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music meets architecture, 2004

man-do/ syn_arch

„MAN-DO“ (MUSIK IM RAUM FÜR 6 INSTRUMENTALGRUPPEN von H. Johannes Wallmann) kombiniert mit der Rauminstallation „SYN_ARCH“ (eines Entwurfsseminars von Prof. L.E.O. Eckhardt, HAW Hamburg, Fachbereich Architektur)

Architektur und Musik

Nach seiner Komposition "INNENKLANG -  Musik im Raum für 4 Orchestergruppen  und Soprane" (geschrieben  für die Akustik des Berliner Domes und dort mit großem Erfolg durch das Berliner Rundfunk- Sinfonieorchester uraufgeführt)  schrieb Johannes Wallmann 2003 für die moderne Architektur des Kammermusiksaales der Berliner Philharmonie (der architektonisch auf einem Sechseck basiert) die Komposition „MAN-DO  - Musik im Raum für sechs Instrumentalgruppen" . Allerdings ist eine Aufführung von "MAN-DO" auch in allen anderen Räumen möglich, in denen um das Publikum herum 6 Musikerpositionen eingenommen werden können.

Die Aufführung

Die Aufführung fand am 31.1. 2004 in der vollbesetzten Halle A der HAW (heute Hafen-City-Universität) statt und war ein überaus großer Erfolg.

Zupfinstrumente und die Moderne

Zupfinstrumente werden in ihrer Bedeutung für die Moderne meistens unterschätzt. Doch bereits in der Malerei von Pablo Picasso und Georges Braque wurden sie zu "Ikonen der Moderne“. Bedenkt man, dass in diesen Bildern die Moderne mit Volksinstrumenten zu einer Symbiose verschmilzt, kann das als eine Metapher und als eine interessante Herausforderung für die Komponisten der Gegenwart gelten. So stellte Johannes Wallmann sich dieser Herausforderung und schrieb diese Komposition für das Berliner Zupforchester.

Interdisziplinär

Im Wintersemester 2003/2004 erarbeiteten - anlässlich der Diskussion um eine neue Philharmonie für Hamburg - Studenten des Fachbereiches Architektur der HAW im Rahmen des Entwurfsseminars von Prof. L.E.O. Eckhardt Lösungsansätze für einen neuen Umgang mit Raum und Musik. Bei einer Begegnung der Studenten mit Wallmann entwickelte sich die Idee eines Experiments. Können Musik und Architektur, die als eigenständige Kunstformen zu betrachten sind, so miteinander in Korrespondenz gebracht werden, dass sie ein Gesamtkunstwerk ergeben, ohne das die eine Kunstform die andere illustriert?

Mit ihrer Architektur-Installation „SYN_ARCH“ schufen die Studenten für dieses Experiment eine eigenständige Interpretation von Wallmanns Raumklang-Komposition „MAN-DO“. Sowohl die Musikkomposition als auch die Architektur-Installation wurden dabei als autarke künstlerische Arbeiten angesehen. Durch die zeitgleiche Präsentation entstand eine neuartige Dialogform, in der die Musik nicht als Untermalung der Installation und die Installation nicht als Dekoration der Musik wahrgenommen wird. Vielmehr wird  das Gesamtkunstwerk in  seiner interdisziplinären Korrespondenz von einem konstruktivistischen Ansatz getragen, der mathematisch-kompositionstechnischen Prinzipien unterliegt, gleichzeitig aber ein neues Verhältnis zueinander und zum umgebenden Raum schafft.

Die Komposition

Die Komposition beschäftigt sich sowohl mit den verschiedenen klanglichen Möglichkeiten von Zupfinstrumenten als auch - auf Grundlage von präzisen geometrischen Figuren - mit dem Verlauf von Klängen und Motiven im Raum. Der Dirigent, der sich in der Mitte zwischen den sechs fest positionierten Musikergruppen befindet, koordiniert diese sechs Gruppen und gestaltet darüber hinaus in einigen Teilen die musikalischen Abläufe frei nach den Regeln der Komposition. Die Musik umgibt den Zuhörer von allen Seiten, so dass ihre Räumlichkeit unmittelbar erlebbar wird.

Die Sätze lauten:

1. "Kreislauf polar"
2.  "Zwei Dreiecke"
3. "statisch bewegt, diagonal"
4. "Linien, Rhythmen, Klänge"

Grundstruktur der beiden Konzepte MAN-DO / SYN_ARCH:

Die Aufführung der Komposition „MAN-DO“ für  6 Instrumentalgruppen  (Zupfinstrumente) findet in der Halle A der HAW statt.
Die Komposition besteht aus 4 Sätzen.
Jeder Satz ist für 18 Musiker geschrieben.
Die 18 Musiker werden in 6 Gruppen eingeteilt.
Jede Gruppe besteht aus drei Musikern  (s. Bild A).
    
Alle Musiker finden ihre Position auf der ersten Galerie der Halle A.
Der Dirigent steht auf dem ersten Zwischenpodest der Haupttreppe.

Dauer des Musikstücks: ca. 42 Minuten.

Zeitgleich wirkt die Architektur-Installation “SYN_ARCH“ entsprechend der Satzlängen des Musikstücks, die gesamte Halle A in diese Interpretation einbeziehend.

Die vier Sätze werden unterschiedlich als architektonische Rauminstallation von den Studenten interpretiert. Dazu werden sowohl auf Projektionsflächen im Raum der Halle A, als auch auf der eigentlichen Konstruktion der Halle mit Hilfe von Beamern und Overheadprojektoren interpretatorische Fragmente und Übersetzungen von Musik dargestellt.

Die Projektionsflächen entwickeln sich im Laufe der Aufführung von Punkt zu Strich zu Fläche zu Raum, um zum Ende in einer Synthese von Form und Raum zu kumulieren.

Ausführung des Konzeptes für die vier Sätze MAN-DO / SYN_ARCH

MAN-DO Satz 1: „Kreislauf Polar“
In diesem Satz verlaufen Töne und Klänge von Position zu Position der Spielergruppen im Kreis; linksherum oder rechtsherum. Außerdem kommt es zum Wechselspiel zwischen drei vorderen und drei hinteren Positionen.

SYN _ARCH Satz 1: „Punkt-Strich“
Projektion eines Striches (Verbindung zweier Punkte) in den gesamten Raum der Halle A (u.a. unter Podest des 2. OG). Ausgangspunkt ist eine Ecke des Raumes.
Die Projektion des ersten Striches wird vervielfacht und überlagert, wächst rhythmisch in den Raum hinein und erfüllt am Ende den gesamten Raum – und Zuschauerraum (mittels Overhead-Projektor-Projektion) als Strichlandschaft.

MAN-DO Satz 2: „Zwei Dreiecke“
In diesem Satz sind die beiden ineinander verschränkten Dreiecke des Sechseckes thematisiert. Die Geräusche und Klänge der beiden Dreiecke wechseln sich ab oder erklingen gleichzeitig. Aus dem simultanen gegenläufigen Kreisverlauf auf beiden Dreiecken gehen beide Kreisläufe hervor, die sich dann ebenfalls simultan vollziehen.
Der Satz ist in weiten Teilen von Geräuschen getragen, die durch Kratzen der Saiten erzeugt werden. In den anderen Teilen stehen die beiden Dreiecke simultan gegeneinander, abstürzende oder aufsteigende Sechstolen zu Achteln und Triolen, die in crescendo- und descrescendo-Schüben kommen und gehen.

SYN _ARCH Satz 2: „Fläche“
Auf sechs Projektionsflächen und der vorhandenen Architektur der Halle A werden Fragmente von Zyklen projiziert. Dabei wird der Kreislauf als Makro- und Mikroidentität zum Thema gemacht. Die Konzentration auf das kleinste Teilchen eines herkömmlichen Objektes und ihre Entwicklung zum Konkreten durch die Veränderung des Abstandsverhältnisses ist Gegenstand der Interpretation.

MAN-DO Satz 3 „Statisch bewegt, diagonal“
In diesem Satz spielen die Beziehung der jeweiligen Diagonalpositionen die entscheidende Rolle. Klanglich arbeitet er mit kleinen, melodiösen Figuren, mit ppp-Klangfeldern, mit einem kurzen, schnellen Rhythmus, sowie mit einer zarten 12-Ton-Reihe. Die drei Diagonalpositionen stehen in antiphonem Wechselspiel, das insbesonders durch die kleinen Figuren und die mit ihnen verbundenen Klänge wahrnehmbar wird. Diese Wechelspiel wird jedoch an bestimmten Punkten unterbrochen und durch einen schnellen Rhythmus fortgesetzt. 

SYN _ARCH Satz 3 „Raum“
Die Projektionsflächen aus Satz 2 werden durch Absenken in den Raum der Halle A gekippt und entwickeln sich so von der Fläche zu räumlichen Gebilden. Anders als in Satz 2 sind die nun entstandenen Körper keine Projektionsfläche mehr, sondern nun als Raum erfahrbar. Die dezente Inanspruchnahme dieser im Raum schwebenden Körper korrespondiert mit den zarten Klängen der Musik aus dem 3. Satz.

MAN-DO Satz 4 „Linie, Rhythmus, Klänge“
Im vierten Satz werden alle Bewegungsformen miteinander kombiniert und durch das Wechselspiel der axialen Partner erweitert. Zunächst werden weite Linien im Kreis durch den Raum gezogen, wobei sich die beiden Kreisrichtungen abwechseln und die Einzeltöne zuvor jeweils zu Klänge aufgestaut werden. Dann treten die beiden Dreiecke zueinander in Beziehung; das eine mit Klangschüben, das andere mit Rhythmen auf einer Tonhöhe.

SYN _ARCH Satz 4 „Synthese“
Die Darstellung von Punkt—Linie—Raum erfährt der Betrachter durch stehende Bilder auf den Projektionsflächen. Hochaufgezoomte, fragmentierte Bilder als Erinnerungsspiel aus Satz 2 werden in den Raum projiziert. Die Thematik aus Satz 1 erfährt hier ihren Höhepunkt durch die Korrespondenz mit den Bildern aus Satz 2 und die Einbeziehung der skulpturalen Projektionsflächen aus Satz 3.



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