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Aufarbeitung der SED-Diktatur

hier soll ein kleines Dokumentencenter entstehen, das u.a. Dokumente enthalten soll, auf die der Autor sich u.a. mit seinem Buch DIE WENDE GING SCHIEF bezieht.

Was hat es für die Zukunft für Folgen, wenn angesichts der Verbrechen des Nationalsozialismus die Verbrechen des Realsozialismus übergangen werden?

Jene, die davon gekommen sind, haben gegenüber jenen, die ermordet wurden oder deren Biografie mittels Zersetzung gebrochen wurde, eine ganz besondere kulturelle Verantwortung, das Bewusstsein für die Verbrechen des Realsozialismus und seine Unrechtsstaaten wach zu halten.


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CALL: "Kunst - eine Tochter der Freiheit?" - Jürgen-Fuchs-Symposium in der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin, 20.-22. November 2015

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Leider steckt die Aufarbeitung der SED-Diktatur im Kulturbereich im Allgemeinen und im Musikbereich im Besonderen heute (25 Jahre nach dem Mauerfall) noch immer in den Anfängen oder liegt sogar völlig darnieder. Es wird - nicht nur in Thüringen - geflissentlich vergessen oder gar in Abrede gestellt, dass die SED-Ideologie und ihr Unrechtsstaat die Künste zur Ideologie-Produktion bzw. Kaschierung ihrer Macht und ihres Unrechts missbrauchte. Wieviele Künstler vermochten sich dagegen zu verwahren und ihrer freiheitlichen Verantwortung in der DDR tatsächlich gerecht zu werden - wie z.B. ein Kurt W. Streubel? Warum wird gelebte DDR-Systemkritik und Widerständigkeit im Bereich der Kultur seit dem Mauerfall bis heute mehr oder minder zum Nichts gemacht? Ist das kein großer Schatz, den es im Sinne von Artikel 5/Abs.3 des Grundgesetzes für die Zukunft unserer Kultur zu heben gelten müsste? Wird eine Gesellschaft ihren Fehlern der Vergangenheit nicht fast zwangsläufig auch in der Zukunft erliegen, wenn sie diese verdrängt? Und haben wir es in der Kultur - von der Kirche bis hin zu den Künsten - gegenwärtig nicht genau mit solchen Verdrängungs-Situationen zu tun? Nicht zuletzt deshalb DIE WENDE GING SCHIEF (Kulturverlag Kadmos, 2009).

Als Komponist hat für mich naturgemäß die Aufarbeitung der SED-Diktatur im Musikbereich Vorrang. Daher sei an dieser Stelle auf Fakten, Dokumente, Kunstaktionen hingewiesen:

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. Ein kapitaler Systemdefekt in Musik und Musikwissenschaft - zur Verdrängungsleistung der Franz-Liszt-Hochschule Weimar

Dokumente, die die Verstrickung der Weimarer Hochschule für Musik Franz Liszt in die SED-Diktatur belegen

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OFFENER BRIEF an Daniel Barenboim btr. der Hans-Pischner-Feiern 2013/2014; Hans Pischner war einer der höchsten SED-Kulturfunktionäre

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Tagung 2011 in Dresden zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit an Hochschulen und Universitäten

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. Offener Brief SED-Diktatur versus Künste 2013

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ICH SCHWEIGE NICHT - Jürgen-Fuchs-Projekt

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Kurt W. Streubel - einer der ganz großen Unbekannten der deutsch-deutschen Kulturgeschichte

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gruppe neue musik weimar (1976-1985)

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. 3.11. 2012 btr. Weimar: Presse-Erklärung zur Absage der Filmpremiere „auf der suche nach der zukunft – integral-art und philosophie des komponisten h. johannes wallmann“ : "Aus Protest gegen die in Weimar und Thüringen bisher nicht bzw. ungenügend erfolgte Aufarbeitung der SED-Diktatur im Bereich der (Neuen) Musik im Besonderen sowie im Kultur-Bereich im Allgemeinen sagen wir hiermit die für den 3.11. 2012, 17 Uhr, im Weimarer „mon ami“ geplante o.g. Filmpremiere ab. - Berlin, am 24.10. 2012, Susanne und H. Johannes Wallmann"

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. Thüringer Allgemeine, Seite 3, 15.11. 2012: "Ein sehr spezielles Kapitel im Leben Wallmanns ist sein Studienabschluss in Weimar an der Musikhochschule. Eine Lebenszeit der Misstöne. "Ich bin", sagt er im TA-Gespräch, "leise exmatrikuliert worden." Unmittelbar zuvor wurde er verpflichtet, Lieder zu den Ostberliner Weltfestspielen einzureichen. Wallmann nahm dafür seine „Drei Lieder nach Texten von Reiner Kunze“, der einer der namhaftesten DDR-Oppositionellen war. Obwohl der als spätbürgerlich-dekadent bezeichnete Student alle Abschlüsse gemacht und sein Diplomarbeit im Juni 1974 verteidigt hatte, bekam er das Diplom nicht ausgehändigt. Erst im Frühjahr 1975 erhielt er nach mehrfachem Drängen eine Urkunde. Aber eben "nicht den Diplom-Abschluss, sondern lediglich das Staatsexamen, auf dem die Diplomarbeit nun Hausarbeit genannt wurde. Nach dem vielen vorangegangenen Ärger nahm ich das schlussendlich hin", erinnert sich Wallmann in seiner Biografie.

Doch schlussendlich war nicht schlussendlich. Jahrzehnte später, wir schreiben 2008, stieß der Komponist in seiner Weimarer Studentenakte auf die Kopie seines Diploms, ausgestellt am 12. Dezember 1974. Wie den Akten zu entnehmen, hatte Dozent Günter Lampe diese Diplomarbeit mit 1 bewertet, wurde dafür jedoch gemaßregelt, die Arbeit danach auf die Note 2 herabgestuft.  Wallmann sagt, dass er auch ohne Diplom arbeiten und leben könne. Aber er will sich mit dem "aus politischen Gründen an mir 1974 begangenen Diplom-Betrug" nicht abfinden. Denn er sieht sich nicht als Einzelfall, erinnert an ein prominentes Diplom-Beispiel, an Wolf Biermann und die Berliner Humboldt-Universität. Die Methode, ideologisch unliebsame Absolventen in der DDR  möglichst große Steine in den beruflichen Weg zu legen, hatte System. In der Weimarer Liszt-Hochschule ist in den Archiven die heutige Aktenlage nur eine sehr unvollständige. Dazu gehört auch, dass es vom Wallmann-Diplom eben nur ein Duplikat gibt. Was aber Wallmann, der eine ernsthafte Aufarbeitung der SED-Diktatur im Musikbereich erreichen möchte, von der Hochschule erwarten darf: Dass einem sehr guten Studenten, aus dem ein hoch angesehener Komponist wurde, endlich die Urkunden-Kopie im würdigen Rahmen übergeben und damit ein umrühmliches Stück Schulgeschichte abgeschlossen wird.

Weimars Hochschulpräsident Prof. Christoph Stölzl, der nicht nur einmal mit Wallmann korrespondiert und gesprochen hat, sagt: "Wir werden das gern und in einer anständigen, feierlichen Form tun, wenn er das möchte." Bei solch einem spannenden Leben könne er sich sehr gut auch ein Podiumsgespräch oder eine andere Veranstaltung vorstellen. Er sei offen für jeden Dialog. Da auch Wallmann im TA-Gespräch dies für vorstellbar hält („es kommt auf die Details an“), darf man auf eine befriedende Lösung hoffen. Allerdings, so scheint es dem Betrachter: Es genügt nicht, dass Türen offen sind. Man muss auch bereit sein, durch diese gemeinsam in einen neuen Raum der Verständigung zu gehen. ...

H. Johannes Wallmann erinnert sich noch ganz genau an die Zeiten- und Weltenwende 1989. "Da haben Freunde mir gesagt, jetzt werden sie wohl für dich und deine Musik den roten Teppich in Thüringen, in Weimar auslegen. Daran habe ich schon damals nicht geglaubt und hätte es auch nicht gewollt." "Aber", sagt der deutschlandweit geschätzte Komponist Wallmann, "dass seit der Wende auf Thüringer Festivals kein einziges Werk von mir aufgeführt wurde, ist schon symptomatisch."

Jüngst erst wieder ist er mit einem Versuch gescheitert, mit seinem Jürgen-Fuchs-Zyklus, der zum diesjährigen Tag der deutschen Einheit uraufgeführt werden sollte. Musik im Raum. Ein Werk für Sopran, Bariton, Saxophon-Quartett und Percussion zu Gedichten und Texten von Jürgen Fuchs, dem Unerschrockenen, der Namensgeber der Straße am Erfurter Landtag ist. Die Uraufführung fand nicht statt. Die Unterstützung, das Geld, fehlte. Die Landtagspräsidentin bedauerte, dass sie keine Mittel zur Projektförderung habe ...“

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. Ausschnitte aus: DIE WENDE GING SCHIEF - oder warum Biografie mehr als nur eine rein persönliche Angelegenheit ist,  Kulturverlag Kadmos 2009:  

„spätbürgerlich-dekadent“. „Im Ästhetik-Seminar der Hochschule erhielt ich – war es Zufall? - den Auftrag, über Schönbergs „spätbürgerlich-dekadente Ästhetik“ im Verhältnis zu der realsozialistischen „Volkstümlichkeit“ zu referieren; ein Referat, das ich gründlich vorbereitete. Diese Herausforderung brachte mich – im Gegensatz zu dem vom Dozenten gewünschten Ergebnis - noch näher an Schönbergs Ansatz heran. Anstatt die Musik an Gewohnheiten (wie „Volkstümlichkeit“) auszuliefern, bevorzugte Schönberg das gedankliche und ordnende Prinzip. Natürlich bekannte ich mich in diesem Referat ganz klar zu Schönbergs Gedanken und keineswegs zur realsozialistischen „Volkstümlichkeit“. Ich erinnere mich noch genau, wie völlig irritiert der Dozent auf mein Referat reagierte. Obwohl es ihm ziemlich provokant erscheinen musste, was ich da vorgetragen hatte, ließ er es nicht diskutieren, sondern kramte lange verlegen in seiner Aktentasche herum, beließ es dann aber bei der Erteilung einer Zensur. Es war dies der Zeitpunkt, von dem an mich die SED-Ideologen der Hochschule als „spätbürgerlich-dekadent“ abzustempeln begannen.  Zunehmend ging mir auf, dass ich mich in Weimar an einem historischen Ort der Moderne befand und welch große Rolle das Weimarer Bauhaus für die Moderne gespielt hat. Doch darüber wurde während meines gesamten Studiums an dieser Hochschule sozusagen kein Wort verloren. So erkundete ich mir das Bauhaus in eigener Recherche, wodurch es zunehmend zu einem wichtigen Baustein meines künstlerischen Denkens wurde.“ DIE WENDE GING SCHIEF, Seite 31)

"Marsch durch die Institutionen"? „Was die Fortsetzung meines Kompositionsstudiums anging, so hatte mich einer der beiden FDJ-Sekretäre beiseite genommen und mich wissen lassen, dass für meine Aufnahme in die Meisterklasse keine Chance bestünde, wenn ich nicht in die FDJ eintreten würde. Ich fragte mich, ob das nun der Beginn meines „Marsches durch die Institutionen“ werden sollte, aber überlegte auch, was danach von mir übrig bliebe. In den vergangenen Jahren hatte ich mich erfolgreich als Nicht-FDJler behauptet und mich auch dann geweigert, einzutreten oder ein FDJ-Hemd zu tragen, wenn es z.B. um offizielle Auftritte des Hochschulorchesters ging und das gesamte Orchester in FDJ-Kleidung spielen musste. Nicht nur einmal wurde ich dafür abgestraft.“ (DIE WENDE GING SCHIEF, Seite 48-49)

„Aus meiner heutigen Sicht gab es die Meisterschüler-Regelung des DDR-Kulturministeriums offenbar genau deshalb, weil man aus politisch-ideologischen Gründen bereit war, wichtige Begabungen bewusst aus der Förderung auszuschließen. D.h., man betrachtete seitens der SED Menschen und Begabungen als für die eigenen Machtzwecke frei verfügbares und einsetzbares Material. Wer nicht entsprechend spurte, wurde entweder zu vereinnahmen gesucht oder ausgeschlossen.“ (DIE WENDE GING SCHIEF, Seite 49-50)

Um das Diplom betrogen - 1974 von der Musikhochschule "Franz Liszt" Weimar. „Der politischen Leitung der Weimarer Hochschule war der Erfolg von „Kammermusik unkonventionell“ keineswegs recht und die Rache für diesen gelungenen Abend bekam ich wenige Wochen später zu spüren ..."  (aus: DIE WENDE GING SCHIEF, S. 62-63)

Betrügerische Rechtswidrigkeit "Doch es sollte noch besser kommen. ... Obwohl alle Abschlüsse gemacht und ich meine Diplomarbeit bereits im Juni 1974 verteidigt hatte, wurde mir die Aushändigung meines Abschlusses verweigert. Erst nach mehrfachem Drängen erhielt ich es im Frühjahr 1975 mit Datum vom 12. Dezember 1974 ausgehändigt, und zwar nicht als Diplom-Abschluss, sondern lediglich als Staatsexamen, auf dem die Diplomarbeit nun „Hausarbeit“ genannt wurde. “ (aus: DIE WENDE GING SCHIEF, S. 63)

Reiseverbot. Aufgrund der an mich ergangenen Einladung zum Darmstädter Ferienkurs für Neue Musik 1984 fand zwischen Friedrich Hommel, dem dortigen Leiter, und mir am 13.2.1984 ein bezeichnendes Telefonat statt, in dem er mir sagte, dass es in Arhus (Dänemark) ein Gespräch mir Dr. Spahn (dem Chef des DDR-Komponistenverbandes) und anderen DDR-Funktionären gegeben habe, bei dem gesagt worden sei, dass Darmstadt seitens der DDR wohlwollend beachtet werde und dass ein Austausch stattfinden könne. Am 11.7.84 telefonierte ich erneut mit Herrn Hommel, um ihm mitzuteilen, dass mir die Reise nach Darmstadt leider nicht genehmigt worden sei. Er bedauerte das und informierte mich, dass aus der DDR Frank Schneider und Georg Katzer nach Darmstadt kommen würden. Hommel hielt die Einladung an mich aufrecht und bat mich, ihn wissen zu lassen, wenn eine erneute Einladung angebracht sei. Brian Ferneyhough hätte meine Kompositionen lektoriert und sie zur Aufführung empfohlen. Das Arditti-Quartett London würde das Notenmaterial meines “moderabel 1” für eine Aufführung zugeschickt bekommen. Auch sei für mich ein weiteres Stipendium bereitgestellt. Bei einer kleinen Feier in diesen Juli-Tagen in Berlin (anlässlich des 55. Geburtstages des schwerkranken und daher nicht anwesenden Leipziger Musikwissenschaftlers Dr. Eberhard Klemm) sagte ein bekannter Berliner DDR-Musikwissenschaftler bezüglich der erneuten Ablehnung meines Darmstadt-Reiseantrages zu mir: „Was willst Du eigentlich, die haben Dir doch alles angeboten; weißt Du denn immer noch nicht, wie es geht?“ Er wusste, wie es geht - und fuhr an meiner statt. Das war offenbar der Austausch, wie ihn sich die Abteilung Kultur im ZK der SED vorstellte. Welcher Preis war dafür zu zahlen? Welchen Preis zahlte ich dafür? Obwohl ich mich auch für 1986 und 1988 darum bemühte, erhielt ich bis zur Wende aus Darmstadt keine erneute Einladung. Was hatte zu diesem Meinungsumschwung in Darmstadt geführt? Oder war dort alles egal? Ich hatte in diesen Jahren mit der Entwicklung von "Integral-Art" und "Integrale Moderne" sehr viel zu tun, so dass mir Reisen nicht das höchste Ziel waren. Doch Einladungen hätten uns einen gewissen Schutz gegenüber der DDR-Willkür gegeben. Aber daran waren Kulturverantwortliche im Westen, obwohl sie von der schwierigen Lage von Systemkritikern wie mir wissen mussten, offenbar in keiner Weise interessiert. Warum?  (aus: DIE WENDE GING SCHIEF, S. 148/49)

Das Problem. „Wie sich im Juli 2009 herausstellte, sollen noch 20 Jahre nach der Wende 17.000 ehemalige hauptberufliche Stasi-Mitarbeiter im öffentlichen Dienst tätig sein. Dies ist die sichtbare Spitze eines Eisberges, der in vielen Rezis (Realsozialisten) und ehemaligen IM seine Masse unter Wasser hat. Diese wird mehrheitlich ihren Mentalitäten treu geblieben sein und hatte seit 20 Jahren hinreichend Gelegenheit, das Geschehen in ihrem jeweiligen Bereich zu beeinflussen. ...  Was die ehemaligen Stasis, IM und Rezis angeht, so besteht das Problem nicht darin, dass sie in der wiedervereinten deutschen Gesellschaft ein sehr gutes Auskommen haben und goldene Renten kassieren, sondern darin, dass sie sich zu Seilschaften zusammengeschlossen haben und keine Notwendigkeit sehen, ihren konspirativen Terror zu beenden, das Unrechtssystem des Realsozialismus einzuräumen, sich für Wiedergutmachung einzusetzen ...“ (Buch-S.329)

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