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Kurt W. Streubel (1921-2002)

Er war der Sokrates unter den oppositionellen Künstlern in der DDR. Am 14.5. 1921 in Starkstadt/Böhmen geboren, studierte Streubel 1945/46 Malerei in Weimar bei Hoffmann-Lederer und Schäfer-Ast, um an den Ideen des Weimarer Bauhauses anzuknüpfen. Als Künstler der Moderne schuf Kurt W. Streubel ein Oeuvre, das - sowohl aufgrund seines philosophischen als auch seines "handwerklichen" Potentials - kaum seinesgleichen hatMit seiner Kunst, die er mit den drei Worten "abstrakt-konstruktiv-konkret" umriss, bot Streubel der realsozialistischen Kulturdoktrin die StirnIn der DDR wurde er daher jahrzehntelang als "Formalist" verfemt/ ausgegrenzt/ diskreditiert und MfS-Zersetzungsmaßnahmen ausgesetzt. Kurt W. Streubel arbeitete und lebte zurückgezogen in Gotha, starb 2002 in Weimar. H. Johannes Wallmann erhielt von ihm ein eingehendes "kunstphilosophisches Training", das wesentlich für die Entwicklung der Gedanken seiner Schrift  "INTEGRALE MODERNE - Vision und Philosophie der Zukunft (Pfau-Verlag 2006) war. Bereits 1978 hatte Wallmann "Synopsis - Musik im Raum mit Diaprojektionen von Kurt W.Streubel" komponiert (Uraufführung zu den Wittener Kammermusiktagen des WDR 1979), 2013 dann "Neue SINFONIE? - Kurt-W.Streubel-Zyklus"

Kurt W. Streubel - der Sokrates unter den oppositionellen Künstlern in der DDR; einer der ganz großen Unbekannten der deutsch-deutschen Kulturgeschichte!


H. Johannes Wallmann

Lichtende Bewegung - über Kurt W. Streubel
(veröffentlicht im Katalog zur Einzelausstellung von K.W.Streubel, |Lindenau-Museum Altenburg und Comptoir-Kunstmagazin 2002)

Als ich im Frühjahr 1974 zu einem Gespräch mit dem Suhler Generalmusikdirektor Siegfried Geissler zusammentraf, da sah ich in dessen Dienstzimmer erstmals eine Reihe von Streubels Arbeiten. Ich war fasziniert von der sensiblen und intelligiblen Klarheit und Kraft, von der ideologiefreien Wahrheit und Schönheit, die von diesen Bildungen  ausgingen, und die ich so noch nicht gesehen hatte. Kaum wollte ich es glauben, dass deren Schöpfer weitgehend unbe- und unerkannt im nahegelegenen Gotha leben sollte, existierend vom Einkommen seiner als Orchestermusikerin tätigen Frau. Das, was ich da vor mir sah, schien mir dem Besten und Höchsten der Bildenden Kunst unserer Gegenwart zuzugehören. Etwa anderthalb Jahre später lernte ich meine Frau kennen, und als ich das erste Mal in das Wohnzimmer ihrer in Gotha lebenden Familie  trat, begegnete ich wiederum einer Arbeit von Streubel, durch die mein erster Eindruck sich weiter verstärkte: 'Stangent', aus Öl, Kreide Farbe. Eine seltsame Scheu in mir hielt mich an, schnellen und zufälligen Begegnungen mit Streubel auszuweichen. Und ich glaube, dieser Scheu lag die Ahnung  zu Grunde, dass die Begegnung mit ihm mein Leben sehr stark beeinflussen würde. Diese Ahnung erwies sich bald als zutreffend. Mit loderndem Geist (der sich manchmal auch an sich selbst verbrannte), mit einem hochsensiblen Auffassungsvermögen, mit einer ungewöhnlichen Kraft gedanklichen Durchdringens - die zu tieflotenden philosophischen Verallgemeinerungen in der Lage ist - und mit einem vergnüglich-scharfsinnigen Witz und Schalck forderte er mich auf allen Ebenen meiner Persönlichkeit. Durch ihn, der seine eigene Arbeit als abstrakt-konstruktiv-konkret umriss, begriff ich erstmals etwas von der Tragweite jener Denkansätze, die bei Kandinsky und Klee in unserem Jahrhundert zu erster Blüte gelangt waren. Durch ihn lernte ich sorgsamst zu unterscheiden, durch ihn erhielt ich Bestätigung, wie notwendig das Künstlerische mit dem Philosophischen verknüpft sein muss. Durch ihn, der sich und sein Werk keinen politischen, ideologischen oder kommerziellen Vereinnahmungen preisgab, bekam ich einen Begriff davon, dass das Künstlerische einer jeweiligen Epoche seine Integrationskraft am besten dann entfalten kann, wenn es so weit als möglich ideologiefrei orientiert (ist). Sogleich erhielt ich durch ihn differenziertere Einblicke in Hintergründe kulturpolitischer Zusammenhänge innerhalb der DDR. Und das waren Einblicke, die nichts mit denen durch die Streitbrillen von Ideologen gemein hatten, sondern sachlich und ideologiefrei wahrzunehmen, abzuwägen und zu orientieren suchten, anknüpfend an den frühesten Punkten der Kulturentwicklung der DDR, authentisch durch sein eigenes Erleben in Tun und Erleiden.

Vielerlei Umstände hatten Streubel nach den Wirren des Kriegsendes (nach eigenen Aussagen hatte er mit der Resistance zusammengearbeitet, war letzter Kurier für die Widerstandsgruppe "Rote Kapelle") nach Gotha verschlagen. Von Thüringen aus versuchte er auf eine künstlerisch- progressive Entwicklung der DDR-Kultur Einfluss zu nehmen. Streubel wurde 1946 in Gotha wohl einer der ersten Genossen der SED (aus der er aber bald wieder ausschied) und war an der Gründung des Kulturbundes ebenso beteiligt, wie an der 1. Parteikulturkonferenz. Die 1. Juryfreie Ausstellung - 1950 von ihm initiiert - wurde schon nach drei Wochen wieder geschlossen. Im Rahmen der Formalismusdiskussion und der Abwendung der offiziellen Kulturpolitik von den Denkansätzen der Bauhauskünstler (die im nahegelegenen Weimar - wo er 1946/47 seine Studien bei Hoffmann-Lederer und Schäfer-Ast führte - das erste Bauhaus gegründet hatten) wurde er 1952 nicht Mitglied des - sich auch gegenüber dem Kulturbund verselbstständigenden – Verbandes Bildender Künstler der DDR und erhielt stattdessen die so genannte Formalistenrente. Nach Arbeits- und Studienaufenthalten in Krefeld und Düsseldorf 1953/54, nach der schweren Erkrankung und dem Tod seiner ersten Frau, prägte er in der Gothaer Zurückgezogenheit mehr und mehr seine Alternative zu dem ideologistichen Rummel der DDR-Funktionärs- und Verbandskunst aus, und das radikal. Gebunden an seine 'Kosmische Komposition', die er 1949 in frühmorgendlich-unschuldigem Erwachen vor einer Gartenlaube am Gothaer Boxberg angeichts eines weiten Firmaments spontan aus sich herausmalt, gelingen ihm zunehmend sehr wesentliche Klärungen zu Form und Funktion, zu Funktion und Farbe, zu Farbe und Klang. Im Wechselspiel von schöpferischer Spontanität und reflektierendem gedanklichen Durchdringen, kommt er zur Integration von Geistigem und Materialem, von Wahrheit und Schönheit und läßt diese zur befreienden sinnlichen Wahrnehmung werden. Darin liegt der umfassende Gegenstand seiner künstlerischen Arbeit und ihrer meist ungegenständlichen Vergegenständlichungen. Die Farben finden die Formen, die Formen finden untereinander und zu den Farben, Farben und Formen geben sich auf, um sich in neuen, ungewohnten Mischungen wiederzufinden. Er gelangt zu faszinierend-einfachen und meditativ-klaren Gestaltungen, die in ihrer einmaligen Farb- und Formklanglichkeit die Frühpunkte des Geborenwerdens und die Weiten der Weisheit integrieren. Radikaler Ernst mit der den Farben und Formen innewohnenden Funktionalität; buntgemachte schwarz-weiss-Konturik ist in Streubels OEuvre nicht zu finden. Und aus diesem Ernst einerseits und den auf Ideologisierung orientierten kulturpolitischen Verhältnissen in der DDR andererseits, hat sich die Dramatik seines persönlichen Lebens entwickelt. Von Anhängern und Freunden - die sich an seinem lodernden Geist oft verbrannten, seiner Originalität oft nicht gewachsen waren, aber doch zumindest seine Genialität ahnten - immer wieder allein gelassen, baute er trotz aller gegenteiliger Erfahrungen auf eine Erneuerung der Kunst. Vielleicht kann seine Kunst als eine Art Saatgut dafür gelten. Diejenigen Kräfte, die die Kraft seiner Kunst und ihrer Ansprüche fürchteten, sie nicht wahrhaben wollten oder ihr nicht gewachsen waren, versuchten ihn massiv in Bedrängnis zu bringen, das So-Sein seiner Kunst und seiner Person zu bagatellisieren, zu verschweigen oder kaputtzuspielen. Erst als ich selbst die scheinbar zufälligen, aber gewollt- gesteuerten und raffiniert-perfekten Zerteilungsmethoden der ehemaligen DDR-Staatskultursicherheitsmaschinerie und den ungeheuerlichen psychischen Druck, der von ihr ausgeübt wurde, an Leib und Seele zu spüren bekam, begriff ich bewundernd, was Streubel und seine Frau seit vier Jahrzehnten auszuhalten hatten, begriff ich seine Furcht und Sorge um die Erhaltung seines Lebenswerkes, und sogar seine fast krankhaften Misstrauischkeiten, mit denen er auch jene, die ihm und seinem Werk Freunde und Helfer sein wollten, von sich stiess. Die ihn unmittelbar betreffenden, von der DDR-Staatskultursicherheitspolitik erzeugten Spannungen waren so mächtig, dass sie wahrscheinlich nicht anders als mit Selbstisolierung auszuhalten waren. Orwell hat in seinem Roman "1984" solche Spannungen und die aus ihnen hervorgehenden Ängste beschrieben; sie sind grausam. Welchen Kräfteverschleiss zieht es nach sich, diesen Spannungen vier Jahrzehnte unentwegt ausgesetzt zu sein ! 'Wertfreie Ästhetik' als Alternative zu allen Spielarten 'kommerzieller Kunst' setzend, hat Streubel - unter Verzicht auf Bekanntheit und ôffentlichkeit (und die sich daraus er- gebenden Vorteile), unter Verzicht auf Darstellung, Belehrung und alle ideologistischen Anwandlungen - allein aus der Kraft seiner sich im ästhetischen (das Ästhetische als die Mitte von Künstlerischem und Wissenschaftlichem!) vollziehenden Integrationen die Funktionen des Künstlerischen auf bisher ungesehene Weise erfüllt und konkretisiert. Dass von diesen Integrationsleistungen bisher kein Gebrauch gemacht wurde, hat wohl auch damit zu tun, dass die befreiend 'befreite Mitteilung' die aus dem Streubel'schen Werk spricht, sich schwerlich zum "teile und herrsche" und zu ideologischen Umfunktionalisierungen missbrauchen läßt. Als ich im Januar 1988, zu einer Zeit, in der die DDR-Staatssicherheit in Folge der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration zahlreiche Hausdurchsuchungen und Verhaftungen vornahm und Ermittlungsverfahren wegen "landesverräterischer Beziehungen" einleitete, gemeinsam mit meiner Frau die Beuys-Ausstellung im Ostberliner Marstall besuchte und dort in grossen Lettern vergleichbare Denkansätze und Überlegungen fand, für die Streubel Jahrzehnte zum Schweigen verurteilt war, für die ich selbst mit der Einbusse aller Möglichkeiten öffentlicher künstlerischer Aktivität hatte zahlen müssen, da waren wir begeistert und niedergeschlagen zugleich. Begeistert, weil gedankliche Parallelen in die Ohren sprangen, niedergeschlagen, weil wir uns der Aussichtslosigkeit unserer eigenen Situation wiederum zutiefst bewusst wurden. Denn auch die Beuys- Ausstellung hatte der DDR-Kulturpolitik dazu zu dienen, eine Liberalität zur Schau zu tragen, hinter deren Fassade sich vergleichbare Ansätze innerhalb der DDR umso besser verschweigen und in die Ecke drängen liessen, hinter deren Fassade die Existenz eines Streubel'schen Werkes umso unwahrscheinlicher erscheinen musste, ihm die Grundlagen des Begreifbar-Werden-Könnens umso ungestörter vorenthalten werden konnten. Für die zeitliche Parallelität der Beuys-Ausstellung mit den Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und Anschuldigen "landesverräterischer Beziehungen", bzw. "geheimdienstlicher Tätigkeit" (jeder Unliebsame, bei dem auch nur eine Visitenkarte aus dem westlichen Ausland gefunden wurde, musste solcher Anschuldigungen gewärtig sein) wird kaum einer ein Ohr gehabt haben; uns fuhr sie in die Glieder. Die DDR-Presse führte dazu eine deutliche Sprache (die auf's Haar jener von April/Mai 1953 glich). Ergänzend dazu die - einen finsteren Mantel zurückhaltenden Schweigens ausbreitende - Grosszügigkeit, mit der westdeutsche und westeuropäische Künstler kulturminsteriell in die DDR eingeladen und umgarnt wurden.

Streubel konnte es sich in seiner Isoliertheit zwar nicht leisten, sich politisch direkt anzulegen, und das sah er auch nicht als seine unmittelbare Aufgabe. Aber schon allein die von ihm zu bestimmten Daten schriftlich formulierten und in blauer Matrizeschrift verschickten Gedanken-, Begriffs- und Daten-Verknüpfungen, bzw. seine alljährlichen "p.f."s bewiesen seine erstaunliche Aktivität und seinen Mut. Ich habe ihn in Situationen angetroffen, wo über ihm alles zusammenzubrechen schien und ihm aus Händen und Füssen der Eiter ausbrach, sodass er Monate lang kaum etwas tun konnte. Dass er sich über all die Jahre trotz all der Belastungen halten konnte, ist seiner phantastischen Konstitution und dem löwenhaften Stehvermögen seiner Frau zu danken.

Joseph Beuys, der genau zwei Tage vor Kurt W.Streubel geboren wurde, sagte: "...Biographie ist mehr als nur eine rein persönliche Angelegenheit. ...". Meine eigenen Bemühungen, der Aussage dieses Satzes gerecht zu werden und zu einer Öffnung gegenüber Streubels Werk sowie zu entsprechenen Ausstellungen beizutragen, sind auch seit unserer Übersiedlung 1988 in die Bundesrepublik erfolglos geblieben. Selbst bei hochrangigen Bundesbürgern, die an der Eröffnung der Ostberliner Beuys-Ausstellung beteiligt waren und damit entsprechende Verantwortung übernommen hatten, wurde meine Bitte um dahingehende Unterstützung abgewiesen. Die politische deutsch-deutsche Geschäftemacherei wäre wohl andernfalls in Gefahr gelaufen, gestört zu werden.

Auch angesichts dessen ist es an der Zeit, sich mit Kurt W. Streubels Werk bewusst zu werden, dass Kunst ebensowenig wie Biographie eine rein persönliche Angelegenheit ist.

jw - 30 - 11 - 1988 / 20 - 12 - 1990

 

 

Musikalisch-literarische Erinnerung an Kurt Streubel begeistert

 
  •   Siegfried Geißler rezitierte im Gothaer Louis-Spohr-Saal mit Leidenschaft die Texte seines Freundes Kurt W. Streubel. Foto: Lutz Ebhardt
Nein, völlig vergessen ist Kurt W. Streubel (1921-2002) in Gotha nicht. Zur musikalisch-literarischen Hommage anlässlich seines 90. Geburtstags fanden erstaunlich viele Besucher den Weg in den Spohrsaal.
Gotha. Und sie erlebten einen Abend, den es in dieser Form in Gotha nicht wieder geben wird. Der Komponist und Dirigent Siegfried Geißler rezitierte aus "Antioper", einem Werk, das er gemeinsam mit Streubel zu Beginn der 70er Jahre geschaffen hat. Dabei gelang es dem langjährigen Weggefährten, die gesamte Breite des Schaffens von Streubel aufzuzeigen. Grafiken - darunter die "Kosmische Komposition" von 1949, die einen Wendepunkt für den Maler und Grafiker darstellte - illustrierten die Songs und Gedichte, die der 82-Jährige mit bewundernswertem Elan vortrug. Geißler, der Ende der 60er Jahre eine Oper schreiben wollte, in der es nicht um Liebe und Herzschmerz ging, bekam von Streubel plötzlich ein Libretto auf den Tisch gelegt. "Da standen sogar schon Regieanweisungen drin", erinnerte sich der Komponist. Das Werk wurde beim Komponistenverband der DDR gar nicht erst zur Kenntnis genommen - zu gefährlich schien die Mischung zweier kritischer Geister, zu suspekt die künstlerischen Ausdrucksformen des Duos. Aus diesen Jahren ist aber eine Originalaufnahme erhalten: In Geißlers Wohnung mit nur unzureichender Technik entstanden. Eine Sequenz daraus flocht der Komponist in sein Programm ein, in der Streubel mit "Eine Stunde Meditation in L-Tag" zu hören war.
Es verlangt viel Konzentration, die Texte des Mannes, der sich als Schrift-Steller bezeichnete, vorzulesen. Nicht minder sind die Anforderungen an den Hörer: Der Duktus ist ungewöhnlich, philosophische Reflektionen verlangen höchste Aufmerksamkeit, ebenso wie die politische Bestandsaufnahme eines Künstlers, der an den Rand der Gesellschaft gestellt war. Streubel hat seiner Lyrik auch eine optische Form gegeben - Grafiken also zum Vorlesen geschaffen. Mittels Lichtbild und seiner Stimme verband Siegfried Geißler das auf glückliche Weise. Musikalisch begleitet wurde er dabei von dem Meininger Komponisten Rudolf Hild, der sparsam den Wortklang untermalte. Zudem hatte Hild eigens für diesen Abend eine Sonata komponiert. "Ich kannte zwar Streubel nicht mehr persönlich, aber Siegfried hat viel über ihn erzählt. "Ich kenne Streubels Bilder und Grafiken - und ich wollte seinen Farbklang in Töne setzen", begründete Hild sein Anliegen. Das dreiteilige Werk unterbrachen jeweils Gedichte des Gothaer Künstlers, die sich Rudolf Hild ausgesucht hat. Mit diesem Werk gab er dem Abend einen besonderen Rahmen. Völlig fertiggestellt wurde die "Antioper" nie. Aber ein Zeitzeugnis eigner Art ist dieses Werk allemal - besonders, wenn, so wie bei Siegfried Geißler, die Klangbilder zum Leuchten gebracht werden. Eine Erinnerung an einen Gothaer Künstler, der "Weltformat" hat, wie ein Besucher formulierte. Der Beifall am Ende zeigte, wie gut Siegfried Geißler, Rudolf Hild und der Lichttechniker Thomas Günther ein Streubel-Wort umsetzten - Klang ist Besitzergreifung.

Klaus-Dieter Simmen / 08.06.11 / TA

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otz.de: Streubel zum 90. Geburtstag

Zum 90. Geburtstag des Gothaer Malers, Grafikers und Schriftstellers Kurt-W. Streubel hat sein Weggefährte Siegfried Geißler einen Antrag auf die Ehrenbürgerschaft gestellt. Heute ist der Künstler nur noch wenigen Einheimischen ein Begriff.
Gotha. Diese Geschichte erzählte er später gern: Wie er sich (vielleicht gar nicht so) kurzentschlossen eines seiner Bilder geschnappt habe, zum Rathaus gelaufen sei, vorbei an der Vorzimmerdame direkt hinein ins Bürgermeisterzimmer. Dem Stadtoberhaupt hielt er sein Bild unter die Nase und fragte: Können Sie sich vorstellen, damit Geld zu verdienen? Nein, das konnte sich der Herr Bürgermeister selbst mit bestem Willen nicht denken. Und so bekam Kurt-W. Streubel aus dem Gothaer Stadtsäckel künftig Hilfe zum Leben. Was so anekdotenhaft daher kommt und von Streubel auch bewusst so erzählt wurde, stimmt in der Tat. Von 1951 bis 1952 bekam der Maler und Grafiker Monat für Monat 200 Mark. Eine Zuwendung, die er scherzhaft-bitter als Formalistenrente bezeichnete. Denn zu dieser Zeit war er längst in Ungnade gefallen - als Staatsbürger und als Künstler.

Monat für Monat Formalistenrente. Dabei hatte es durchaus verheißungsvoll begonnen. Streubel, heute vor 90 Jahren im böhmischen Starkstadt (heute Stárkow) geboren, kam 1946 nach Gotha. Vorangegangen in der böhmischen Heimat war eine Ausbildung zum Entwerfer für Dessin und Colorit, prägende Jahre als Soldat im zweiten Weltkrieg, inklusive einem Jahr Arrest, verhängt von einem Militärgericht der Nazis. Das Leben des jungen Streubel war in seinen ersten Gothaer Jahren, so erzählt sein Freund Siegfried Geißler später, von einer nicht zu beschreibenden Beweglichkeit und Dynamik durchsetzt. Er wollte sich als Maler und Grafiker etablieren, und er war bereit, an diesem neuen Deutschland, das entstehen sollte, mitzuarbeiten. Streubel wurde in Gotha als einer der ersten Mitglied der SED. Anlässlich des ersten Weltfriedenstages gestaltete er große Flächen in Gotha - mit Malerei und Losungen; Pioniere in blauen Halstüchern zierten seine riesigen Wandbilder; das gefiel den Genossen, das entsprach ihrem "neuen" Weltbild, so auch sein 1949/50 entstandener Zyklus über die Entwicklung der SED. Den schuf er in einer Gartenlaube am Boxberg, die er stolz als sein Atelier bezeichnete. Genau an diesem Ort entstand etwa zeitgleich das Aquarell "Kosmische Komposition", das als sein Schlüsselwerk sowohl für seine Kunst als auch sein späteres Leben zu verstehen ist. Von diesem Blatt bekamen die Genossen allerdings erst später Kenntnis. Vorerst erhielt Streubel am 30. Oktober 1948 vom Ministerium für Volksbildung im Land Thüringen seine Zulassungsurkunde als Maler und Grafiker. Und seine Partei, die SED-Kreisleitung Gotha, beauftragte ihn mit dem Gemälde "Gemeinsamer Kampf". 1950 dann stellte Kurt-W. Streubel das Blatt "Kosmische Komposition" mit weiteren neun Arbeiten in der ersten juryfreien Ausstellung in Gotha aus. Diese Arbeiten gefielen den Genossen überhaupt nicht mehr. Besonders an Streubels "Kosmischer Komposition" entzündeten sich die Kleingeister. Das "Thüringer Volk", SED-Organ, bildete das Werk ab und brandmarkte es als dekadent. Was wenige Jahre zuvor als entartete Kunst diffamiert und vernichtet wurde, bekam nun das Prädikat bürgerlich-dekadent aufgedrückt und wurde als Irrweg des Formalismus verleumdet. Als die SED-Zeitung sich bereits "Das Volk" nannte, wurde am 17. Februar 1951 nochmals die "Kosmische Komposition" abgebildet und Streubel erneut als Formalist verunglimpft.

Schaut her: Ich bin Lenin. Wenig später endet auch seine Parteikarriere. Siegfried Geißler erinnert sich: "In einer der Partei-Sitzungen wurde ihm zu viel über Marx und Lenin und den Sozialismus gequatscht (so Streubel zu mir), so dass er an das Rednerpult trat und den verdutzten Genossen zurief: "Was quatscht ihr hier immer von Lenin, Marx und so ... Ich bin Lenin!" Das war schlichtweg Majestätsbeleidigung und unverzeihlich. Dabei war Streubel damals durchaus vom festen Willen nach Veränderung getrieben. Später blickt er in einem Brief an Peter Schneider (20. August 1976) zurück: "Daraus ist zu ersehen, daß ich am Nachkriegsaufbau im Land Thüringen aktiv tätig war und beauftragt im VBK bis 1952 zu meinem Entschluß (Künstlerseminar - Juryfrei), Daten sind ersichtlich ..."

  • Kosmische Komposition, 1949 Kosmische Komposition, 1949
Allerdings war eine Verbindung von Partei und Staatskunst und Streubel nicht wirklich denkbar. Streubel mit seiner extential-philosophischen Prägung auf der einen Seite, holzköpfige Funktionäre einer Diktatur auf der anderen Seite - das führte den Künstler strikt in die Isolation. Seine Versuche, wieder im Verband der Bildenden Kunst Fuß zu fassen, scheiterten. Streubel: "Ab 1956 versäumte ich nicht ... beim VBKD Bezirk Erfurt verschieden Aufnahme zu erlangen ..." Erst 1979, auf Intervention von Kollegen, bekam er mit seiner Wiederaufnahme in den Verband der Bildenden Künstler der DDR, eine späte, allerdings wenig fruchtbringende Genugtuung. Die wenigen Ausstellungen verbesserten seine ökonomische Situation in keiner Weise. Seine Bemühungen zu Beginn der 50er Jahre in volkseigenen Betrieben Fuß zu fassen, waren wenig erfolgreich. Seine Arbeit als "Exportkolorist" im VEB Falkensteiner Gardinen- und Spitzenweberei wurde abgelehnt, weil die Streubelschen Farbkonzepte zu kompliziert für die Produktion seien, hieß es. Dabei beklagte der Gothaer Künstler immer wieder, dass genau diese Konzepte in anderen Betrieben erfolgreich verwendet wurden. Ab 1958 war er freiberuflich als Formgestalter und Entwerfer für die Deko-Druck-Industrie tätig. 1964 dann entzog ihm die DDR die Steuervergünstigung für freischaffende Tätigkeit: "So verbleibe ich nicht Renten-Steuer-Sozial geführt, planwirtschaftlich erwerbslos", notiert er lapidar. Führte all das dazu, dass der Maler und Grafiker in Gotha ein Ausgestoßener wurde, einer der in der Isolation zurückgezogen lebte? Bei Streubel lässt sich das eindeutig mit Nein beantworten, auch wenn er für sich das Jahr 1950 als "in nullung verweilt" bezeichnet. Einen Streubel konnte niemand isolieren. Wenn später von einem stillen Leben in Gotha die Rede ist, entspricht das nicht der Wirklichkeit. Kurt-W. Streubel, der Böhme in Thüringen, war niemals leise - ganz im Gegenteil. Johannes Wallmann, Berliner Komponist, nennt den Maler und Grafiker einen "lodernden Geist, der sich manchmal auch an sich selbst verbrannte".

Kein gutes Haar an Partei und Staat. Das erlebten auch Menschen, die Streubel überhaupt nicht kannten. Ein Lehrer, der ihm zum ersten Male in der Sauna begegnete, zeigte sich völlig erschrocken über jenen Mann, der sich in Rage redete, bis ihm der Schaum vorm Mund stand, und kein gutes Haar ließ an Partei und Staatsführung, der Philosophie ins Feld führte und der Wahrheit das Wort redete. Allein neben dem zu sitzen, soll der Lehrer gestöhnt haben, könne einen schon ins Gefängnis bringen. Siegfried Geißler schildert ein Begegnung, die das unterstreicht: "Einmal saßen er, unser Sohn Moreen und ich in Gotha zusammen zum Mittagessen im vollbesetzten Ratskeller. Streubel fragte unseren damals 12 - 13 Jährigen: Na, was macht die Schule? Darauf hin Moreen unter anderem: Wir mussten einen Aufsatz schreiben über die Angst. Ich wusste aber nicht was ich schreiben sollte. Streubel daraufhin laut wie immer: Da hätt'ste halt geschrieben: Ich hab Angst vor d'n Russen. Um uns herum war sozusagen Funkstille." Mit solchen Geschichten und anderen Skurrilitäten könne man Bände füllen, sagt Geißler. Die DDR bezeichnete Streubel einmal als "Katzenmörderstaat" und zwar deshalb: "Stell Dir mal vor, da stelln'se ein Gerüst vor dein Haus. Da steht's dann ein Halb- oder Dreivierteljahr, gemacht wird nischt, aber die Katzen gewöhnen sich dran, im 2. Stock aus dem Fenster aufs Brett zu springen.

  • Dialogisch-konstruktiv, 1951 Dialogisch-konstruktiv, 1951
Eines Tages ist das Gerüst weg! - Die Katzen hatten sich aber ans Springen gewöhnt..." Nein, Streubel war nicht mundtot zu machen. Nicht als Maler, nicht als Grafiker und auch nicht als Schrift-Steller. Auf diese Schreibweise legte er besonderen Wert: Schrift-Steller hieß für ihn Grafik und Literatur auf geniale Weise zu verbinden. Je mehr Kurt-W. Streubel von der Staatsgewalt in eine Ecke gedrängt wurde, umso umfänglicher wurde schließlich sein Schaffen. Und umso mehr erweiterte er seine Ausdrucksmöglichkeiten. Doch das war nur möglich, weil dem Künstler die Sorge um seine Existenz genommen war. Seine zweite Ehefrau Lia Wirth, die er 1964 heiratete, arbeitete als Geigerin beim Staatlichen Sinfonieorchester Thüringen mit Sitz in Gotha, und unterstützte ihn lebenslang mit ihrem Gehalt. Und sie nahm ihm all das ab, was das tägliche Leben erfordert.

Kein Marktwert nach der Wende. Mit dem Fall der Mauer 1989 begann wieder eine neue Zeit im Land. Und wer glaubt, dass sich nun mit einem Schlag für die in der DDR verfemten Künstler alles änderte, verkennt die Situation. Streubel besaß keinen Marktwert, ebenso wenig wie die anderen Künstler, denen in der DDR die Lebensgrundlage entzogen war. Das zumindest hatten die DDR-Oberen mit ihrer Politik erreicht - über die eigene Existenz hinaus. Mit anderen Worten, Streubel blieb uninteressant für einen Kunstbetrieb, der sich auf Staatskünstler stürzte, deren Werke sich gewinnbringend vermarkten ließen. In Gotha ist Streubel heute nur noch wenigen ein Begriff, manche kannten ihn als Künstler, andere aus seinen oftmals bemerkenswerten Auftritten im Wirtshaus. Den meisten allerdings sagt der Name Streubel nichts mehr: So betrachtet, wirkt das Diktat der SED weiter. Das Werk Kurt-W. Streubels ist in der Moderne zwar von durchaus europäischer Bedeutung - trotzdem aber weithin unbekannt. Hätte er auf der anderen Seite der Demarkationslinie gelebt, wäre sein Lebensweg anders verlaufen. Das Schlossmuseum Gotha hat Arbeiten von Streubel in seinem Besitz, allerdings scheinen die nicht ins barocke Universum zu passen und bleiben deshalb da, wo sie schon seit Jahren lagern, im Depot. Im Kunsthaus Gotha findet regionale Kunst nicht statt. Zu verlockend scheint der Mainstream. Schubert-Deister, der seine schaffensreichste Zeit in Friedrichroda erlebte, bekam eine Werkschau im Frühjahr in Sondershausen. Streubels langjähriger Freund Karl Meusel (tätig in Weimar, Gotha und Oberellen) ist völlig vergessen. Bezeichnend für die Misere dieser Generation ist auch, dass Siegfried Geißler in Suhl einen Antrag einbrachte, Kurt-W. Streubel in Gotha posthum die Ehrenbürgerschaft zu verleihen. Am 7. Juni - aus Anlass von Streubels 90. Geburtstag bringt der Verein Kommpottpora mit Unterstützung der Kulturförderung des Landratsamtes die Antioper im Spohrsaal zur Aufführung. Ein Werk, das Streubel und Geißler zu Beginn der 70er Jahre gemeinsam geschaffen haben. Bleibt zu wünschen, dass daraus mehr wird als nur eine kurze Rückkehr des Böhmen Streubel in seine Gothaer Heimat.

 

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14 Kurt_W._Streubel-Bilder
"Hinweis auf einen Vergessenen"   169.9 kB 
aus "Der Morgen", März 1990
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