessere Zukunft im Sinne der von Ihnen angestrebten „Kultur-Reformation“?

J.W.: Ich sehe es – wie gesagt – so, dass es vor allem an geistig-kulturellen Verfasstheiten und Mentalitäten liegt. Wenn die Menschheit angesichts der technologisch bedingten globalen Problematik der Moderne / des „Anthropozäns“ eine Überlebenschance haben soll, müssen die menschlichen Gesellschaften zu einer globalen Verantwortungsgemeinschaft werden. Für deren Entwicklung sind gemeinsame – transkulturell gültige – geistige Grundlagen völlig unverzichtbar und sind sorgfältig herauszufiltern sowie gemeinsam zu entfalten und zu bewahren. Laut und Form und Farbe – Kunst – sind international verstehbare Sprachen und könnten in ihren Relationen des Sensiblen und Intelligiblen die Schaffung transkulturell gültiger geistiger Grundlagen enorm beflügeln (an anderer Stelle dieses Kapitels verweise ich auf die Verwandtschaft von modernen und urzeitlichen Künsten). Mit „Neu-Delphi“ und den Integral-Games (wozu ich u.a. ein Forschungsprogramm entwarf) habe ich konkretere Vorschläge gemacht, wie es beispielhaft anzufassen wäre. Auch das dreisprachige Glocken Requiem XXI (auf deutsch, hebräisch und hocharabisch), das an Lessings Ringparabel anknüpft, ist vielleicht ein Beispiel. Ebenso die Projekte z.B. von Angela Richter oder Philipp Ruch, die in Kapitel 3 nachzulesen sind. Was „Vernunft“ angeht, so plädiere ich dafür, an ihrer Stelle „Intelligenz“ zu setzen (s.a. Gespräch mit Harald Seubert), denn sie ist umfassenderer und keineswegs lediglich rationaler Natur; die Künste haben da ihren Platz.

E.H.: Gehen Sie nicht von einem zu idealistischen Menschenbild aus, wenn Sie formulieren, dass sich „Intelligenz und Freiheit“ gegenseitig bedingen? Hat der Mensch sich nicht längst als „zu dumm zum Überleben“ erwiesen? An Erkenntnissen und Vorschlägen, wie man das „Überleben“ sichern könnte, mangelt es ja nicht. Bräuchte es nicht Generationen, um diese Erkenntnisse ins allgemeine Bewusstsein durchdringen zu lassen? Hat es Ihr allumfassender Ansatz da nicht besonders schwer, da er eine intellektuelle „Grundausstattung“ voraussetzt, die bei vielen Menschen vielleicht einfach nicht gegeben ist? Bedürfte es, um Ihre Vorstellungen zu realisieren, nicht selbst womöglich einer Art von Diktatur, um Durchsetzungskraft zu gewährleisten.

J.W.: Von welchem Menschenbild gehen Sie aus? Von einem materialistischen, nach dem es keinerlei Hoffnung mehr gibt und man sich wohlig im Jetzt-Komfort des eigenen Ichs zurücklehnen kann? Das käme mir vor wie der – während der Totalitarismen begangene – massenhafte Verrat der Intellektuellen. Im Übrigen soll das Leben auf der Erde (wenn man dem Molekular-Biologen Jacques Monod glauben darf) auf Grund eines unwahrscheinlichen Zufalls möglich geworden sein. Wieso sollte es nicht – vielleicht wiederum aufgrund eines unwahrscheinlichen Zufalls – einen Weg aus der gegenwärtigen Krise finden können? Unsere Aufgabe ist es, die Wahrscheinlichkeiten eines solchen Zufalls zu vergrößern. Dazu sind die 26 Reflexionspunkte vielleicht ein weiteres Sandkorn in der Waagschale. Lutz Rathenow stellte hinsichtlich Sand bzw. Korn eine interessante Frage: „Ab wie vielen Körnern ist jedes Korn nur noch Sand? Unser aller Strand.“ Und wieso sollten wir im Sturm auf hoher See Ruder und Segel fahren lassen, anstatt alles einzusetzen, um – wenn schon nicht in einen Hafen, so doch – wenigstens an einen Strand zu gelangen? Ja, es bedarf dafür eines großen Denkens und eines Mentalitätswechsel seitens der Politiker, um einen allgemeinen Mentalitätswechsel (eine metaphysische Wandlung, wie es Michel Houellebecq es nennt) zu erreichen, der über das eigene Ich hinausdenkt. Eine Diktatur ist dazu allerdings völlig ungeeignet; auch eine Öko-Diktatur, wie Rudolf Bahro sie vorschlug, lehne ich grundsätzlich ab. Denn niemals sind Diktatoren „gute“ Diktatoren; Macht korrumpiert immer. Was „intellektuelle Grundausstattung“ angeht, so hab ich ganz andere Erfahrungen gemacht und bin von der Möglichkeit emotionaler Informationsübertragung mittels der Intelligenz-Energie von Kunst und Musik überzeugt. Mir sind dafür schon einige wildfremde Menschen um den Hals gefallen, die keinerlei Vorerfahrungen mit Neuer Musik hatten. Auch bei der Klanginstallation mit Klängen aus dem Fuchs-Zyklus (16.8.-15.10.2016) in der Berliner Kapelle der Versöhnung, die täglich von 1-2000 Besuchern frequentiert wird, sollen sich Menschen neben die Kapelle ins Gras gelegt haben, um die Klänge zu hören. Solches kenne ich auch von anderen meiner Projekte. Aber wie Sie wissen, komme ich kompositorisch von der Kammer- und Orchestermusik. Ich liebe diese nicht minder als meine unkonventionellen Großprojekte, mit denen ich aus gutem Grund aus den „Elfenbeintürmen“ ausbrach. 

E.H.: Ja, das weiß ich, denn ich habe für Deutschlandfunk im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie die Uraufführungen Ihres besonders reizvollen - auf Verinnerlichung zielenden - Reiner Kunze-Zyklus DER BLAUE VOGEL sowie Ihren SOLO-UNIVERS-Konzert-Zyklus betreut. Ein intensives Raumklang-Erlebnis, uraufgeführt von einer Riege großartiger Interpreten. Obwohl Sie viel zu sehr Musiker sind, als dass Ihre Kompositionen klingende Illustrationen Ihrer philosophischen Denkgebäude wären, sind auch diese beiden Werke, in denen das Sachte und klanglich subtil Ausdifferenzierte dominiert, zugleich philosophischer Natur. Dass sich Tonkünstler auch auf geistesverwandten Feldern wie der Philosophie als Vordenker und Visionäre versuchen und manchmal auch erweisen, ist in der Kulturgeschichte nicht neu. In jüngerer Zeit ist der Universalgelehrte traditionellen Zuschnitts aber mehr und mehr von der Bildfläche verschwunden, obwohl die zunehmend enger werdende Vernetzung aller Lebensbereiche doch gerade nach umfassenden Betrachtungen verlangt. Fühlen Sie sich als einer der letzten ihrer Art oder wo sehen Sie Tendenzen bei Künstlern, ähnliche Ziele, wie Sie zu verfolgen und ihre Kunst als übergreifend sinnstiftend zu verstehen. 

J.W.: Diesbezüglich „fühle“ ich mich gar nicht. Es ist mir egal, ob ich einer der letzten oder der erste meiner Art bin. Interessant ist für mich hingegen, die Dinge zusammenzudenken und auch meine Kompositionen entsprechend zu konzipieren. Ich sehe mich dabei durchaus in einer geistig-kulturellen Linie, an der auch viele andere KünstlerInnen Anteil haben. Einige habe ich mit Zitaten in den Fuchs-Zyklus aufgenommen. 

E.H.: Trotz Ihrer enormen Produktivität als Denker und Schriftsteller sind Sie ja auch und in erster Linie Komponist geblieben. Wo sehen Sie konkrete Wechselwirkungen zwischen beiden Sphären oder anders ausgedrückt: Wie schlagen sich ihre Aufrufe und Fragen zur „Kultur- Reformation“ womöglich in aktuellen Werken – auch im übertragenen Sinne – nieder?

J.W.: Es ist eine gemeinsame Energiemenge, aus der ich schöpfe und deren unterschiedliche Parts sich meines Erachtens relativ ideal ergänzen. Allerdings gebe ich zu, mich danach zu sehnen, auf solch verbale Interaktionen wie die 26 Reflexionspunkte verzichten zu können und nur noch komponieren zu dürfen. Aber welcher andere Künstler oder Philosoph hat oder hätte es gegenwärtig an meiner Statt getan? Zudem haben die entsprechend Verantwortlichen der Neuen Musik die Neue Musik insgesamt derart ins Abseits gesellschaftlicher Reflexion bugsiert, dass dies geradezu nach einer Veränderung der Verhältnisse schreit. Wieso sollte ich dazu schweigen?

E.H.: Wenn Sie im abschließenden Absatz Ihrer Aufrufe und Fragen zur „Kultur-Reformation“ die Unfähigkeit Europas zum Wandel an verschiedenen Punkten mahnend festmachen, so klingt das – zumal als Schlusssatz – nicht gerade hoffnungsvoll. Kommen Sie sich manchmal vor wie der Rufer in der Wüste? Und lässt sich diese Energie wiederum in ein künstlerisch-kreatives Moment umdeuten?

J.W.: Es geht nicht um individuelle Befindlichkeiten, sondern darum, die Dinge beim Namen zu nennen. Punkt 26 zeigt zunächst die große Perspektive auf. Die gewisse Skepsis am Ende von Punkt 26 sehe ich eher als Herausforderung und Stachel. Auch wenn die beiden auf den folgenden Seiten abgebildeten Schreiben aus dem Bundeskanzleramt bzw. vom Thüringer Ministerpräsidenten nicht gerade Anlass zu einer solchen Hoffnung geben – man weiß ja nie; vielleicht tut sich ja seitens der Politik bezüglich einer Kultur-Reformation doch noch etwas? Warum nicht versuchen, in Deutschland – erst recht angesichts seiner totalitären Vergangenheiten – damit zu beginnen?

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Egbert Hiller im Deutschlandfunk, 20.12.2009, über den „Reiner-Kunze-Zyklus DER BLAUE VOGEL - Musik im Raum für Bariton und Kammerensemble“ von H. Johannes Wallmann: "Besonders reizvoll in DER BLAUE VOGEL ist - neben den instrumentalen Passagen - das Spannungsverhältnis zwischen den Texten, die mit ihrer metaphorischen Bildkraft sehr wohl für sich selbst sprechen, und der Musik, die ihre eigenen Wege einschlägt. Gleichwohl spürte Wallmann den Worten sehr genau nach ... Überhaupt dominiert in Wallmanns Zyklus das Sachte, das klanglich subtil Ausdifferenzierte, was auch den Texten entspricht, die sich in der Musik niederschlagen, ohne dass sie tonmalerisch ausgeschmückt würden. Die Worte spiegeln sich im übertragenen Sinne in der Musik wieder, in reduzierten, auf Verinnerlichung zielenden Klanggeflechten, die eher andeuten, als breit ausführen."

Egbert Hiller im Deutschlandfunk, 2.1. 2011, über „SOLO-UNIVERS – 5 neue Konzerte für Solisten und Orchester“ von H. Johannes Wallmann: „In jedem der Konzerte rückt ein anderes Blasinstrument ins Zentrum: Oboe, Fagott, Klarinette, Horn und Flöte. Zwar sind die einzelnen Konzerte separat aufführbar (und so sind sie auch angelegt), dennoch bilden sie einen Zyklus, in dem sich Johannes Wallmann nicht nur vielschichtig mit dem Spannungsverhältnis zwischen Soloinstrument und Orchester, sondern auch – in überhöhendem Sinne – mit dem Wechselspiel zwischen den Teilen und dem Ganzen auseinandersetzt. ... So befanden sich die Musiker in SOLO-UNIVERS nicht nur auf dem Podium, sondern wurden in kleinen Gruppen auch im ganzen Raum verteilt – wobei die hervorragenden akustischen Eigenschaften des Kammermusiksaals der Berliner Philharmonie ein intensives Raumklang-Erlebnis begünstigten. `Hen kai pan´- Eins und Alles – spiegelt sich in SOLO-UNIVERS auch auf struktureller Ebene wieder, wenn gleich philosophische Erwägungen die künstlerische Arbeit Wallmanns nicht dominieren.  ... er ist viel zu sehr Musiker, als dass seine Werke klingende Illustrationen seiner Denkgbäude wären. ... Riege großartiger Interpreten ... Das Orchester gehört mittlerweile zu den rennomiertesten deutschen Klangkörpern und Franck Ollu genießt als Spezialist für zeitgenössische Musik ebenfalls einen hervorragenden Ruf. Im Kontext der wechselnden Solisten und unterschiedlichen Klangcharaktere stellen Die Deutsche  Kammerphilharmonie Bremen und Franck Ollu ein Kontinuum dar, das sowohl die Eigenheiten als auch die Gemeinsamkeiten der fünf Konzerte konzentriert herausarbeitet. Musikalische Verknüpfungen sind ein zentrales Merkmal des Zyklus´ und im letzten Konzert - im Flötenkonzert – stechen sie besonders hervor. Mit ihm schließt sich der Kreis“.

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