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REINER-KUNZE-ZYKLUS (2007/2009)

Dauer ca. 80 Min | Lieder-Zyklus nach Originaltexten und Übersetzungen von Reiner Kunze - Musik im Raum für Bariton, Klavier und Streichquartett | Aufführungsmaterial vorhanden

Dauer Teil 1: ca. 41 Min.
Dauer Teil 2: ca. 39 Mi

Uraufführung am 27.10.2009 im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie

durch Matthias Vieweg und die Klanwerkstatt Weimar, Ltg.: Tom Rojo Poller

Berliner Zeitung, 29. Oktober 2009 (von Peter Uehling):

" ... Wallmanns Musik aber scheint gänzlich aus der Erfahrbarkeit des klingenden Raumes hervorzugehen - als wären nicht mehr Melodien, Rhythmen oder Farben der wichtigste Kompositionsstoff, sondern der Ort des Klangs. ...

... Wallmann hat eine Art des musikalischen Fortgangs entdeckt, die man in Anlehnung an Schönbergs Begriff der Klangfarbenmelodie "Klangortemelodie" nennen könnte. Und die entfaltet er in höchst vielfältiger Weise ...

... Wallmanns Musik ist konzentriert und zielt ins Große, ohne den Hörer abzuweisen; sie nimmt ihn, schon indem sie ihn im Raum umfasst, in ihre Mitte, selten fühlt man sich als Hörer von einer neuen Musik so freundlich und ohne Anbiederung zum Zuhören eingeladen. In der Interpretation der Klangwerkstatt Weimar unter Leitung von Tom Rojo Poller und dem Bariton Matthias Vieweg hinterließ das starken Eindruck.  ..."

Zum Hintergrund der Komposition


Schon während meiner Studentenzeit haben mich die Gedichte und Gedanken von Reiner Kunze tief berührt, weshalb  ich bereits 1972/73 (als Kompositionsstudent der Weimarer Musikhochschule)  „Drei Lieder nach Texten von Reiner Kunze“ schrieb. Kurze Zeit später wurde ich von der Hochschule exmatrikuliert; aus politischen Gründen. Das war Realsozialismus konkret und machte mir einmal mehr klar, was es bedeuten kann, mit seiner Person für Gedanken und Ideen einzustehen. Reiner Kunze hat während der DDR-Zeit zahlreiche viel schwierigere Situationen auf bewundernswerte Weise gemeistert, bis nur noch die Ausreise blieb.

„Biografie ist mehr als nur eine rein persönliche Angelegenheit“, sagte Joseph Beuys.  Angesichts dieser zutreffenden Feststellung lag es für mich nahe, diesen Zyklus zu schreiben. Denn Kunzes Einstehen, sein streithafter Mut, seine Aufrichtigkeit, sein philosophisch und ästhetisch orientiertes Verständnis von Kunst, seine Liebe und seine tiefe Achtung vor der Natur, seine - Situationen treffend bezeichnenden und wie Edelsteine fein ausgeschliffenen – lyrischen Metaphern (die ganze Felder von Assoziationen wachzurufen vermögen), sein hochsensibler Blick auf das Leben selbst sowie seine kompromisslos klare Sicht der DDR-Wirklichkeit haben Maßstäbe gesetzt und erneuert.

Wenn nicht schon Schiller (im zweiten Brief über die ästhetische Erziehung des Menschen) den Gedanken "Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit" formuliert hätte, würde sicher Reiner Kunze ihn formuliert haben. So trat er auch in der Wende-Zeit und nach der Wiedervereinigung vehement dafür ein, die DDR-Vergangenheit klar zu sichten und aufzuarbeiten, anstatt über sie das Tuch der Ignoranz breiten zu lassen. Denn Zukunft kann nur so gut gestaltet werden, wie Vergangenheit aufgearbeitet und wie aus ihren Irrtümern, Fehlern und Verbrechen gelernt ist. Kunzes mutige dokumentarische Bücher (wie „Die wunderbaren Jahre“, „Deckname Lyrik“,  „Am Sonnenhang“) sowie seine ästhetisch-philosophischen Betrachtungen sind daher von nicht minderer Bedeutung als seine Lyrik. Auch mit ihnen hat er sich als Künstler und Seismograph eines – auf hoher Sensibilität und Genauigkeit beruhenden – freiheitlichen, verantwortlichen sowie aufklärenden Denkens und Handelns ausgewiesen.

Es lag mir also aus vielen Gründen am Herzen, diesen Reiner Kunze-Zyklus zu schreiben. Ich würde  mich freuen, wenn die in ihm versammelten Gedichte, Nachdichtungen und philosophisch-ästhetischen Texte einen musikalischern Ausblick auf jene hohe gedankliche Kraft und Sensibilität bilden können, die  für die Zukunft dieses Landes bedeutsam sind und Reiner Kunze zu einem der bemerkenswertesten Lyriker des gespaltenen und wiedervereinten Deutschlands werden ließen.

Berlin, im Februar 2008                        
H. Johannes Wallmann


Aufführungshinweise

Der Solopart sollte sehr einfach und klar (und quasi in oratorischem Stil) gesungen werden, wobei darauf zu achten ist, dass sich zwischen dem Solopart und den Instrumentalparts Einheit und Spannung zugleich herstellt. D.h., die Instrumentalparts sollten nicht nur als „Begleitstimmen“ aufgefasst werden, sind aber ebenfalls strukturorientiert und ohne gesteigerte expressive und romantische Ausdrucksmittel zu realisieren. Auch das Vibrato bitte zurückhaltend einsetzen.
Die crescendo-decresendo-Vorgänge sind in dieser Komposition nicht als „Ausdrucksmittel“, sondern strukturell zu verstehen. Sie sollten in den angegebenen Dauern sehr genau und kontinuierlich auf den Punkt und – wo die Partitur es verlangt – symmetrisch ausgeführt werden.
Im Klavierpart kann struktur- und klangorientiert durchaus etwas mehr Pedal (als  einzeln angegeben) eingesetzt werden.
Die „Bogendruckschwingungen“ der Streicher sollten so klingen, wie man früher manchmal an Strommasten Schwingungen hören konnte. Wichtig ist, dass sich die unterschiedlichen Schwingungsfrequenzen der einzelnen Streicher gegenseitig zu einem ausgewogenen Gesamtklang ergänzen.
Eine ausgewogene Intonation zwischen allen beteiligten Interpreten ist eine Vorbedingung zur Entfaltung der Klänge, weshalb auf Intonation besondere Achtsamkeit zu legen ist.
Die Aufstellung der Musiker kann entweder in normaler Form oder aber räumlich erfolgen. Letzteres nur dann, wenn der Aufführungsraum und sonstige Bedingungen es erlauben, sämtliche Koordinationsfragen souverän zu lösen.
Im Fall einer räumlichen Aufstellung sollen sich Bariton, Klavier und Viola auf dem Podium, Vl.1 im Raum  links vom Publikum, Vl. 2 im Raum  rechts vom Publikum, Vc. hinter dem Publikum befinden. Die Aufstellung des Streichquartettes soll dabei räumlich einen möglichst regelmäßigen Rhombus ergeben.

die 15 Sätze im Überblick

H. Johannes Wallmann
Reiner-Kunze-Zyklus

1.   
WIR SIND GAR NICHT GEMEINT (Reiner Kunze / Ilse Aichinger)
für Bariton, Klavier und Streichquartett

2.
WILDE ROSE
für Bariton, Klavier und Streichquartett

3.
ERSTE LIEBE
für Bariton und Klavier

4.
SENSIBlE WEGE
für Bariton, Klavier und Streichquartett

5.
ICH FRAGE (von Jan Skácel, Nachdichtung Reiner Kunze)
für Bariton und Streichquartett

6.
ERHOB SICH EIN VOGEL VOGEL INS BLAU / ÜBER DEN DRAHTVERHAU 

(Jan Skácel, Nachdichtung Reiner Kunze) für Bariton, Klavier und Streichquartett

Recital-Fassung ÜBER DEN DRAHTVERHAU  für Sprecher und 2 Solo-Violinen

---  pause ---

7.
DEN SAND AUS DEN AUGEN KRIEGEN (Reiner Kunze / Hugo von Hofmannsthal)
für Bariton, Klavier und Streichquartett

8.
AUSTRITT AUS DER AKADEMIE
für Bariton, Klavier und Streichquartett

9.
WAS IST POESIE? (von Vladimir Holan, Nachdichtung Reiner Kunze)
für Bariton und Klavier

10.
Was DAS KUNSTWERK ZUM KUNSTWERK MACHT
für Bariton, Klavier und Streichquartett

11.
MIT SEINER PERSON DAFÜR EINSTEHEN
für Bariton und Klavier
12.
WAS MAN EWIGKEIT NENNT (Reiner Kunze / Hans Georg Gadamer)
für Bariton, Klavier und Streichquartett
 
13.
RUDERN ZWEI
für Bariton, Klavier und Streichquartett

14.
AUF DICH IM BLAUEN MANTEL
für Bariton, Klavier und Streichquartett

15.

WIR SIND GAR NICHT GEMEINT

(Reiner Kunze / Ilse Aichinger)

für Bariton, Klavier und Streichquartett

 

 

 

 

 

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