Reiner-Kunze-Zyklus (2007/2008)
H. Johannes Wallmann: Reiner-Kunze-Zyklus - "DER BLAUE VOGEL" - Musik im Raum für Bariton und Kammerensemble zu Gedichten, Nachdichtungen und Texten von Reiner Kunze
"ein Werk von umwerfender Schönheit und tiefem Ernst"
(Matthias Entreß, Einladung zu seiner RBB-Sendung am 31.3.2010)
"starker Eindruck" - Berliner Zeitung, 29. Oktober 2009:
"... Wallmann hat eine Art des musikalischen Fortgangs entdeckt, die man in Anlehnung an Schönbergs Begriff der Klangfarbenmelodie "Klangortemelodie" nennen könnte. Und die entfaltet er in höchst vielfältiger Weise ... Wallmanns Musik ist konzentriert und zielt ins Große, ohne den Hörer abzuweisen; sie nimmt ihn, schon indem sie ihn im Raum umfasst, in ihre Mitte, selten fühlt man sich als Hörer von einer neuen Musik so freundlich und ohne Anbiederung zum Zuhören eingeladen. In der Interpretation der Klangwerkstatt Weimar unter Leitung von Tom Rojo Poller und dem Bariton Matthias Vieweg hinterließ das starken Eindruck." (Peter Uehling)
Rundfunksendungen des REINER-KUNZE-ZYKLUS - "DER BLAUE VOGEL"
. Deutschlandfunk, 20.12.2009; eine Sendung von Dr.Egbert Hiller
. NDR-Kultur, 19.12.2009; eine Sendung von Hans-Heinrich Raab
. RBB-Kulturradio, 30.3.2010, eine Sendung von Matthias Entreß
Uraufführung am 27. Oktober 2009 19.30 Uhr im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie
Die Uraufführung (außer Satz 6) findet im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie in Kooperation mit Deutschlandfunk und der Robert-Havemann-Gesellschaft statt. Die Gesamturaufführung (mit Satz 6) erfolgt am 25.11.2009 bei den Klangwerktagen Hamburg.
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Materie . Mauer-Fall . Geist
Die Uraufführung des „Reiner-Kunze-Zyklus" von H. Johannes Wallmann erhielt keine offizielle Finanzierung, daher konnten bis zum 15.4.2009 Eintrittskarten auf Subskriptionsbasis erworben werden. Wir bedanken uns bei allen Subskripenten, die mit Ihrer Subskription das Stattfinden dieses Konzertes ermöglicht haben!
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Über den Dichter und über den Komponisten
Reiner Kunze (* 1933): Seine Biographie liest sich wie ein Stück deutsch-deutscher Geschichte: Er studierte Philosophie und Journalistik in Leipzig, musste aber nach politischen Angriffen 1959 die Universität verlassen, ohne seine Promotion beenden zu können. Nach Zerschlagung des Prager Frühlings gab Kunze sein Parteibuch zurück und es wurde für ihn fast unmöglich, noch in der DDR zu publizieren. Nach der Veröffentlichung von „Die wunderbaren Jahre“ 1976 in der Bundesrepublik kommt es zum endgültigen Bruch mit der DDR-Regierung, die mittels infamer Zersetzungsmethoden erneut massiven Druck auf ihn ausübt. 1977 siedelte er in die Bundesrepublik um. Reiner Kunze erhielt zahlreiche Literaturpreise, u. a. den Georg-Büchner-Preis. 1990 schreibt er die Dokumentation "Deckname Lyrik", die in Auszügen seine Akten des Ministeriums für Staatssicherheit wiedergibt. 1992 trat er aus der wiedervereinigten Berliner Akademie der Künste aus.
H. Johannes Wallmann (*1952): Schon als Weimarer Kompositionsstudent schrieb Wallmann „Drei Lieder nach Texten von Reiner Kunze“ und wurde kurz darauf von der Hochschule exmatrikuliert; sein später erworbenes Diplom enthielt man ihm (wie bei Wolf Biermann und Jürgen Fuchs) vor. Trotz vieler weiterer Schikanen ließ er sich nicht beirren und entwickelte sein künstlerisches Gesamtkonzept INTEGRAL-ART. Nach massiven Zersetzungsmaßnahmen durch das MfS verschlechterte sich seine Arbeitssituation extrem und so stellte er 1986 einen kulturpolitisch begründeten Ausreiseantrag. 1988 in die Bundesrepublik übergesiedelt, konnte er viele seiner künstlerischen Ideen und Visionen realisieren. Tausende Menschen hörten seine Musik; zahlreiche Rundfunkanstalten übertrugen sie live bzw. produzierten Sendungen. 2006 erfolgte die Veröffentlichung seines Buches „INTEGRALE MODERNE – Vision und Philosophie der Zukunft“ im Pfau-Verlag.
"Ich fühlte mich bei dieser Musik wie in einem Wassertropfen, der durch die Weltmeere treibt, so einfach und klar. ... Eine Vision, wie das Leben sein könnte" (Die Berliner Journalistin Kathrin Schrader zu Wallmanns MAN-DO - Musik im Raum für 6 Instrumentalgruppen im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, 29. Februar 2004)
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Zu den Interpreten
Matthias Vieweg. Matthias Vieweg ist ein ausgezeichneter Bariton, der in besonderer Weise den hohen Anforderungen dieses Liederzyklus´ gewachsen ist. Matthias Vieweg studierte an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin. Konzertexamen Gesang; Aufnahme in die Stiftung Yehudi Menuhin „live music now“; 1998 1. Preis beim Richard-Strauss-Wettbewerb München; 2. Preis beim Internationalen Bachwettbewerb in Leipzig; Sonderpreis des MDR. Gegenwärtig nimmt er einen Lehrauftrag für Gesang an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" Berlin wahr.
Klangwerkstatt Weimar. "Ein Ensemble von Weltklasse" urteilte die Komponistin Adriana Hölszky, die zu den Fixpunkten in der Neue-Musik-Szene weit über ihr Land hinaus zählt.
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Zum Hintergrund der Komposition
„Biografie ist mehr als nur eine rein persönliche Angelegenheit“, sagte Joseph Beuys. Angesichts dieser zutreffenden Feststellung lag es für mich nahe, diesen Zyklus zu schreiben. Denn schon während meiner Studentenzeit haben mich die Gedichte und Gedanken von Reiner Kunze in besonderer Weise angesprochen, weshalb ich bereits 1972/73 (als Kompositionsstudent der Weimarer Musikhochschule) „Drei Lieder nach Texten von Reiner Kunze“ schrieb. Kurz darauf wurde ich aus politischen Gründen von der Hochschule exmatrikuliert. Das war Realsozialismus konkret und machte mir einmal mehr klar, was es bedeuten kann, mit seiner Person für Gedanken und Ideen einzustehen. Reiner Kunze hat während der DDR-Zeit zahlreiche viel schwierigere Situationen auf bewundernswerte Weise gemeistert, bis ihm nur noch die Ausreise aus der DDR blieb, die er 1977 verließ.
Wenn nicht schon Schiller (im zweiten Brief über die ästhetische Erziehung des Menschen) den Gedanken "Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit" formuliert hätte, würde sicher Reiner Kunze ihn formuliert haben. So trat er auch in der Wende-Zeit und nach der Wiedervereinigung vehement dafür ein, die DDR-Vergangenheit klar zu sichten und aufzuarbeiten, anstatt über sie das Tuch der Ignoranz breiten zu lassen. Denn Zukunft kann nur so gut gestaltet werden, wie Vergangenheit aufgearbeitet und wie aus ihren Irrtümern, Fehlern und Verbrechen gelernt ist. Kunzes mutige dokumentarische Bücher (wie „Die wunderbaren Jahre“, „Deckname Lyrik“, „Am Sonnenhang“) sowie seine ästhetisch-philosophischen Betrachtungen sind daher von nicht minderer Bedeutung als seine Lyrik. Auch mit ihnen hat er sich als Künstler und Seismograph eines – auf hoher Sensibilität und Genauigkeit beruhenden – freiheitlichen, verantwortlichen sowie aufklärenden Denkens und Handelns ausgewiesen. Kunzes Einstehen, sein streithafter Mut, seine Aufrichtigkeit, sein philosophisch und ästhetisch orientiertes Verständnis von Kunst, seine Liebe und seine tiefe Achtung vor der Natur, seine - Situationen treffend bezeichnenden und wie Edelsteine fein ausgeschliffenen – lyrischen Metaphern (die ganze Felder von Assoziationen wachzurufen vermögen), sein hochsensibler Blick auf das Leben selbst sowie seine kompromisslos klare Sicht der DDR-Wirklichkeit haben Maßstäbe gesetzt und erneuert.
Es lag mir also aus vielen Gründen am Herzen, diesen Reiner Kunze-Zyklus zu schreiben. Ich würde mich freuen, wenn die in ihm versammelten Gedichte, Nachdichtungen und philosophisch-ästhetischen Texte einen musikalischern Ausblick auf jene hohe gedankliche Kraft und Sensibilität bilden können, die für die Zukunft dieses Landes bedeutsam sind und Reiner Kunze zu einem der bemerkenswertesten Lyriker des gespaltenen und wiedervereinten Deutschlands werden ließen.
Berlin, im Februar 2008
H. Johannes Wallmann
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die 15 Sätze im Überblick
H. Johannes Wallmann
Reiner-Kunze-Zyklus - DER BLAUE VOGEL
(Aufführungsdauer: ca. 85 Min.)
1.
WIR SIND GAR NICHT GEMEINT (Reiner Kunze / Ilse Aichinger)
für Bariton, Klavier und Streichquartett
2.
WILDE ROSE
für Bariton, Klavier und Streichquartett
3.
ERSTE LIEBE
für Bariton und Klavier
4.
SENSIBlE WEGE
für Bariton, Klavier und Streichquartett
5.
ICH FRAGE (von Jan Skácel, Nachdichtung Reiner Kunze)
für Bariton und Streichquartett
6.
ERHOB SICH EIN VOGEL INS BLAU / ÜBER DEN DRAHTVERHAU (Jan Skácel, Nachdichtung Reiner Kunze
7.
DEN SAND AUS DEN AUGEN KRIEGEN (Reiner Kunze / Hugo von Hofmannsthal)
für Bariton, Klavier und Streichquartett
8.
AUSTRITT AUS DER AKADEMIE
für Bariton, Klavier und Streichquartett
9.
WAS IST POESIE? (von Vladimir Holan, Nachdichtung Reiner Kunze)
für Bariton und Klavier
10.
Was DAS KUNSTWERK ZUM KUNSTWERK MACHT
für Bariton, Klavier und Streichquartett
11.
MIT SEINER PERSON DAFÜR EINSTEHEN
für Bariton und Klavier
12.
WAS MAN EWIGKEIT NENNT (Reiner Kunze / Hans Georg Gadamer)
für Bariton, Klavier und Streichquartett
13.
RUDERN ZWEI
für Bariton, Klavier und Streichquartett
14.
AUF DICH IM BLAUEN MANTEL
für Bariton, Klavier und Streichquartett
15.
WIR SIND GAR NICHT GEMEINT(Reiner Kunze / Ilse Aichinger)
für Bariton, Klavier und Streichquartett
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„Sehr geehrter Herr Präsident, ich bitte Sie,
meinen Austritt aus der Akademie zur Kenntnis
nehmen zu wollen. Ich möchte jedoch betonen,
daß mir dieser Schritt schon heute für den Tag leid
tut, an dem die Akademie der Künste vornehmlich
wieder vom Geist der Künste inspiriert sein wird“.
(aus einem Brief Reiner Kunzes vom 2.2.1992, vertont
im 8. Satz des Reiner-Kunze-Zyklus von
H. Johannes Wallmann)
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Subskription - schon bei Mozart
„Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791) z.B. veranstaltete nach seinem Ausscheiden als angestellter Hofmusiker im Fürstbistum Salzburg 1781 als einer der ersten freiberuflichen Musiker der ernsten Musik kommerzielle Sinfonie-Konzerte (sog. "Akademien") auf Subskription. Das geschah in der Weise, dass er in Musikalien-Handlungen Subskriptionslisten auf seine kommenden Konzerte auslegte, in die sich diejenigen, die diese Konzerte besuchen wollten, eintrugen. Ob Mozart der erste war, der sich dieser Methode bediente, und ob nach ihm auch andere freie Musiker, etwa Ludwig van Beethoven, ihre Konzerte so veranstalteten, ist noch unerforscht. Ob diese musikalische Subskription nur unverbindliche Absichtserklärungen oder schon juristisch verbindliche Vertragsabschlüsse waren, ist ebenfalls noch nicht erforscht.“ (19.3.2009: http://de.wikipedia.org/wiki/Subskription)

