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Zukunftsforum Berlin, 2002-2004

ein Projektentwurf zum Humboldtforum Berlin / Architekturen der Zukunft - die Stadt als Kunstraum © 2002 /2004

© H. Johannes Wallmann 2002 /2004

Museum oder Zukunftsforum?

Neue Überlegungen zum Areal des Berliner Schlosses – ein Projektentwurf

Nach der in großer Öffentlichkeit geführten Diskussion und der Entscheidung, das alte Berliner Stadtschloss wieder aufzubauen, entwickelte ich anlässlich eines Seminars - zu dem ich an die Hochschule für Angewandte Wissenschaften nach Hamburg eingeladen war - unter dem Titel „Zukunftsforum Berlin“ eine neue Konzeption für das Berliner Schlossareal. Diese Konzeption sandte ich an zahlreiche verantwortliche Politiker.

Das Konzept - Zukunftsforum Berlin

Nicht zuletzt durch den anhaltenden gesellschaftlichen Innovationsstau sollte hinreichend deutlich sein, dass in die Zukunft anstatt in die Vergangenheit investiert werden muss. Deshalb kann das gegenwärtige (2004) Konzept zum Berliner Schloßareal all jene, die zukunftsorientiert denken, nicht annähernd befriedigen. Sollte sich Berlin und die Bundesrepublik Deutschland eine so hohe Investition in kulturelle Vergangenheiten leisten, während gleichzeitig das auf die Zukunft orientierte „Humankapital“ noch tiefer ins finanzielle Abseits fallen gelassen wird? Ich beantworte diese Frage mit einem klaren Nein. Wenn solch riesige Investitionen notwendig sind, so sollten sie an diesem zentralen Ort präzedenzfallartig zur Auflösung des allgemeinen Innovationsstaues in „Humankapital“ und innovativ in die Gestaltung der Zukunft investiert werden. Und nur im Hinblick darauf sollte die Vergangenheit zu Rate gezogen werden. Ich nehme daher eine Gegenposition zu dem Museums-Vorschlag der Expertenkommission ein.

Internationales Innovationszentrum

Mit der Idee des Zukunftsforum Berlin geht es um ein internationales Innovationszentrum für Kultur, Kunst, Wissenschaft und Technik. Das Zukunftsforum soll das Ziel verfolgen, integrale Strukturmodelle und differenzierte Vorstellungen zur Zukunft der Menschheit zu sichten, zu entwickeln und einer großen Öffentlichkeit vorzustellen. Als kulturelles Kommunikationszentrum und als Denkfabrik soll das Zukunftsforum Berlin dazu beitragen, die großen auf uns zukommenden Fragestellungen rechtzeitig zu erkennen, für diese detailliert durchdachte integrale Lösungen zu erarbeiten sowie durch öffentliche Kommunikation und Diskussion zu einem entsprechenden Bewusstsein und damit zur Durchsetzung dieser Lösungen beizutragen.
 
Kernpunkt des Zukunftsforums ist die inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit. Als reales Zentrum eines weitverzweigten – auch virtuell arbeitenden – internationalen Netzwerkes entwickelt das Zukunftsforum Voraussetzungen, um die unterschiedlichen Bereiche und Disziplinen in einer vieldimensionalen Struktur synergetisch aufeinander zu beziehen, wobei es sich von der Auffassung zu verabschieden gilt, dass inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit quasi nebenbei betrieben werden könne. Inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit ist eine zusätzliche, sehr arbeitsaufwendige und äußerst hochkomplexe Aufgabenstellung, die der Entwicklung spezieller Formen und Strukturen bedarf, um sie als solche überhaupt gewährleisten zu können. Eine der zentralen Aufgaben des Zukunftsforums wäre daher genau darin zu sehen, solche inter- und transdisziplinären Strukturen speziell zu entwickeln und zu testen.

Integral-Games

Da Kultur - als Werte- und Intelligenzübertragungssystem - die Gemüter konfiguriert, ist die Entwicklung integraler transkultureller Qualitäten als ein Schlüssel zur Lösung vieler globaler Probleme zu sehen. Daher soll ein anderer Schwerpunkt des Zukunftsforums auf der Entwicklung und Praktizierung von Modellen kulturell innovativer Kommunikation und transkultureller Verständigung liegen. Die avancierten Künste, die nicht selten den Künsten primitiver außereuropäischer Kulturen ähnlich sind, lassen erahnen, dass in ihnen mindestens ebenso ein Grundvokabular transkultureller Verständigung vorhanden ist, wie in den modernen Wissenschaften. (Mit dem Unterschied, dass die Künste im Gegensatz zu den Wissenschaften sowohl emotional als auch rational rezipiert werden können.)
Um tatsächlich zu einer transkulturellen Praxis zu gelangen, verfolgt das Zukunftsforum die Idee der Integral-Games. An der Glasperlenspiel-Idee von Hermann Hesse kritisch reflektierend und medial erweitert anknüpfend, sollen mit Integral-Games die abstrakten (oder auch konkreten) Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Weltkulturen sowie die kosmischen und organismischen Aspekte menschlichen Lebens in Klang und Form und Farbe sinnlich erfahrbar werden. Die Wahrnehmung z.B. von Supernova, oder die Funktionen z.B. Schwarzer Löcher im Weltall, oder wissenschaftliche Aspekte z.B. der Chaos- und Stringstheorien werden ebenso dazugehören, wie die menschliche Kreativität selbst oder wie die – mit der Idee der „world-games“ von Buckminster Fuller angeregten - Simulationen z.B. von ökologischen, ökonomischen, kulturellen, demographischen, genetischen, technischen Problemlösungen. Die Integral-Games, die eine intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit voraussetzen, könnten zu zentralen öffentlichen Höhepunkten der gesamten Arbeit des Zukunftsforums werden.

Sammlungen außereuropäischer Kulturen

Zwar gilt es die Prioritäten auf das Zukunftsforum zu konzentrieren, doch könnte es als durchaus überlegenswert gelten, dem Zukunftsforum im sogenannten „Überlauf“ (wie es neulich in einer Rundfunksendung zum Berliner Schlossplatzareal hiess) die Sammlungen außereuropäischer Kulturen beizugesellen. Denn sowohl im Hinblick auf die Zukunft der Globalisierung als auch im Hinblick auf die konkrete deutsche Vergangenheit würde es Sinn machen, außereuropäische Kulturen im Zentrum der deutschen Hauptstadt zu verankern. Da im Zeitalter der Globalisierung zudem eine zukunftsorientierte Kultur als solche nur funktionieren wird, wenn sie transkulturelle Dimensionen erreicht, darf der Vergleich der Kulturen, die Erschließung außereuropäischer Weisheitsreservoire sowie die Hinterfragung von deren Relevanz für die Innovation der europäischen Kultur als hinreichend wichtig gelten. (Nicht nur, weil sich eine interessante Verbindung zu den Integral-Games ergeben würde.)

Interdisziplinäre Arbeitsgruppen

Für die alltägliche Arbeit des Zukunftsforums sind zu verschiedenen kulturellen künstlerischen, wissenschaftlichen und technischen Projekten interdisziplinäre Arbeitsgruppen und Organisationsstrukturen zu bilden. Die Stadt als Kunstraum könnte z.B. eine dieser Arbeitsgruppen heißen. Eine andere könnte sich mit Architekturen der Zukunft und Fragen einer akustischen und optischen Ökologie befassen. Das Funktionieren von dynamischen Selbstorganisationssystemen wäre ein ebenso interessantes Thema wie die Entwicklung zeitgemäßer Formen des Nachvollzugs der Urmysterien des Menschseins oder Untersuchungen zum Bedeutungswandel der Farben in den unterschiedlichen Kulturen. Arbeitsgruppen zur Entwicklung und Kommunikation neuer Formen demokratischer Entscheidungsbeteiligung oder neuer ökonomischer und sozialer Ausgleichssysteme sollten im Zukunftsforum ebenso ihren Platz haben, wie Arbeitsgruppen, die sich mit allgemeinen globalen Problemlösungen befassen.

 Synergetische Erschließung

Im Bereich der Wissenschaften des Zukunftsforums soll es sich nicht in erster Linie um die Hervorbringung neuer einzelner wissenschaftlicher Forschungsergebnisse drehen, sondern um die interdisziplinäre Relevanz, integrale Einordnung und synergetische Erschließung konkreter wissenschaftlicher Fragestellungen. Dafür gilt es mit einem intensiv geführten wissenschaftsphilosophischen Diskurs zur Entwicklung wissenschaftsethischer Grundlagen beizutragen, um den gemeinsamen integralen Nenner zu kommunizieren und für die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Forschungsbereiche gemeinsame – Synergien erzeugende - Orientierungspunkte zu entwickeln. Ähnlich sollen die Zukunftstechniken sowie deren Folgen problembewusst aufgezeigt und diskutiert werden. Die Chancen und Folgen von Gentechnologien, Nanotechniken,  Informations- und Überwachungstechniken werden dabei ebenso zur Sprache gebracht werden, wie integrale technisch-ökologische Lösungen für die Energieversorgung, die Ernährungsproblematik, die Problematik der Wasser- und Luftressourcen oder des Klimaschutzes. Auch hierbei ist das Zukunftsforum nicht unbedingt der Ort, an dem die einzelnen Lösungen zu entwickeln sind, sondern der Ort, an dem sie miteinander interdisziplinär vernetzt in die öffentliche Diskussion eingebracht werden.

Tagungen/Kongresse

Mit der Veranstaltung von Tagungen, Kongressen, multimedialen Ausstellungen und Performances zu den verschiedenen Forschungs- und Entwicklungsthemen werden die Probleme und ihre Lösungen öffentlich kommuniziert. Es soll dabei deutlich werden, dass für alle Bereiche ein integraler – kulturell zu kommunizierender - Ansatz unverzichtbar ist, da sich die Lösungen der unterschiedlichen Probleme gegenseitig bedingen.

Performance-Center

Da es mit dem Zukunftsforum auch aus besagtem Grunde in besonderem Maß um kulturelle Kommunikation sowie um die öffentliche Kommunikation der gesellschaftlich relevanten Zukunftsfragen gehen soll, gilt es – neben den Intergal-Games - mit Veranstaltungen der unterschiedlichsten Art ein möglichst großes Publikum anzusprechen. Dafür soll ein Performances-Center eingerichtet werden, in dem an jedem Tag bis nach Mitternacht in unterschiedlichen Räumen (mit ca. 50-120  Plätzen) und zu gleicher Zeit – also vergleichbar einem Kino-Center – Wissenschaftsfilme und Experimentalfilme gezeigt werden, philosophische, wissenschaftliche, künstlerische Vorträge laufen, elektronische Raummusik, Neue Musik, Jazz und freie Improvisation zu hören ist, Tanz- und Theaterperformances zu sehen sind und Literaturlesungen stattfinden. Dazu verschiedene multimediale Ausstellungen sowie Klang- und Lichtinstallationen. Dieses Performances-Center soll sich durch ein sehr interessantes themenbezogenes Programm auszeichnen, mit dem ein lebendiger Diskurs um die Gegenwart und Zukunft der Menschheit und ihrer Individuen geführt wird. Angeschlossen könnte eine interdisziplinär ausgerichtete internationale Spezialbibliothek sein, der eine Abteilung für Laien sowie ein Internet-Café mit Direktverbindungen zu interdisziplinären Ereignissen angehört. Selbstverständlich, dass zum Areal des Zukunftsforums auch eine angemessene Restaurant-Infrastruktur zu konzipieren ist.

Generalplanung

Natürlich betreffen die Planungen um den Schloßplatz die Fragestellung nach einer Generalplanung des gesamten Areals vom Alexanderplatz bis hin zur Bauakademie, unter Einbeziehung von Marstall und altem DDR-Staatsratsgebäude. So gesehen könnte davon ausgegangen werden, dass viel Platz vorhanden sei. Das Konzept des Zukunftsforums wäre entsprechend zu konkretiseren, vielleicht sogar unter Einbeziehung einiger weiterer Vorschläge, die im Gutachten der Expertenkommission enthalten sind.

„Nichts ist politischer als Kulturpolitik“

sagte kürzlich in einer Rundfunksendung Prof. Klaus Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (dessen Idee der Verlegung der Außereuropäischen Sammlungen in das Schloßareal das Gutachten der Expertenkommission wohl am wesentlichsten geprägt hat). Er hat damit völlig recht, wenn vielleicht auch etwas anders, als er es selbst gemeint haben mag. Denn solange in Deutschland die kulturelle Vergangenheit als der Inbegriff von Kultur gilt und den Bärenanteil der Finanzmittel ohne Rücksicht auf die avancierten Künste und die Entwicklung neuer integraler kulturellen Qualität verschlingen darf, wird die Gesellschaft durch ihre kulturelle Rückwärtsgewandtheit im Innovationsstau stecken bleiben und dabei zunehmend zerfallen.

Ressourcenverschleiß stoppen

Die Idee des Zukunftsforums bietet die Chance, solch ungeheuerlichen Ressourcenverschleiß zu stoppen und das vorhandene zukunftsorientierte Kreativitäts-, Intelligenz- und Innovationspotential effektiv und gesellschaftlich relevant zu erschließen. Es würde damit ein langfristig wirksamer Motor zur Überwindung und Vermeidung von Innovationsstaus sowie ein Kristallisationspunkt geschaffen, um das allgemeine kulturelle Struktursystem so zu erneuern, dass es den Anforderungen der Zukunft auf hohem Niveau genügt. Durch eine entsprechend neue integrale Qualität könnte Kultur wieder zu einer Verknüpfungsleistung der unterschiedlichen Daseinsebenen menschlichen Lebens und zu einem Resonanzpool werden, aus dem die Gesellschaft als Ganzes ihren Konsens und Zusammenhalt zu schöpfen vermag.

Attraktives Zentrum in Berlins Mitte

Zumal Kreativität, Intelligenz und Know how als der eigentliche Reichtum der Gesellschaft gelten müssen, wären die notwendigen Investitionen für ein solches Zukunftsforum außerordentlich sinnvoll eingesetzt. Es  entstünden für die gesamte Gesellschaft Synergien und Mehrwerte von immenser Schubkraft. Und in der Mitte von Berlin ein unglaublich attraktives Zentrum, das auch durch seine städteplanerischen, architektonischen, künstlerischen, ökologischen, energietechnischen und verkehrsplanerischen Qualitäten Maßstäbe für die Stadtentwicklung der Zukunft zu setzen hätte. Kaum eine andere europäische Hauptstadt hat solch eine Chance der Neuplanung und Neubebauung eines so großen innerstädtischen Areals aufzuweisen; ob Berlin sie zum zweiten Mal verspielt?


Ein Essay: H. Johannes Wallmann: Architekturen der Zukunft – die Stadt als Kunstraum


Im Zusammenhang mit den verschiedenen Konzepten – und nicht zuletzt auch durch meine Seminare mit Architekturstudenten - habe ich natürlich immer wieder auch über den konkreten und allgemeinen Zusammenhang von Kultur und Architektur nachdenken müssen. Nachfolgend dazu ein Text, der Anfang 2001 entstand:

Architektur ist gebauter Energie- und Intelligenztransfer und zugleich ein wichtiges Portal zum Diskurs der geistig-kulturellen Wertvorstellungen. Als konkret gebautes Struktursystem öffentlichen und private Lebens sowie als die öffentlichste aller Künste ist sie eines der wichtigsten Foren unseres nach außen erweiterten kulturellen Bewusstseins. Ihr Wert misst sich an den mit ihr verknüpften geistig-kulturellen Dimensionen, durch die sie über sich selbst hinausweist. Ihre Aufgabe ist vornehmlich darin zu sehen, vieldimensionale Raumstrukturen zu entwerfen, um den unterschiedlichen dynamischen Prozessen und ihren Schnittpunkten eine bestimmte effektive Struktur zu geben. Dazu muss sie nicht nur die zu einem bestimmten Bau gehörenden dynamischen Prozesse und Schnittpunkte definieren, sondern – und das ist wohl selbstverständlich - auch nach Formen und Strukturen fragen, mit denen eine effektive Umsetzung dieser dynamischen Prozesse gewährleistet werden kann. Weil  - im Hinblick auf die Notwendigkeit der öffentlichen Kommunikation integraler kultureller Qualitäten - die Hauptfunktion von Architektur darin zu sehen ist, als konkret gebautes Struktursystems unseres nach außen erweiterten kulturellen Bewusstseins zu fungieren, sind die einzelnen Bauten als dessen Unterfunktionen zu definieren. Dies bedeutet, die architektonische Umsetzung der dynamischen Prozesse nicht auf die Gewährleistung der profanen Funktionen zu beschränken, sondern sie grundsätzlich als eine Bedingung der Aufrechterhaltung des allgemeinen kulturellen Werte- und Intelligenzübertragungssystems zu verstehen. Für eine zukünftige Architektur bedeutet dies nichts weniger, als von einer kommerziell funktionalen Gestaltung zu einer kulturell integralen Qualität voranzukommen. Das wäre ein Schritt weg vom Oberflächendesign hin zu Architekturformen, die die Grenzlinien und die Interfaces zwischen Innenraum und Aussenraum so strukturieren, dass die in ihr Gestalt annehmende vieldimensionale Raumstruktur tatsächlich – und sozusagen in Augenhöhe – als kulturelle und künstlerische Qualität erfahren wird.

Würden Architektur und Städtebau sich nicht entsprechend verändern und würden sie weiterhin vor allem als kommerziell zu designende Benutzeroberflächen schneller oberflächlicher Informationsströme verstanden, hätte das für die Gesellschaft als Ganzes fatale Folgen. Dem Gemeinwesen würde eine wichtige Grundlage der öffentlichen kulturellen Kommunikation entzogen bleiben, wodurch sein zunehmender Zerfall besiegelt wäre. Deshalb gilt es die Städte wieder als kulturelle Zentren – und zwar im Sinne eines integral-modernen Bewusstseins - zu verstehen und sie architektonisch entsprechend zu gestalten. Die kulturellen und die profanen Relationen werden dabei aneinander heranreichen, sich berühren, sich in unmittelbarer Nachbarschaft befinden und in ein kreativ lebendiges Wechselspiel treten können. Die Stadt der Zukunft wird also mehr sein müssen als eine geschickte Aneinanderreihung funktionaler Architekturen und Benutzeroberflächen. Sie sollte in ihrer architektonischen und städtebaulichen Gestalt integrale Intelligenz, organismisch kompetenten Zukunftswillen, kulturelle Identität sowie transkulturelles Verständnis verkörpern und ausstrahlen.
Die Stadt der Zukunft wäre danach als Kunstraum nach Kriterien akustischer und optischer Ökologie zu planen. Die Produktion von akustischem und optischem Abfall müsste in ihr ebenso vermieden werden, wie es mit ihr auch Anhaltspunkte gegen eine innere Überlärmung der menschlichen Psyche zu entwickeln gilt. Durch eine akustisch und optisch bewusste integrale Stadtplanung, durch entsprechend gebaute Architekturen und durch intelligent angelegte Verkehrsstrukturen kann Lärm jeglicher Art auf ein verträgliches Minimum reduziert werden. Sowohl die optische als auch akustische Gestaltung sollte sich an den integralen Bezugspunkten des vieldimensionalen Raumes orientieren. Die einzelnen Architekturen verdeutlichen dessen einzelne Aspekte und sollten zu einer entsprechenden Öffnung der Wahrnehmung einladen. Anstelle von Fassaden architektonische Außenräume - kristallin oder gewölbt - als Räume für künstlerische Gestaltung, für Skulpturen, Malerei und Klänge in Ohren- und Augenhöhe. Neben den Einkaufsbereichen - und in sie vordringend - Orangerien, Stein-, Kristall-, Sand- und Erdräume sowie wuchernde Natur. Spielplätze. Piazzas, die als Aufführungsforen für moderne multimediale Performances dienen. Foren für transkulturelle Integral-Games, durch die in intelligenten Formen Selbstorganisationsvorgänge erfahren werden können. Funktionslandschaften mit künstlerisch gestalteten Formen von Schaufenstern, Balkons, Erkern, Terrassen, Dachgärten - mit Skulpturen, Farben und leisen (begrenzt zu hörenden) Klängen. Organoide Architekturformen, Pflanzenformen, Wellenformen, Blitzformen oder fraktale und nichteuklidische Geometrie, gut abgestimmt auf das jeweilige Umfeld - als energetische Ausgleichsfaktoren, unprätentiös, grundlegend einfach und schön; eine Feier des Lebens. Ein Haus der Farbe, ein Haus des Klangs, ein Turm schnell fallender oder aufsteigender Elemente, eine Halle, in der man das Pulsieren der Pulsare im Weltall hören kann, Planetarien, die in den Zentren der Städte dazu einladen, ins Weltall zu schauen. Räume, Plätze oder schwebende Plattformen, mit denen die Schnittpunkte der unterschiedlichen Räume und dynamischen Prozesse auf ungewöhnliche Weise zu begreifen sind. Orte, die in integral-modernen Formen den Mysterien des Menschsein gewidmet sind. Performances-Centers, Bibliotheken, Theater, Konzerthäuser. Auf den Plätzen und Straßen Wasserspiele, die ihre Atmosphären tatsächlich erfrischend entfalten, ohne von Klimanlagen oder Verkehr übertönt zu werden.

Wo könnte eine solche Stadt entstehen? In allen Städten sind (egal wie schlecht ihre Planungen gewesen sein sollten) vielfältigste Möglichkeiten denkbar, sie Schritt für Schritt zu einem - kulturelles Bewusstsein und Intelligenz kommunizierendem - Kunstraum werden zu lassen. Die Stadt sollte dafür allerdings weniger als Bühne verstanden werden, auf die nach Belieben austauschbare Kunstobjekte oder Architekturen zu stellen sind, sondern vielmehr als eine energetische Konstellation, auf die es mit speziell zu entwickelnden Projekten unter Einbeziehung aller Randbedingungen künstlerisch zu antworten gilt.

Unbedachtheit und Ignoranz sowie zu geringe Investitionen in Ausbildung und Gestaltung bringen uns nicht voran. Sie sind sogar gefährlich, weil eine schlechte Realisierung die Projekte selbst (ebenso wie die ihnen zugrunde liegenden Ideen) in Misskredit bringt. Wesentlich auch, dass das Erlebnis von Formen, Farben, Klängen nicht mit Ideologien bepflastert ist, sondern dass die Energien und Informationen weitgehend ideologiefrei transferiert werden. Es könnte für solche Ideen ein großes künstlerisches und gestalterisches Potential freigesetzt werden, das die entsprechende Kompetenz mitbringt oder sich aneignen kann. Dazu bedarf es der Entwicklung eines kulturellen und künstlerischen Know hows, das es erlauben wird, jedesmal - wenn wir es einsetzen - mit diesen Dingen behutsam und intelligent umzugehen. Entsprechend gilt es auch die Ausbildung der Künstler auf den integralen und vieldimensionalen Raum zu orientieren. 

Verknüpfungsleistung. Auch wenn Architektur als ein wichtiges Strukturelement des nach außen erweiterten kulturellen Bewusstseins gelten muss, so sollte sich mit ihr vergegenwärtigen, dass sie nicht das kulturelle Bewusstsein selbst ist. Denn dieses formuliert sich erst durch die integrale Verknüpfung der unterschiedlichen dynamischen Prozesse menschlichen Lebens. Diese Verknüpfung stellt eine derart hochkomplexe Anforderung dar, dass sie nur aufgrund einer glücklichen, kulturell optionierten und gut strukturierten interdisziplinären Zusammenarbeit zu leisten ist. Nicht an dem Willen zu interdisziplinärer Zusammenarbeit sondern an den entsprechend dauerhaft tragfähigen Strukturen hat es dem 20. Jahrhundert elementar gemangelt. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist aber die Voraussetzung, um das integrale Zusammenwirken der dynamischen Prozesse in einer vieldimensionalen integralen architektonischen Raumstruktur zu ermöglichen. Denn die anderen Künste sind nicht zur Ausschmückung von Architektur da, sondern sind als integraler Bestandteil von Kultur zu verstehen, um derentwillen Architektur – neben ihren profanen Funktionen - letztlich gebaut wird.

Idee des „Gesamtkunstwerkes“. Indem viele Architekten die interdisziplinäre Idee des „Gesamtkunstwerkes“ (wir denken dabei nicht an Wagners Opern) vergaßen oder dieses mehr oder minder allein zustande bringen wollten, blieb die integrale Struktur des vieldimensionalen Raumes (den es für eine gelingen sollende interdisziplinären Arbeit bewusst zu machen gilt) bis heute weitgehend unterentwickelt. Das „Gesamtkunstwerk“ wurde zwar viel diskutiert und oft belächelt, doch kaum wirklich eingelöst. Sich des vieldimensionalen Raumes bewusst zu werden und ihn – wenigstens präzedenzfallartig – in interdisziplinärer Zusammenarbeit integral und hochdifferenziert zu gestalten, das könnte für eine neue Architektur-Qualität des 21. Jahrhunderts ausschlaggebend werden. Wenn z.B. die Maler und Bildhauer, die Komponisten und Philosophen nicht von vornherein in die Konzeptionen von Städtebau und Architektur einbezogen werden, wird sich die Instabilität des vieldimensionalen Raumes, in dem wir leben, möglicherweise so rasant steigern, dass er sich selbst zersprengt oder in sich selbst zusammenstürzt. Eine vertiefte gemeinsame interdisziplinäre Zusammenarbeit hätte dagegen die Aufgabe, das Wissen und Erkennen der einzelnen Disziplinen zu einem synergetisch operierenden Ganzen zu verknüpfen, das Stabilität erlangt, weil es mehr ist als die Summe seiner Teile.

Die Chance der zukünftigen Architektur und zukünftiger künstlerischer Arbeit überhaupt liegt daher genau darin, sich der Notwendigkeit integralen interdisziplinären Arbeitens bewusst zu werden. Stück um Stück wird dann der gegenwärtig grassierende Fassadismus zugunsten einer integralen Gestaltung aufgegeben werden können, bei der künstlerische Formen in Skulpturen, Farben, Klängen und Geräuschen von vornherein Bestandteil der Konzeptionen sind. So wird die Stadt der Zukunft nicht zu einer zerfahrenen und überlärmten Benutzeroberfläche verkommen, sondern sich als akustisch und optisch ökologischer Kunstraum entwickeln, der kulturelle Qualität kommuniziert. Es gilt für die Zukunft der Menschheit eine Reihe schlechter (kultureller) Gewohnheiten über Bord zu werfen: integral orientierte kulturelle und künstlerische Energiefelder, die wir mit Hilfe städtebaulicher und architektonischer Struktursysteme um uns herum errichten können, werden uns dabei helfen.


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