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Heinrich Wallmann

Heinrich, Hugo, Johannes, Friedrich Wallmann (* 4. Februar 1916 Plothen; † 24. Juli 1977 Magdeburg) war ein evangelischer Theologe. Sohn von Maria (geb. Schulze) und dem Leipziger Pfarrer Friedrich Wallmann, Enkelsohn von H.G. Wallmann (Gründer der deutschlandweit agierenden evang. Kommissions- und Verlagsbuchhandlung H.G. Wallmann, Leipzig). Er studierte Theologie in Erlangen und Leipzig. Als Anhänger von Dietrich Bonnhoeffers Theologie hatte er sich ebenso wie sein Vater der Bekennenden Kirche (BK) angeschlossen (1936). Im 2. Weltkrieg wurde er nicht an der Front, aber in der Nachrichtentechnik und als Funker eingesetzt. Zuerst war er Pfarrer in Niederstriegis, von 1947-1954 Stadtjugendpfarrer von LeipzigIm Vorfeld des 17. Juni 1953 sowie im Rahmen der Aktionen des SED-Staates gegen die Junge Gemeinden wurde er 1953 diffamiert, ein „amerikanischer Agent“ zu sein (Leipziger Volkszeitung 19.4. und 7.5. 1953), womit ihm Todesstrafe drohte. Landesbischof Hugo Hahn (der ihn aus der Bekennenden Kirche kannte und seinen BK-Ausweis persönlich unterschrieben hatte) nahm ihn unter seinen persönlichen Schutz und gewährte ihm in seiner Privatwohnung in Dresden/Radebeul monatelang Asyl. Das hat ihn gerettet. (Im Gegensatz dazu hatte Hahns Nachfolger, Landesbischof Gottfried Noth, solchen Mut nicht, wodurch der Leipziger Studentenpfarrer Siegfried Schmutzler 1957 zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.) Nachdem er 1951 eine Lebensmittelvergiftung erlitten hatte (der 1952 eine 2/3-Magenoperation folgte) sowie nach dem Tod seiner Frau Marianne, die nach den enormen Aufregungen des Jahres 1953 Anfang 1954 gestorben war und ihm vier Kinder hinterlassen hatte, gab Heinrich Wallmann 1954 seine Tätigkeit als Leipziger Jugendpfarrer auf und wurde (1954-68)  Gemeindepfarrer in Dresden-Trachau. Auch hier arbeitete er engagiert für die Junge Gemeinde (s.a. nebenstehende Erinnerungen/pdf-Format). Inspiriert von Theologen wie Kierkegaard, Bonhoeffer, Tillich hatte er sich auch modernen Ansätzen zugewandt, sowohl theologisch als auch in Philosophie (z.B. Karl Jaspers Jean Gebser), Wissenschaft (z.B. C.F. von WeizsäckerWerner Heisenberg) und Kunst (z.B. Barlach, Chagall, Klee, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Peter Handke). Der Amtskriche stand er kritisch gegenüber und verwies (z.B. anhand von Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“) auf die fatale Rolle der Kirchen während des Nationalsozialismus. In den 1960-er Jahren war er Mitglied der Synode der EKD, von 1969-1974 Superintendent in Torgau, 1974 wurde er von Bischof Werner Krusche als Personaldezernent in die Leitung der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen[1] berufen.

Heinrich Wallmann war verheiratet mit der Theologin Marianne (geb.Kupky, *12.12. 1913; † 3.1. 1954) und danach mit Dr. rer. nat. Mechthild (geb.Kupky, *30.6. 1922 † 5.12. 2019). Eines seiner sechs Kinder ist der Komponist H. Johannes Wallmann (*1952).

Heinrich Wallmann als Leipziger Jugendpfarrer 1947-54 - eine Person der Zeitgeschichte

 Zeitzeugenberichte über Heinrich Wallmann nebenstehend als pdf (HW-Dok.1-8)

Georg Wilhelm: "Die Diktaturen und die evangelische Kirche ... am Beispiel Leipzigs 1933–1958" (Vandenhoeck & Ruprecht 2004)

In diesem Buch heißt es auf Seite 343 zur Verfolgung der >Jungen Gemeinde< 1952/53: „Die Auseinandersetzungen um die >Junge Gemeinde<  hielt der Kirche ihre begrenzten Handlungsmöglichkeiten vor Augen. Rechtliche und politische Mittel waren in einem Staat versperrt, in dem die Partei das Monopol über beide Bereiche innehatte. ... Sie [die Kirchen] waren daher in erster Linie auf die Standfestigkeit der Gläubigen verwiesen ... Ihr Selbstbewusstsein speiste sich sicherlich aus der offensichtlichen Stärke der  >Jungen Gemeinde< und damit korrespondierend der eklatanten Schwäche der FDJ. Außerdem verfügten sie mit Dost und Wallmann über zwei charismatische Führungspersönlichkeiten. ... Die kirchlicherseits Verantwortlichen wie Dost, Stiehl und Wallmann gehörten sämtlich der BK an. Sie verfochten ein offensives Konzept, der >Jungen Gemeinde< ihren Platz in der Öffentlichkeit nicht nehmen zu lassen. Insofern lässt sich die Schärfe der Auseinandersetzung auch durch die starke kirchliche Position in Leipzig erklären.

Außergewöhnliche Dimension der Auseinandersetzung zwischen FDJ und Junge Gemeinde

Auf Seite 493 schreibt Georg Wilhelm: „Dass die Auseinandersetzung um die `Junge Gemeinde` ... in Leipzig eine so außergewöhnliche Dimension annahmen, ist vor allem auf die SED-Bezirksleitung und ihren Ersten Sekretär Paul Fröhlich zurückzuführen. In repressiver Hinsicht nahm der Bezirk Leipzig bis Ende der 50er Jahre eine herausragende Stellung ein.“ 

Hinsichtlich der DDR-CDU (die lediglich ein Anhängsel und Instrument der SED war) berichtet Georg Wilhelm auf Seite 323 seines Buches davon, dass der Leipziger Jugendpfarrer Wallmann die Linie vertrat, „sich jeder Zusammenarbeit mit der CDU zu verweigern.“

Nach solchen Einschätzungen zitiert der Autor auf Seite 369 einen (Stasi-)Bericht des Geheimen Mitarbeiters „GM Hartmut“ (Theologiestudent), der unter Datum vom 3. Febuar 1953 „Leipzig [als] eine Zentrale der Jungen Gemeinde in der DDR mit Diakon Dost, … Pfarrer Gerhard Göserich und … Landesjugendwart Fritz Riebold als Mittelpunkt“ schildert. Georg Wilhelm fügt hinzu: „Jugendpfarrer Wallmann wurde in dem Bericht mit keinem Wort erwähnt“ und setzt etwas später fort: „Am 4. Februar wurde die Verhaftung der drei kirchlichen Mitarbeiter von der Berliner Zentrale vorgeschlagen. Der`am stärksten belastete´ Dost sollte als Erster festgenommen werden.“ Dies geschah nach Georg Wilhelms Recherche am 14. Februar 1953; kurz danach wurde die Durchsuchung von Dosts Wohnung durchgeführt.

 Antwort auf eine Frage

Auf S. 361 wird die Frage aufgeworfen, warum 1953 anstatt Heinrich Wallmann sein Mitarbeiter Diakon Herbert Dost (nach dem Krieg in Leipzig Gründungsmitglied der DDR-CDU und Leiter der Leipziger Spielgemeinde) verhaftet wurde. Die Antwort ist, dass Heinrich Wallmann eine Lebensmittelvergiftung erlitten hatte und sich daher 1952 einer schweren Operation unterziehen musste, bei der 2/3 seines Magens entfernt wurden. Aufgrund dessen lag er auch Anfang 1953 nochmals im Krankenhaus. Nach der Aktenlage ist es nicht ausgeschlossen, dass die SED darauf gesetzt hatte, dass er bereits ausgeschaltet sei (hatte sie versucht, mittels MfS an dieser Ausschaltung mitzuwirken?). Im Gefängnis hätte Heinrich Wallmann in diesem Zustand kaum eine Überlebenschance gehabt. Hatte „GM Hartmut“ den im Krankenhaus liegenden Heinrich Wallmann vielleicht schon abgeschrieben? Möglicherweise war er aber auch an Heinrich Wallmann besonders nah dran, so dass er es vermied, ihn in diesem Bericht zu nennen. Oder wollte "GM Hartmut" den schwerkranken (vom Tode bedrohten) Heinrich Wallmann sogar schützen? Es kommen verschiedene Faktoren infrage. Beachtenswert ist diesbzgl. Wilhelms Feststellung (G.W. S. 367), dass – aufgrund des geringen Kenntnisstandes von MfS-Mitarbeitern auf theologischem und kirchenrechtlichem Gebiet – nicht die Fähigkeit gegeben war, GM-Aussagen aus dem Kirchenbereich zu verifizieren oder systematisch einzuordnen und „so die Gefahr [bestand], dass sie den Interessen ihrer Informanten erlagen“.

 Schutzaktion von Landesbischof Hugo Hahn

Nach seinem Krankenhausaufenthalt Anfang 1953 wurde Heinrich Wallmann etwa ab Mitte/Ende März 1953 wieder aktiv. Nach der Erinnerung meiner damals fast 12-jährigen Schwester Dorothea stellte Landesbischof Hugo Hahn ihn dann – angesichts von Dosts Verhaftung – unmittelbar unter persönlichen Schutz. Mitglieder der Jungen Gemeinde und der Studentengemeinde waren aufgerufen, bzw. beauftragt, Heinrich Wallmann und seine Familie zu beschützen und zu betreuen (s.a. HW-Dok.4+5). Während vor dem Haus der Wallmann-Wohnung ständig mehrere Personen der Staatssicherheit im Einsatz waren, waren im Garten und in der Wallmann-Wohnung selbst ständig Mitglieder der Jungen Gemeinde bzw. der Studentengemeinde anwesend. So wäre die Kirchenleitung im Ernstfall unmittelbar über eine Festnahme von Heinrich Wallmann bzw. über eine Wohnungsdurchsuchung o.ä. informiert worden. Wie diese „Schutzaktion“ im Einzelnen ablief und organisiert wurde, lässt sich schwerlich noch rekonstruieren. Vielleicht tauchen dazu aber - über die Zeitzeugenberichte hinaus (s.a. HW-Dok.2-9)-  irgendwann doch noch Unterlagen auf. Immerhin war sie erfolgreich, denn eine Festnahme von Heinrich Wallmann erfolgte nicht, wie auch eine Wohnungsdurchsuchung bei uns nicht stattfand. (Ich selbst hatte zunächst fälschlicherweise die Durchsuchung der Räume des Leipziger Jugendpfarramtes mit der Durchsuchung unserer Privatwohnung gleichgesetzt). Als dann am 19.4.1953 in der Leipziger Volkszeitung der erste von zahlreichen weiteren großen Hetzartikeln - mit Überschriften wie „Agent Wallmann saß in der Zentral der illegalen `Jungen Gemeinde´“, „`Junge Gemeinde´ - Tarnorganisation im USA-Auftrag“, „`Junge Gemeinde´ - Terrororganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage im USA-Auftrag“ (s.a. HW-Dok.9-12) - erschienen war, sorgte Landesbischof Hugo Hahn auch persönlich für den Schutz von Heinrich Wallmann. Er ordnete unmittelbar an, dass er sich unter den persönlichen Schutz des Landesbischofs in dessen Privatwohnung nach Dresden-Radebeul zu begeben habe. Denn dies war – angesichts der deutschlandweiten Verbindungen Hugo Hahns - wohl noch der sicherste Ort. Eine sehr menschliche und weise Entscheidung dieses Landesbischofs. Denn wie an den Slansky-Prozesses in der Tschechoslowakei zu sehen, hätte bei einer Festnahme meinem Vater nicht nur allergrößter gesundheitlicher Schaden, sondern die Todesstrafe gedroht. Von der Radebeuler Bischofswohnung aus (in der er sich bis Anfang Juni aufhielt; meine damals 6-jährige Schwester Elisabeth war mit ihm dort) erteilte Heinrich Wallmann "Prozessvollmacht " (HW-Dok.28) ... Den Preis, den unsere Familie

 für das große anti-totalitäre christliche Engagement

unserer Eltern zu zahlen hatte, war für uns Kinder auch ohne Festnahme mehr als hoch genug und mit emotional lang- und tiefwirkenden Wunden verbunden. Doch mittels Anpassung können Totalitarismen und totalitarismus-affine Mentalitäten eben nicht in die Schranken verwiesen oder gar überwunden werden ...

Marianne Wallmann

An dieser Stelle möchte ich an unsere Mutter, Marianne Wallmann (12.12. 1913 - 3.1. 1954), erinnern. Ebenso wie Heinrich Wallmann hatte sie Theologie studiert. Schon in ihrer Schulzeit lernten sie sich lieben. Sie heirateten 1940 in der Kirche von Leipzig-Schönefeld, wo einst auch Clara und Robert Schumann geheiratet hatten. 1940 hatte Heinrich in Niederstriegis seine erste Pfarrstelle angetreten. Deutet man ein Dokument vom 10.6.1940 des Sächsischen Landeskirchenamtes auf bestimmte Weise, blieb es ihm erspart, den Eid auf Hitler abzulegen. Mir ist in ferner Erinnerung, dass er sich entsprechend äußerte. Dem Wehrdienst konnte er sich nicht verweigern, doch war die BK ("Bekennende Kirche" im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und die "Deutschen Christen" - s.a. HW-Dok.21/21a,b,c) offenbar auch in der Wehrmacht vernetzt, so dass er der Nachrichtenübermittlung als Funker zugegteilt werden konnte. Während der Kriegszeit und seiner Abwesenheit leitete Marianne die Niederstriegiser Kirchgemeinde, was ihr im Dorf große Autorität verlieh. Dies erzählte mir sowohl meine Niederstriegiser Patentante Margarete Zimmermann als auch in den 2000er Jahren eindrücklich eine sehr alte Frau, die mich nach einem Konzert persönlich darauf ansprach (und zudem auf den schönen klaren Sopran von Marianne hinwies).

Zwei Vorfälle in Niederstriegis dürften für Marianne bezeichnend sein. Zum einen stieg sie am Kriegsende mehrfach auf den Niederstriegiser Kirchturm und hängte zum Zeichen friedlicher Kapitulation immer wieder ein weißes Bettlaken aus dem Kirchturm (meine damals 4-jährige Schwester Dorothea erinnert sich daran noch immer, da sie mehrfach mit ihrer Mutter den Turm hinaufstieg). Dorf-Nazis holten das Laken alsbald wieder ein. Sie ließ sich aber nicht beirren und hing immer wieder ein weißes Bettlaken aus dem Kirchturm heraus. So hing eines im entscheidenden Augenblick und dem Dorf bliebt die Zerstörung erspart.

Der zweite Vorfall am Kriegsende ist nicht weniger bedeutsam. Eine Frau des benachbarten Bauerhofes kam aufgeregt: „Frau Pfarrer, bitte kommen Sie schnell, es passiert sonst Schlimmes.“ Marianne ging sofort mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm und ihrer kleinen Tochter an der Hand in den Bauerhof, wo ein Dorf-Nazi mit Gewehr im Anschlag stand, um Zwangsarbeiter zu erschießen. Marianne stellte sich schützend vor die Zwangsarbeiter und bedeutete dem Dorf-Nazi, dass er zuerst sie erschießen müsse, wenn er diese Menschen erschießen wolle. So rettete sie mit ihrer Zivilcourage diesen Menschen das Leben. Meine Schwester Dorothea erinnert sich an diese Szene ebenfalls und fand sie "in Ordnung". Marianne hatte solchen Mut auch deshalb, weil sie sich ihrer Autorität im Dorf bewusst gewesen ist. - Am Kriegsende wurde im Niederstriegiser Pfarrhaus ein sowjetischer Offizier einquartiert, der ihre Autorität offenbar ebenfalls akzeptierte und sich ihr gegenüber höchst respektvoll verhielt.

 „Das Kind soll leben.“

Das für mich selbst wichtigste Zeichen von Mariannes Mut, ihrer Mutterliebe und Glaubensstärke ist, dass sie mich austrug und im Februar 1952 gebar. Denn aufgrund ihrer Herzprobleme hatten die Ärzte ihr dringend abgeraten, mich auszutragen. Ihre Antwort war: „Das Kind soll leben.“ Dies erzählte mir mein Vater Anfang der 1960er Jahre bei einem Spaziergang (in Dresden-Trachau vom Morseweg bis hin zum Sandweg neben der Autobahn; ich erinnere mich daran genau). In dieser Entscheidung meiner Mutter lag für mich später der Auftrag, meine große Begabung nicht zu verschleudern; sie sollte ihr Leben nicht umsonst gegeben haben.

 Psalm 126 - Code-Wort der Totalitarismus-Überwindung

Marianne Wallmann - Mutter von vier Kindern und Heinrich Wallmanns Frau - starb Anfang 1954 nach den großen Aufregungen des Jahres 1953. Ich selbst war noch keine zwei Jahre alt …  Der Spruch auf der Todesanzeige und auf ihrem Grabstein ist Psalm 126,1: "Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden" (s.a. HW-Dok.24). Dies unterstreichend ließ Heinrich Wallmann das Kugelkreuz - Zeichen der Bekennenden Kirche im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Zeichen der Widerständigkeit der Jungen Gemeinde gegen die Realsozialismus-Indoktrinierung - in Metallform auf dem Grabstein anbringen. Doch das Kugelkreuz wurde immer wieder umgeknickt, bis es eines Tages ganz fehlte … Mein Bruder Christian, in dessen Garten der Grabstein nun als Gedenkstein steht, hat ein neues Kugelkreuz darauf angebracht.

Erich Loest machte mich auf Georg-Siegfried Schmutzlers Buch „GEGEN DEN STROM“ (Vandenhoeck 1992) aufmerksam. Schmutzler wurde 1954 Nachfolger des Leipziger Studentenpfarrers G.Fehlberg und war ein von meinem Vater hochgeschätzter Kollege. Er wurde 1957 verhaftet und zu jahrelangem Zuchthaus verurteilt, 1961 dann „vorzeitig“ entlassen. Schmutzlers Name fiel oft bei uns am Tisch, vor allem wenn wir Gäste hatten, was oft der Fall war. Gemeinsam mit Kollegen (z.B. dem späteren Magdeburger Landesbischof Werner Krusche, der in Dresden-Trachau relativ oft bei uns übernachtete) sowie der EKD hat sich mein Vater sehr für Schmutzlers Freilassung eingesetzt. Entsprechend stand er im Dissenz zu Landesbischof Gottfried Noth, der sich nicht so für Georg-Friedrich Schmutzler eingesetzt hatte wie sein Vorgänger Hugo Hahn für Heinrich Wallmann. In seinem Buch berichtet Schmutzler nach seiner Haftentlassung davon, dass Landesbischof Gottfried Noth ihn um Vergebung gebeten hat. Schmutzler bekam dann eine sehr gute Stelle im Dresdner Landeskirchenamt; für ihn war „alles anklagende Fragen“ (s.a. S.231 in „GEGEN DEN STROM“) gegenüber der Landeskirche dann kein Thema mehr. Für Heinrich Wallmann aber schon. (So lag es nahe, dass er die Sächsische Landeskirche früher oder später verlassen würde; zuletzt wurde er von Bischof Werner Krusche - s.a. HW-Dok.25b - gleich nach dessen Amtsübernahme als Personaldzernet in die Magdeburger Kirchenleitung berufen.)

Schmutzler zitiert anlässlich seiner Haftenlassung ebenfalls Psalm 126: "Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden. …" (s.a. HW-Dok.25a). Dieser Text war schon für die BK von hoher Aktualität und wurde zum Ärger der SED (s.a. HW-Dok.26) auch in dieser schweren Leipziger Zeit und angesichts des Realsozialismus oft reflektiert. So ist Psalm 126 ein wichtiges Code-Wort der Totalitarismus-Überwindung. Er wird z.B. auch in der „Kapelle der Versöhnung“ an der Berliner Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße (wo 2016 die von Zigtausenden besuchte Klang-Installation zu meinem Jürgen-Fuchs-Projekt ICH SCHWEIGE NICHT stattfand) noch heute relativ oft gelesen. Im Hinblick auf meine eigene Geschichte berührt er mich immer wieder zutiefst. Am Grab meiner Mutter hatte ich meinen Vater einst gefragt, was er bedeutet. „Das wirst Du später einmal verstehen“, antwortete er mir knapp. Und hatte damit recht.

Mechthild Wallmann

"Auf ihrem Sterbebett hatte meine Mutter meinem Vater und ihrer Schwester [Mechthild] das Versprechen abgenommen, dass beide so bald als möglich heiraten und um uns vier Kinder willen das Trauerjahr nicht abwarten sollten. Denn wenn mein Vater tatsächlich verhaftet worden wäre, dann hätte die Gefahr bestanden, dass wir Kinder eventuell sogar zwangsadoptiert worden wären, was in der DDR – auch in späteren Jahren – eine nicht unübliche Praxis gegenüber vermeintlichen und wirklichen »DDR-Staatsfeinden« war. Am Morgen des 7. Juli 1954, an dem der 6. Deutsche Evangelische Kirchentag in Leipzig begann, heirateten mein Vater und meine Tante. So hatten wir Kinder nun – zumindest rein rechtlich gesehen – wieder eine Mutter. Obwohl sich die DDR-Regierung anlässlich dieses ersten gesamtdeutschen Kirchentages nach dem 2. Weltkrieg sehr weltoffen gab und quasi die ganze Stadt Leipzig samt Messehallen zur Verfügung stellte, hat mein Vater diesem Frieden offenbar nicht getraut. Ich denke deshalb wie meine älteste Schwester, dass er daher den Wunsch unserer Mutter ganz bewusst unmittelbar vor Beginn dieses Leipziger Kirchentages erfüllte. ...  Eine Mutter ist nicht ersetzbar, aber dass von uns vier Kindern keines abgestürzt ist, das haben wir nicht zuletzt unserer zweiten Mutter zu verdanken, die ihre Karriere als Biologin aufgab, sich mit viel Hingabe um ihre neue Familie kümmerte und 1955 und 1956 meine beiden jüngeren Brüder, Martin und Tobias, zur Welt brachte, wodurch wir sechs Geschwister und damit eine große Familie wurden, die bis heute sehr gut zusammenhält." (aus "Die Wende ging schief"- KADMOS 2009, S.12+20)

 Umzug nach Westdeutschland?

Die Kirchenleitung hatte meinen Eltern 1953/54 einen Stellentausch nach Westdeutschland nahegelegt. Unsere Familie sollte nach Westdeutschland ziehen, eine westdeutsche Pfarrersfamilie dafür in die DDR (so zog z.B. Angela Merkels Pfarrersfamilie 1954 von Hamburg nach Brandenburg). Doch nach der schon während des Nationalsozialismus geltenden BK-Devise „jeder an seinem Platz“ galt für Heinrich Wallmann das, was ich später „Hierbleib-Ideologie“ nannte. Mein Vater lehnte dieses Ansinnen daher ab. Er wollte dem SED-Totalitarismus nicht gönnen, vor ihm geflohen zu sein und sich als Kopf der Leipziger Jungen Gemeinden ggf. noch im Nachhinein als „Agent“ einer „Tarnorganisation im USA-Auftrag“ durch die gleichgeschaltete DDR-Presse ziehen lassen. Ob es dies angesichts der zunehmenden realsozialistischen Verstrickung der DDR-Kirchenleitungen wirklich wert war, sei dahin gestellt. Ich selbst hing dieser „Hierbleib-Ideologie“ zunächst ebenfalls an, habe sie dann aber aufgegeben und 1986 gemeinsam mit meiner Frau einen kulturpolitisch begründeten DDR-Ausreiseantrag gestellt – um der Freiheit der Kunst willen.

 Zeitzeugenberichte

Was Georg Wilhelm betrifft, so machte ich ihn angesichts des durch sein Buch im Raum stehenden Vorwurfes gegen meinen Vater ausfindig, habe ihn angerufen, ihm geschrieben. Mit Datum vom 29.10. 2013 schrieb er mir per Email: „Um der Sache weiter nachzugehen, hätte ich die Akte des GM Hartmut einsehen müssen, wozu ich aus Bonn, wo ich die Arbeit schrieb, dann den Aufwand scheute.“ (s.a. HW-Dok.30) Soweit mir bekannt, hat Georg Wilhelm diese Unterlassung bis heute nicht ausgeglichen...

Wo Dokumente fehlen und stille Vorwürfe im Raum stehen, die aus solchen Veröffentlichungen resultieren, können Zeitzeugenberichte vielleicht weiterhelfen. Nachdem es gelungen war, dass die Leipziger Volkszeitung 60 Jahre nach 1953 einen großen Artikel über Heinrich Wallmann veröffentlichte (26.3. 2013, s.a. HW-Dok. 9), hatte ich eine Reihe von Zeitzeugen um ihre Zeitzeugenberichte gebeten. Ich war zutiefst erstaunt, welch bereitwillige Antworten und detailreichen Schilderungen mir zugingen. Wie ich es auch selbst erlebt hatte, bestätigen auch diese Berichte, dass es mit der Jugendarbeit meines Vaters gleichermaßen um christliche Glaubensvermittlung wie um allgemeine kulturelle Bildung, Wissensvermittlung und lebensbejahende Argumentationsfähigkeit ging; mit pietistischer Pathetik hatte seine Methode nichts tun. Ich selbst habe erlebt, dass er - z.B. anhand von Rolf Hochhuths "Der Stellvertreter" - auch auf den Holocuast und die fatale Haltung der Kirchen während des Nationalsozialismus einging. So soll er auch seinen BK-Ausweis gezeigt und besprochen haben. Dass ich einzelnen Zeitzeugenberichten nicht nachgehen konnte, bedaure Ich heute umso mehr, weil die damals so auskunftsfreudigen Zeitzeugen inzwischen verstorben oder nicht mehr aussagefähig sind. Durch mein Jürgen-Fuchs-Projekt ICH SCHWEIGE NICHT von Ende 2013 bis Ende 2017 (dem Erscheinen unseres dazugehörigen Buches „KUNST- EINE TOCHTER DER FREIHEIT? oder warum es einer Kultur-Reformation bedarf“, Kulturverlag Kadmos 2017) war ich damals derart voll in Beschlag genommen, dass ich das nicht zu leisten vermochte. Aber ich bin eben auch kein Historiker und kann deren notwendig detaillierte Arbeit nicht ersetzen. Allerdings bin ich auch nicht bereit, das durch auch die Zeitzeugenberichte belegte enorme Engagement meiner Eltern etwa dem stillen Vorwurf in dem Buch von Georg Wilhelm oder gar dem Bericht eines „GM Hartmut“ zu unterwerfen.

 Aufarbeitung – "warum Biografie mehr als nur eine rein persönliche Angelegenheit ist"

Bereits um 1991 war über unsere zweite Mutter an mich die Frage herangetragen worden, seitens der Wallmann-Familie die zeitgeschichtliche Sichtung der Heinrich-Wallmann-Biografie zu betreuen. Nach unserer sehr schweren Zeit als DDR-Ausreise-Bürgerrechtler (1986-88) und unserem Neubeginn in NRW im Sommer 1988 war jedoch meine Zeit Anfang der 1990er Jahre durch das große von mir initiierte/geleitete internationale Projekt BAUHÜTTE KLANGZEIT WUPPERTAL (dem ersten internationalen Klangkunst-Festival der Bundesrepublik Deutschland, gefördert u.a. vom Kulturprogramm der EU) völlig absorbiert. So vermochte ich damals die großen damit zusammenhängenden – auch familiären - Lasten dieser zeitgeschichtliche Sichtung nicht zu schultern und musste schweren Herzens absagen. Obwohl ich darum gebeten hatte, fragte danach bei mir leider niemand wieder an. Nach vielen weiteren meiner großen Klang-Projekte (s.a. Filmdokumentation „auf der suche nach der zukunft“) sowie der Veröffentlichung meiner Schrift „INTEGRALE MODERNE - Vision und Philosophie der Zukunft“ (PFAU-Verlag 2006) fand ich 2007 dann endlich die Zeit, mich näher mit unserer Familiengeschichte zu befassen. Auf ca. 20 Seiten meines 350-seitigen Buches „Die Wende ging schief – oder warum Biografie mehr als nur eine rein persönliche Angelegenheit ist" (Kulturverlag Kadmos, 2009) ging ich auf sie ein. Dass dadurch in unserer Familie unverheilte Wunden aufgerissen wurden, tat schließlich mir selbst weh, war aber unumgänglich, um der Zeitzeugen-Verantwortung unserer Familie genüge zu tun. Diese halte ich für wichtig, um neue totalitäre Mentalitäten in die Schranken zu verweisen und die in Diktaturen üblichen Agenten-Erzählungen, die ein Putin derzeit in Russland z.B. in Bezug auf „Memorial“ erneut anwendet, als das zu überführen, was sie sind: Fatale Lügen, um totalitäre Macht gleichermaßen zu sichern wie zu verschleiern.

Zumal sich totalitäre Machtansprüche immer auch kulturell gerieren, habe ich dagegen mit meinem Gesamtkunstwerk anti-totalitäre Alternativen entwickelt. U.a. formulierte ich die 25 Thesen - Kultur und modernes Christentum und schrieb das GLOCKEN REQUIEM XXI, das zwar auch Psalm 126 beinhaltet, aber – weit über unsere eigene Familiengeschichte hinaus - die Kultur- und Politikgeschichte des 20./21. Jahrhunderts Deutschlands insgesamt betrifft. Ohne solche Eltern wäre das Entstehen meines gesamten Werkes kaum möglich gewesen. Ein Glücksfall.

 Heinrich-Wallmann-Dossier in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

So bin ich nun sehr froh, dass die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur das von meiner Frau Susanne und mir zusammengestellte Heinrich-Wallmann-Dossier ebenfalls in ihr Archiv aufnimmt. Meine Familie habe ich eingeladen, mit ihren Dokumenten und Erinnerungen dazu beizutragen. Ich setze darauf, dass wir dann „wie die Träumenden“ sein werden. Denn Psalm 126 endet so: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen dahin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“

H.Johannes Wallmann

Berlin, am 4.2. 2022

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Heinrich-Wallmann-Dokumenten-Verzeichnis:

HW-Dok.1: H. Johannes Wallmann: Kapitel 1 aus "Die Wende ging schief"

HW-Dok.2: Günter Ickert: Erinnerungen an Heinrich Wallmann

HW-Dok.3: Eberhard Keienburg: Erinnerungen an Heinrich Wallmann

HW-Dok.4: Heidi Kirsch: Erinnerungen an Heinrich Wallmann

HW-Dok.5: Karl-Heinz Meißner: Erinnerungen an Heinrich Wallmann

HW-Dok.6: Prof. Dr. Peter Poscharsky: Erinnerungen an Heinrich Wallmann

HW-Dok.7: Dr. Günther Renck: Erinnerungen an Heinrich Wallmann

HW-Dok.8: Brigitte Schöne Reflektion zu Heinrich Wallmann

HW-Dok.9: Leipziger Volkszeitung 26.3.2013 zu 1953 und den Hetzartikeln der Leipziger Volkszeitung vom 19.4. und 7.5.1953 gegen den Leipziger Jugendpfarrer Heinrich Wallmann / die Leipziger Junge Gemeinden hatten unter seiner Leitung sehr viel Zulauf

HW-Dok.10: Ausschnitt 1 LVZ 7.5.1953

HW-Dok.11: Ausschnitt 2 LVZ 7.5.1953

HW-Dok.12: Ausschnitt 3 LVZ 7.5.1953

HW-Dok.13: Junge-Gemeinde-Treffen unter der Leitung von Heinrich Wallmann, Leipzig-Sehlis 1950

JHW-Dok.14: Junge-Gemeinde-Treffen unter der Leitung von Jugendpfarrer Heinrich Wallmann, Leipzig-Sehlis 1950

HW-Dok.15: Junge-Gemeinde-Treffen unter der Leitung von Jugendpfarrer Heinrich Wallmann, Leipzig-Sehlis 1950

HW-Dok.16: Jugendpfarrer Heinrich Wallmann (3.v.l.) und MitarbeiterInnen um 1953

HW-Dok.17: Jugendpfarrer Heinrich Wallmann 1952 in Leipzig-Sehlis

HW-Dok.18: Heinrich Wallmann in Dresden

HW-Dok.19: Heinrich Wallmann in Dresden

HW-Dok.20: Heinrich Wallmann in Dresden

HW-Dok.21: BK-Ausweis 1936 von Heinrich Wallmann

HW-Dok.21a: Brief vom 3.6. 2008 von Prof. Dr.Dr. theolog. Johannes Wallmann an H. Johannes Wallmann

HW-Dok.21b: Brief an Prof.D.Althaus, 7.4.1936 /S.1 zur Rolle von Heinrich Wallmann in der BK

HW-Dok.21c: Brief an Prof.D.Althaus, 7.4.1936 /S.2 zur Rolle von Heinrich Wallmann in der BK

HW-Dok.22: Hochzeit von Marianne und Heinrich Wallmann 1940, vor der Kirche Leipzig-Schönefeld

HW-Dok.23a: das Familien-Foto (1955) als Ganzes

HW-Dok.23b: Heinrich Wallmann mit Tochter Dorothea und Sohn Johannes (vorn) 1955; Foto-Ausschnittvon 23a  (in der LVZ 26.3.2013)

HW-Dok.24a: Todesanzeige der Mutter mit Psalm 126: "Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden"

HW-Dok.25a: Psalm 126 - zitiert auch bei der Haftentlassung von Georg-Siegfried Schmutzler, des ehem. Leipziger Studentenpfarrers

HW-Dok.25b: Widmung 1992 von Georg-Siegfried Schmutzler an Werner Krusche (in einem zufällig durch ZVAB erhaltenen Exemplar)

HW-Dok.26: Georg Wilhelm (aus S. 351, Buch s.u.) Bericht von Fritz Jacob, Instrukteur für Kirchenfragen bei der SED-Bezirksleitung Leipzig, an das Zentralkommitee der SED vom 24.6. 1953

HW-Dok.27: Psalm 126,1 - Kanon von H. Johannes Wallmann

HW-Dok.28: Prozessvollmacht 1953 von Heinrich Wallmann wegen drohender Verhaftung

HW-Dok.29: Ausschnitt/Leipziger Volkszeitung 19.4 1953

HW-Dok.30: Email vom 29.10.2013 von Georg Wilhelm an H.Johannes Wallmann

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Ausschnitte aus dem Buch von H.Johannes Wallmann zu der Leipziger Situation Anfang der 50er Jahre

 

"DIE WENDE GING SCHIEF - oder warum Biografie mehr als nur eine rein persönliche Angelegenheit ist" (Kulturverlag KADMOS, 2009)

Ausschnitt aus Kapitel 1: "Es war 1953 und ich gerade ein Jahr alt, als in Leipziger Zeitungen mit großen Lettern stand:  „Agent Wallmann saß in der Zentrale der illegalen >Jungen Gemeinde<“. Dieser Mann war mein Vater und damals Jugendpfarrer von Leipzig. Er hatte während des Nationalsozialismus der „Bekennenden Kirche“ (BK) angehört, der Persönlichkeiten wie Dietrich Bonhoeffer Geist und Richtung gaben und die im Gegensatz zu den „Deutschen Christen“ Hitler die Gefolgschaft versagt hatte. Mein Vater engagierte sich nun in der DDR leidenschaftlich für die Arbeit der Jungen Gemeinde, die sich nicht in der Gefolgschaft von Stalin und Ulbricht und ihrem totalitären Regime verstand. In einer öffentlichen Hetzkampagne wurde mein Vater diffamiert, ein „amerikanischer Agent“ zu sein, was ein schwerwiegender Vorwurf war. Es ging der stalinistisch agierenden SED in dieser Zeit darum, ihre Macht mit allen Mitteln zu festigen, und sie führte dafür einen erbitterten ideologischen Kampf. Weil nicht die FDJ, sondern die Jungen Gemeinden damals einen großen freiwilligen Zulauf hatten, rief die SED kurzerhand die FDJ zur einzig legitimen Jugendorganisation aus. Von da an wurden Jugendliche, die sich zur Jungen Gemeinde zählten, auf unterschiedlichste Weise schikaniert. So erschien z.B. am 19.4.1953 in der Leipziger Volkszeitung ein ganzseitiger Hetzartikel mit der Überschrift `Junge Gemeinde - Tarnorganisation im USA-Auftrag´. In diesem Artikel wurden Eltern mit Name und Anschrift aufgefordert, ihre Kinder von der `Laufbahn des Verbrechens´ (der Jungen Gemeinde) abzuhalten. Zu meinem Vater hieß es: `Wer sind die Initiatoren der Provokationen, zu denen Jugendliche in der >Jungen Gemeinde< angestiftet werden? An ihrer Spitze steht der Leipziger >Pfarrer< Wallmann, dem im Leipziger Kreis sämtliche Gruppen dieser illegalen Terrororganisation unterstehen.´ Der Artikel endet: `Weit entfernt von christlichen Grundsätzen haben Agenten im USA-Sold unter dem Namen >Junge Gemeinde< eine Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage aufgezogen, um gleichsam als verlängerter Arm der faschistischen Terrororganisation BDJ auch in unserer Republik in Tätigkeit zu treten. Dafür muß und wird sie die Strafe des Gesetzes des Volkes treffen.´

Nachdem bereits der Leipziger Theologiestudent Werner Ihmels 1949 im Zuchthaus Bautzen umgekommen war (er war der Bruder meines Patenonkels und stand uns daher relativ nah), musste diese Drohung, die vom Leipziger SED-Chef Paul Fröhlich besonders hart vertreten wurde, sehr ernst genommen werden. Für unsere Familie bestand also Höchstalarm, doch als am 21.4.1953 die Hausdurchsuchungen in den Räumen der Leipziger Jungen Gemeinde stattfanden, war meine Vater glücklicherweise gerade nicht anwesend. Um seiner Verhaftung vorzubeugen, schickte der Leipziger Superintendent seine Mitarbeiter aus und ließ meinen Vater auf der Straße abfangen und ihm die Anordnung überbringen, dass er sich unmittelbar unter den persönlichen Schutz von Landesbischof Hahn nach Dresden-Radebeul zu begeben habe. Er folgte dieser Anordnung und das war für ihn möglicherweise die Rettung. Denn Leute, denen Agententätigkeit, Sabotage und Spionage vorgeworfen wurde, waren hochgefährdet, unmittelbar im Zuchthaus oder sogar in einem der sibirischen Archipel Gulags zu verschwinden. Der damalige sächsische Landesbischof Hugo Hahn nahm ihn daher über längere Zeit in seinen Bischofswohnsitz in Dresden-Radebeul auf. Hahn war während des Nationalsozialismus ein leitendes Mitglied der „Bekennenden Kirche“  gewesen und hatte schon 1936 den BK-Ausweis meines Vaters unterzeichnet. Nach dem 2.Weltkrieg war Hahn einer der Initiatoren des Verbundes aller Evangelischen Kirchen Deutschlands - der EKD -  und verfügte daher in ganz Deutschland über beste Verbindungen. Dies war wohl letztlich der Grund, weshalb die SED es nicht wagte, meinen Vater bei ihm zu verhaften. Doch dass die SED diese Grenze nicht überschreiten würde, konnte damals keinesfalls sicher sein. Für den Fall seiner Verhaftung hatte mein Vater von Dresden-Radebeul aus schon am 23.4.1953 eine allgemeine Prozessvollmacht erteilt. Wie notwendig diese Vorkehrung sowie sein Asyl im Haus des Landesbischofs war, zeigte sich am 7.5.1953, als die Leipziger Volkszeitung erneut einen ganzseitigen Hetzartikel gegen ihn veröffentlichte, in dem es unter Bezugnahme auf den Zeitungsartikel vom 19.4.1953 hieß: „Große Empörung bemächtigte sich, angesichts der Tatsache, dass gewissenlose Verbrecher die Einheit der Jugend sprengen und christliche Jugendliche zu feindlichen Handlungen gegen unsere Republik verleiten wollen, vor allem der Jugend. An den Hochschulen, an den Oberschulen, aber auch an den Grundschulen, an denen es den Rädelsführern dieser illegalen Organisation gelungen war, vorübergehend Fuß zu fassen, nahmen die Mitglieder der FDJ den Kampf gegen die Verderber der Jugend auf.“ Infolge dieser Kampagne wurden zahlreiche junge Leute, die Mitglieder der Jungen Gemeinde oder der Studentengemeinden waren, von den Oberschulen gewiesen und von Universitäten und Hochschulen exmatrikuliert. Es waren auch für unsere Familie dramatische Wochen und Monate, zumal mein Vater es in seiner Schutzisolation kaum aushielt.

Während seiner Zeit in Dresden-Radebeul wurde mein Vater vom Sächsischen Landeskirchenrat beauftragt, die Presseangriffe sowie die Schikanen gegen die Junge Gemeinde und ihre Mitglieder zu recherchieren, zu dokumentieren und entsprechende Stellungnahmen zu formulieren. An dieser Dokumentation wird deutlich, wie tief die SED ihre Hetze gegen die Junge Gemeinde  in die Gesellschaft hineintrieb und welch enorme Existenzängste sie im Sinne ihrer Machtinteressen zu schüren suchte. Dies war sicherlich ein nicht unwesentlicher Aspekt, dass am 17. Juni 1953 der Topf überkochte und es zu dem Aufstand kam, der – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven – von weiten Kreisen der DDR-Bevölkerung mitgetragen wurde.  

Brecht schrieb zum 17. Juni 1953:

`Die Lösung

Nach dem Aufstand des 17. Juni

 Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbandes

In der Stalinallee Flugblätter verteilen

Auf denen zu lesen war, daß das Volk

 Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe

Und es nur durch verdoppelte Arbeit

Zurückerobern könne. Wäre es da

Nicht doch einfacher, die Regierung

Löste das Volk auf und

Wählte ein anderes?`

Die DDR-Regierung nahm sich dieses Brecht-Gedicht offenbar zu Herzen, denn sie versuchte von nun an, das Volk mittels Zersetzung und Falschinformation „aufzulösen“ und sich ein „neues Volk“ von parteitreuen  Mitläufern und Vollstreckern zu schaffen."

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