"auri" : Die Arbeit an der Komposition "auri" war für mich
eine höchst spannende, da ich mich allein schon durch den Titel
Überlegungen gegenübersah, die die Kunsttheorien des 20.Jahrhunderts
sehr wesentlich geprägt haben. Im Zeitalter der "Reproduzierbarkeit des
Kunstwerkes" (Walter Benjamin) schien die Aura als künstlerisches
Phänomen im Schwinden. Wohl gerade das hat sie für viele Künstler
wieder zu einem anstrebbaren Wert werden lassen. Es hat sich - entgegen
bestimmter Argumentationen von Walter Benjamin - dabei herausgestellt,
dass das, was als die "auratische Daseinsweise des Kunstwerks"
bezeichnet werden könnte, nicht an religionsgebundenen und kultischen
Zwecken oder an Ritualfunktionen festgemacht werden muss. Vielmehr
resultiert die Aura aus der Struktur und Interpretation eines Werkes,
durch die sich die ideell und material integrale Qualität eines Werkes
herstellt.
Ordnungen von Raum und Zeit, von Nähe und Ferne
spielen für "auratische Daseinsweisen eines Kunstwerkes" eine wichtige
Rolle. Auch deshalb wurden während des Kompositionsprozessen
von
"auri" die räumlichen Dimensionen der Komposition immer wichtiger.
Allerdings treten an die Stelle der Verabsolutierungen von Ferne oder
Nähe (von denen Walter Benjamin ausgeht) die Relationen und Bewegungen
zwischen Ferne und Nähe, die durch die räumlichen Bewegungen der Töne
entstehen. Diese Bewegungen werden durch die räumlichen Positionen der
Musiker (die im Verlauf von "auri" Positionen um das Publikum
einnehmen) ermöglicht und von den Hörern – je nach ihrem Platz im
Aufführungsraum - unterschiedlich wahrgenommen. So kreisen die Töne um
das Auditorium, werden durch die diagonal benachbarten Musiker hin- und
hergegeben oder wandern (wie in den Begleitsegmenten der simultanen
Soli) in anderen geometrischen Formen durch den Raum. Zugleich mit den
räumlichen Verläufen entwickeln sich "Klangfarbenmelodien" (ähnlich wie
sie Arnold Schönberg in seiner Harmonielehre als Vision formulierte),
durch die der räumliche Verlauf der Komposition sich auch in der
Mischung der Klangfarben realisiert. Während die Klangfarbenmelodien
den besonderen Reiz der Rundfunkübertragung ausmachen, werden die
räumlichen Verläufe der besondere Reiz des Originalerlebnisses sein.
Thüringer Allgemeine 29.09.94 zu "auri"
»...Dann
eine Uraufführung als besonderer Höhepunkt des Abends: «Musik im Raum -
Auri« des 1952 in Leipzig geborenen Komponisten Johannes Wallmann. Die
Relationen und Bewegungen zwischen Nähe und Ferne, die durch die
räumlichen Bewegungen der Töne entstanden, bewegten die Zuhörer
außerordentlich. Im Verlaufe von Auri wurden Standorte im Konzertraum
verteilt eingenommen. So kreisten die Töne im Auditorium, entwickelten
sich Klangmelodien. Die Zuhörer waren begeistert.«