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EUROPA? KULTUR-REFORMATION!

anti-totalitär & integral-modern - Aufruf und Frage in 26 Reflexionspunkten von H.Johannes Wallmann --- KUNSTAKTION INTEGRAL-ART 2016/1 ---

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„es ist zu wenig Europa in dieser Union
es ist zu wenig Union in diesem Europa“
(nach Jean-Claude Juncker 12/2015)

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26 Reflexionspunkte © unter creativ commons (CC BY-NC-ND 3.0): http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/

01.  Angesichts eskalierender nationalstaatlicher Egoismen, der gegenwärtigen Flüchtlingskrise (die als eine Völkerwanderunmg zu sehen ist) sowie des Aufkeimens neuer Totalitarismen ist deutlich, dass die Fokussierung der Europäischen Union auf Wirtschaftsfragen nicht zukunftstragfähig ist.

02. Damit sich – anstelle von neo-nationalistischen Egoismen – zukunftstragfähige europäische Mentalitäten entwickeln können, bedarf es einer tiefgreifenden europäischen KULTUR-REFORMATION, mit der Kultur als Werte- und Intelligenzübertragungssystem verstanden und gestaltet wird. (s.a. VOICES SOUND EUROPE)

03. Denn Kultur konfiguriert die Gemüter und ist eine der mächtigsten Einflusssphären, die der menschlichen Gesellschaft zur Verfügung stehen. Sie ist das Struktursystem, auf dessen Grundlage die Werte-und Intelligenzfragen einer jeweiligen Gesellschaft reflektiert und kommuniziert werden.(Wobei gesellschaftlich darüber zu debattieren wäre, was „Werte“ und „Intelligenz“ bedeuten.)

04. Zwischen Kultur (z.B. Medien, Kirchen, Museen, Konzerthäuser, Universitäten) und Zivilisation (z.B. Wirtschaft, Kanalisation, Sozialmanagement, Medien) ist zu unterscheiden.

05. Angesichts der Moderne ist Kultur nicht nur eine regionale, sondern eine überregionale und globale Frage – und damit auch eine des modernen Europa. (s.a. integral-games.net)

06. Woher kommen wir, wer sind wir, wohin gehen wir? Die kulturellen Wurzeln Europas liegen ebenso im Okzident wie im Orient, in den jüdischen, christlichen, muslimischen, griechisch-antiken Künsten/Religionen/Philosophien, und haben sich neu gezeigt in denen der Aufklärung und der Moderne, aber auch z.B. in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. (s.a. auf der suche nach der zukunft - video)

07. Zur Entwicklung einer integral-modernen europäischen Kultur sollten die unterschiedlichen kulturellen Wurzeln geachtet und bewahrt, aber entideologisiert und als gegenseitige Ergänzung verstanden werden. (s.a. Kultur und modernes Christentum - 25 Thesen)

08. Die von Europa (und der Aufklärung) ausgegangene Moderne ist für die Menschheit mit einer evolutiv neuen Situation verbunden. Sie resultiert aus den modernen Technologien selbst, mit denen wir Menschen tief in kleinste Teilchen (z.B. in Daten, Atome, Gene oder die Ozonschicht) und damit in große langfristige Lebens- und Verantwortungszusammenhänge eingreifen. Das damit verbundene Katastrophenpotential (s.a. Klimawandel) bildet eine geradezu wahnwitzige Herausforderung an die integrale Entwicklung der menschlichen Intelligenz und aller kulturellen Wertesysteme.

09.  Je tiefer technologisch in kleinste Teilchen eingegriffen wird, umso stärker muss kulturell das Ganze in den Blick genommen werden. Andernfalls werden wir als Menschheit zu dumm zum Überleben sein. (Anm. s.u.) (s.a. www.der-blaue-klang.de)

10. Die komplexen Probleme der Moderne – ob in Politik, Demokratie, Kultur, Technik, Ökonomie, Ökologie oder Ethik - wirken sich aufeinander aus. Sie können zwar separiert betrachtet, aber nicht mehr separiert gelöst werden.

11. Angesichts der evolutiv neuen Situation ist die Menschheit erstmals in ihrer Evolutionsgeschichte – und zum Preis ihres Untergangs - für das Leben als Ganzes auf diesem Planeten verantwortlich. ("Anthropozän" nennen Paul Cruzen und Eugene F. Stoermer dieses Zeitalter.) Damit stellt sich die kulturelle Frage nach dem Sinn menschlichen Lebens vollkommen neu und integral. (s.a. ARIA - live von 7 Kontinenten)

12. Um moderne Sinn(und Gott)Suche weder dem "Terror des Wir" noch dem "Terror des Ich" (E.Gillen) auszuliefern, ist das Universelle von zentraler Bedeutung. Es ermöglicht eine neue Synthese von Individuellem-Soziellem-Universellem. Zu dieser können die modernen Philosophien, Wissenschaften und Künste (s.a. z.B. Vaclav Havel, Jürgen Fuchs, Ai WeiWei, Jafar Panahi, Nadeshda Tolokonnikowa oder die Charlie Hebdo-Problematik) wesentlich beitragen. (s.a. SOLO-UNIVERS)

13. Wesentlich für kulturelle Entwicklung ist auch, dass Ideologie durch Ideen-Logik ersetzt wird. Denn Ideologien „müssen“ geglaubt, Ideen-Logiken dagegen wollen argumentiert und konstruktiv-kritisch hinterfragt werden - das ist der entscheidende Unterschied. (Alle bisherigen Kulturen waren „Höhlenideologien“ - s.a. Platons Höhlengleichnis.)

14. Die Entideologisierung kultureller Traditionen und aufgeklärte Theologien (für einen „Neuen Bund“ von Individuellem-Soziellem-Universellem) sind neben der - mit Leben zu füllenden! - Freiheit von Kunst und Wissenschaft grundlegend für die Entwicklung einer modernen europäischen Kultur sowie die Bewältigung der evolutiv neue Situation. (s.a. www.glockenrequiem.de)

15.  Jeder einzelne Mensch hat ein Recht auf sinnerfülltes Leben und ist als ein potentieller Teilhaber an höchster universeller Intelligenz zu sehen, der u.U. entscheidend zur Bewältigung der evolutiv neuen Situation beitragen kann. (s.a. www.ich-schweige-nicht.de)

16. Intelligenz (d.h. nicht nur als Einzelner, sondern als Menschheit nicht zu dumm zum Überleben zu sein) ist nur in dem Maße zu haben, wie das Streben nach Erkenntnis zugleich ein Streben nach Freiheit ist. Intelligenz und Freiheit bedingen sich gegenseitig und implizieren zugleich Verantwortung; andernfalls wären sie nur Varianten von Dummheit.

17. Es wäre ein Irrtum, Intelligenz auf das Rationale zu verengen. Sie ist umfassenderer Natur und beruht auf der Balance und Qualität des Zusammenwirkens von Rationalem und Emotionalem. Der kulturell zu gewährleistende emotional-ästhetische Informationstransfer jenseits von Gewohnheiten, Klischees und Kitsch ist für die Entwicklung der Intelligenz der menschlichen Gesellschaft von eminenter Bedeutung und darf deshalb von der "Medien-Demokratie" nicht zur Randerscheinung degradiert werden. www.der-gruene-klang.de

18. Bereits im 12./13. Jahrhundert kam es mit den alten Bauhütten in Europa zu einer kulturellen Innovation. Durch gemeinsamen Geist und das integrale Zusammenwirken der Künste entstanden gotische Bauwerke von höchster Meisterschaft, die gegen das Dunkel mittelalterlicher Romanik architektonische Weite, Höhe, Akustik, Klang, Licht, Farbe und Skulptur setzten. Renaissance und Humanismus folgten und waren als geistiges Erwachen die Vorläufer von Reformation und Aufklärung.

19. Nach der ersten großen Katastrophe der Moderne knüpfte das Weimarer Bauhaus 1919 auf moderne Weise an der Idee der kulturellen Erneuerung sowie des integralen Zusammenwirkens der Künste der alten Bauhütten an. Einer seiner größten Unterlassungsfehler bestand darin, dass die Frage einer aufgeklärten modernen Religiosität nicht wirklich thematisiert wurde. Somit scheiterte es vor allem an konservativ-national-religiösen Barrieren und konnte trotz seiner enormen Leistungen keine hinreichende Orientierungen bilden, um dem Aufkommen neuer totalitärer Ideologien wirksam Paroli zu bieten. Es folgten Nationalsozialismus, Holocaust, 2.Weltkrieg - aber auch Realsozialismus und GULAG. (s.a. BAUHÜTTE KLANGZEIT WUPPERTAL)

20. Weder nach dem Ende des 2. Weltkrieges und des Nationalsozialismus 1945 noch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende des Realsozialismus 1990 kam es in Europa zu einer kulturellen Innovation. Stattdessen dominierten Party, Unterhaltung, Fußball,Trash - was von den öffentlich-rechtlichen Medien der (post-totalitären) Demokratien Europas mit großer Intensität kommuniziert wurde. Darf es hingenommen werden, dass angesichts dessen Art. 5/Abs. 3 des deutschen Grundgesetzes („Kunst und Wissenschaft ... sind frei.“) quasi zur Farce verkam? (s.a. Im Vis à vis alter und neuer Totalitarismen - Kunst - eine Tochter der Freiheit?)

21. „Ich glaube, dass das Fernsehen in den letzten vierzig Jahren das Verhalten der Menschen maßgeblich beeinflusst hat. Wäre man einen anderen Weg gegangen, hätte man sie positiv beeinflussen können“ (so der Fernseh-Showmaster Hans-Joachim Kuhlenkampff 1998). Zumal das demokratische Gemeinwesen dafür viele Milliarden aufwendet, gehen die - von politischen Gremien eingesetzten - Medienverantwortlichen sicherlich nicht davon aus, dass die Beeinflussung durch die öffentlich-rechtlichen Medien unerheblich ist. Warum aber wird dann das Qualitätsniveau der Programme immer weiter abgeflacht, der „kulturelle Motor“ auf Sparflamme gesetzt? Wie soll sich eine demokratische Gesellschaft kulturell niveauvoll entwickeln können, wenn sie ihr kulturelles Innovationspotential als Randerscheinung behandelt und es damit aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein eliminiert? Liegt darin nicht letztlich ein Verrat an der Demokratie? (s.a. DER BLAUE VOGEL)

22. Nicht zuletzt aufgrund unzureichender kultureller Aufarbeitung von Kolonialismus, Nationalsozialismus, Realsozialismus wurden die großen kulturellen Fragestellungen des geeinten Europa an Star- und Selbstdarsteller-Interessen, kulturelle Konservatismen, den Interpretenhimmel sowie postmodernes „anything goes“ ausgeliefert. Es ist angesichts dessen kein Wunder, dass die gesellschaftlichen Fliehkräfte auf allen Ebenen zunahmen und Europa es nun mit neuen Totalitarismen sowie dem Neuerstarken nationalistischer Mentalitäten zu tun bekommen hat.

23. Angesichts der überbordenden Produktion von Zivilisationsmüll ist es an der Zeit, die gesellschaftlichen/kulturellen Wertsetzungen zu überdenken und neu zu justieren. Lebensqualität ist nicht an Konsum, Unterhaltung, Ablenkung, Ignoranz (die die Lebensgrundlagen vernichten) gebunden, sondern lässt sich vielmehr durch kulturelle Qualitäten erreichen, die das Kreative, Künstlerische, Philosophische, Aufgeklärt-Religiöse, Ethisch-Bewusste ins Zentrum stellen und keinen Verschleiß ökologischer Lebensgrundlagen bedeuten. Für die Zukunft gilt es auch hinsichtlich wirtschaftlicher Austauschkreisläufe entsprechend "ökolonomisch" umzudenken.

24. Europa befindet sich gegenwärtig an einem historischen Punkt, an dem es als demokratischer Macht-Souverän erstmals in der Lage und gefordert ist, zukunftstragfähige kulturelle Strukturen und Wertesysteme hervorzubringen, die nicht länger der Domestizierung, sondern der Befreiung sowie dem Integral-Intelligenterwerden des menschlichen Bewusstseins dienen und es dadurch ermöglichen würden, dass alle EuropäerInnen im Sinne des großen Selbstorganisationssystems, das Leben heißt, handeln können. (s.a. www.liquid-orchestra.net) Diese historische Chance sinnerfüllten Lebens sollte im gesellschaftlichen Allgemeininteresse Europas liegen und genutzt werden, anstatt sie an Ignoranz, Machtinteressen, Egoismen oder Traditionalismen zu verspielen.

25. „Lackmustest“ Demokratie: Werden angesichts der totalitären Bedrohungen Europas Politiker und Medienverantwortliche willens sein, eine europäische KULTUR-REFORMATION im o.g. anti-totalitären und integral-modernen Sinne zu ermöglichen und entscheidend zu fördern? Werden sie politische Voraussetzungen schaffen wollen, um in ganz Europa eine geistig-kulturelle Erneuerung auf erfrischende Art Wirklichkeit werden zu lassen; z.B. mittels einer neuen Medienpolitik oder der europaweiten Gründung neuer Bauhäuser/Bauhütten des integralen Zusammenwirkens der Künste? Werden Kulturverantwortliche, Künstler, Philosophen, Wissenschaftler und Intellektuelle den Willen und den Mut aufbringen, sich persönlich und gemeinsam für eine europäische KULTUR-REFORMATION einzusetzen? Warum nicht in Deutschland damit beginnen? (s.a. MAN-DO)

26. Gelänge es Europa tatsächlich, seine kulturellen Grundlagen stringent ins Innovative zu wenden, würde es ein zukunftstragfähiges neues Selbstverständnis gewinnen. Damit könnte es einen Qualitätssprung bewirken, der für das Bestehen Europas von ebenso großer Bedeutung wäre wie für die weltweite Bewältigung der evolutiv neuen Situation. Besteht dafür eine realistische Chance? Oder wird Europa an Egoismen, Nationalismen, Konservatismen und Totalitarismen zerbrechen, weil es wirtschaftlich-kommerziell, kulturell, religiös, ideologisch zu verknöchert und damit zu einer KULTUR- REFORMATION unfähig ist?

H. Johannes Wallmann - Berlin , am 1.1. 2016

www.integrale-moderne.de

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Anmerkung 1: Obwohl der Begriff des Ganzen und Integralen von totalitären Ideologien (sowie zu deren Darstellung) beansprucht, benutzt, missbraucht wurde, darf er totalitären Mentalitäten nicht überlassen sein. Dafür sind entsprechende Abgrenzungen allerdings unverzichtbar.

Anmerkung 2 - zu den Punkten 09 und 16: „Der Mensch zu dumm fürs Überleben?“ so fragte 1988 eine SPIEGEL-Titelseite mit dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der allerdings einen nationalsozialistischen Hintergrund hatte. Es sei daher unterstrichen, dass es in den vorliegenden Reflexionspunkten mit dieser Frage um die Menschheit als Ganzes im Sinne von Lessings Ringparabel geht.“

Dateien
Deutschlandfunk-Kultur, 26.10.2017. Gespräch von Winfried Sträter mit H.Johannes Wallmann   10.0 MB 
zu Wallmanns Buch "Kunst - eine Tochter der Freiheit? Plädoyer für eine Kultur-Reformation"
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