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NEUE SINFONIE ? - Kurt-W.-Streubel-Zyklus, 2013

H. Johannes Wallmann: NEUE SINFONIE? - Kurt-W.-Streubel-Zyklus - Musik im Raum für Orchester und Stimmen nach Bildern des Malers Kurt W. Streubel (2012/2013 - bisher nicht realisiert)

NEUE SINFONIE?  - Kurt-W.-Streubel-Zyklus

eine neue Synthese von Individuellem-Soziellem-Universellen

Als ich die Komposition dieses Werkes begann, hatte ich dafür zunächst den Arbeitstitel „NEUE SINFONIE >5< - Kurt-W.-Streubel-Zyklus“. Die Zahl >5< stand dabei nicht für eine Anzahl (ich schrieb zuvor keine Sinfonien 1, 2, 3, 4!) sondern für die qualitative Zahlenbetrachtung, die mich seit Jahrzehnten beschäftigt und schon J.S. Bach in seinen Kompositionen beschäftigt hat. In der qualitativen Zahlenbetrachtung ist die >5< die Zahl des Menschen, die Zahl der Kreatürlichkeit und Kreativität, die Zahl für das Lebendige (5 Sinne, 5 Finger), für belebte Natur, aber auch die Zahl der Vergänglichkeit und des Leidens (die 5 Wunden am Kreuz). Doch gilt sie auch als Symbolzahl der Vereinigung von Geist und Materie. Als Zahl des menschlichen Individuums ist sie zugleich auch als Ausdruck des Zusammenwirkens Einzelner zu einem Gemeinsamen zu verstehen. - Der Begriff „Quintessenz“ gibt einen besonderen Ausblick auf die >5<, da er (sowohl positiv als auch negativ) für das geistige Substrat eines Geschehens steht. Es ist daher besonders interessant, dass die >5<  auch als Symbolzahl für des Menschen „Unart“ gilt, „die den Kosmos beunruhigt“. So wirft sich die Frage auf, ob der Mensch „zu dumm zum Überleben“ sein wird ("kosmisch bankrott" nennt es Buckminster Fuller) oder ob er es mittels seiner Kreativität und Quintessenz-Kraft schafft, ein Gemeinsames, ein Ganzes, eine neue Einheit von Mensch, Natur und Kosmos, einen neuen Bund von Individuellem-Soziellem-Universellen – also quasi eine NEUE SINFONIE -  entstehen zu lassen. Doch das ist derzeit sehr unsicher. Deshalb habe ich mich entschieden, in den Titel des Werkes anstelle der Zahl >5< nun unmittelbar ein Fragezeichen zu setzen.

Das Werk basiert jedoch vor allem auf Ideen und Bildern des Malers/Entwerfers/Kunstphilosophen Kurt W. Streubel (1921-2002). Er - der Sokrates unter den oppositionellen Künstlern in der DDR - ist einer der ganz großen Unbekannten der deutsch-deutschen Kulturgeschichte!

Kurt W. Streubel wurde am 14.5.1921 in Starkstadt/Böhmen geboren. Nach dem 2. Weltkrieg (nach eigenen Angaben war einer der letzten Kuriere der Widerstandsgruppe Rote Kapelle) studierte er 1945/46 Malerei in Weimar bei Hoffmann-Lederer und Schäfer-Ast, um an den Ideen des Weimarer Bauhauses anzuknüpfen. Sich als Künstler der Moderne verstehend, wurde er in der DDR als "Formalist" verfemt und jahrzehntelang massiv ausgegrenzt. Dass er - der Sokrates unter den oppositionellen Künstlern in der DDR - trotz dieser teils extrem schwierigen Umstände seine geistige Widerständigkeit nicht aufgab und dadurch in der Lage war, ein gedanklich und künstlerisch tieflotendes Werk zu schaffen, ist enorm und kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Dass sein Werk nach der deutschen Wiedervereinigung nur quasi marginal gewürdigt wurde, ist bezeichnend für den Zustand unserer Kultur. - Ich selbst hatte das Glück, von Streubel ein eingehendes "kunstphilosophisches Training" erhalten zu haben, womit der philosophische Grundstein für „INTEGRALE MODERNE - Vision und Philosophie der Zukunft“ (PFAU-Verlag 2006) sowie die philosophischen Implikationen meines kompositorsches Werkes gelegt war. Bereits 1978 hatte ich "Synopsis - Musik im Raum mit Diaprojektionen von Kurt W.Streubel" komponiert, das anlässlich der Wittener Tage für Neue Kammermusik 1979 (WDR) zur Uraufführung gelangte und nun auch Teil II von „NEUE SINFONIE?" ist. Kurt W. Streubel umriss seine Kunst mit den drei Worten "abstrakt-konstruktiv-konkret". Mit meinem Kurt-W.-Streubel-Zyklus „NEUE SINFONIE?“ möchte ich diesem großen Künstler und Denker ein musikalisches Denkmal setzen. - Ein herzliches Dankeschön an Streubels Erben, die die Schaffung dieses Werkes ermöglichten. (H. Johannes Wallmann, 2013)

Zwischen offizieller Ablehnung und stiller Bewunderung - Kurt W. Streubel im Kunstsystem der DDR

(von Cornelia Nowak, Kuratorin Kunstmuseen Erfurt | Angermuseum, Leiterin Graphische Sammlung)

"Kurt W. Streubel (1921-2002) zählt zu den herausragenden Künstlern in Ostdeutschland. Wer seine Werke im Original betrachten will, muss Hürden überwinden, denn in den Schausammlungen der Museen findet man seine Arbeiten auch heute nicht. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Im Kunstsystem der DDR gab es für Streubel, der 1945 unweit von Erfurt seine Wahlheimat im „barocken Universum“ Gotha fand und dort bis 2000 unterhalb des Schlosses an prominenter Stelle am Hauptmarkt lebte, kaum Platz. Sein Lebensweg begann 1921 im böhmischen Starkstadt, war gezeichnet von erschütternden Kriegserlebnissen und verlief in der frühen DDR engagiert. Die Pinselzeichnung „Kosmische Komposition“ (1949) löste in Thüringen die Formalismus-Diskussion aus, die Streubel ins Abseits drängte. Anders als Hermann Kirchberger in Weimar entschied er, die DDR nicht zu verlassen. Auf der Bühne des offiziellen Kunstbetriebes hatte Streubel jedoch kaum Chancen und nur wenige Fürsprecher. Er selbst verweigerte sich jeglicher Enge ideologiegeleiteter Kulturkonzepte, widmete sich metaphysischen Bildwelten und Konkreter Kunst. Der ertrotzte Freiraum und die gelebte, aber nie akzeptierte Isolation wäre ohne mäzenatische Obhut und finanzielle Förderung durch wenige private Kunstfreunde früh zur Grabstätte dieses bildmächtigen Malerpoeten geworden. Erst 1979 wurde Kurt W. Streubel als Mitglied im Verband Bildender Künstler anerkannt, 1981 für ihn die erste Retrospektive erarbeitet (und die Publikation gleich nach Eröffnung eingezogen). Streubel galt im Umgang als kompliziert, und auch von jenen, die sein Werk fördern wollten, war Toleranz, psychologisches Feingefühl und mediatorische Kompetenz gefragt. Im Kunstsystem der DDR war für seine extrovertierte Persönlichkeit ebenso wenig Raum wie für seine grandiosen Malereien, Texte, Raumgestaltungen und musikalischen Experimente („Antioper“). Man begegnete ihm mit Skepsis, Abwertung, Spott und Beschimpfung - er parierte mit gleichen Mitteln. Öffentliche Aufträge, Ausstellungen in Museen und Galerien des Staatlichen Kunsthandels oder nennenswerte Ankäufe durch Museen und Betriebe blieben dem Künstler zeitlebens versagt. Erst 2002 erfolgte im Kontext einer Werkschau in Altenburg und Sonneberg und der Edition einer Monografie die längst überfällige öffentliche Rehabilitation des Künstlers, der unmittelbar darauf verstarb. Dass sein Werk nach wie vor nur einem kleinen Kreis von Kunstkennern bekannt ist, sollte nicht akzeptiert werden." (Cornelia Nowak)

Orchesterbesetzung von NEUE SINFONIE? - Kurt-W.-Streubel-Zyklus: 

6 (oder 9 oder 18) Violinen I, 6 (oder 9 oder 18) Violinen II , 3  (oder 6 oder 12) Bratschen,  3  (oder 6 oder 12) Violoncelli,  3 (oder 6) Kontrabässe 

3 Flöten (2.+3. auch Piccolo), 3 Oboen (2.+3. auch E.H.) , 3 Klarinetten (2.+3. auch Baßklar.), 3 Fagotte (2.+3. auch Kontrafg, 1. Fagott spielt in Teil IV den Solo-Fagott-Part), 

4 Hörner in F, 3 Trompeten (in B), 3 Posaunen 

Harfe, Klavier/Celesta

4 x Percussion. , 1 Singende Säge

Solisten: 2 hohe Soprane, 1 Bariton, 1 Solo-Fagott (1. Fagott des Orchesters)

aus der Orchesterbesetzung (Teil II):  Bläserquintett, Klavier, Tamtam 

aus der Orchesterbesetzung (Teil IV): Streichquartett und Solo-Fagott (s.o.)

Projektionen: 

Es werden i.d.R. jeweils zwei Bilder projiziert. Bei Aufführungen des Gesamtwerkes sollten die Projektionen n.M. rechts und links neben oder über dem Orchester erfolgen, könnten ggf. aber im Raum auch mehrfach positioniert sein. Es ist darauf zu achten, dass durch die Projektoren im Zuhörerraum möglichst keine Nebengeräusche entstehen. // Alle Musiker sollten mit beleuchteten Notenpulten spielen.

DIE 5 TEILE DER KOMPOSITION:

Teil I: Kosmische Komposition - Musik im Raum für Orchester, Stimmen und Projektionen  (Dauer: ca. 29 min.)

Teil II: Synopsis - Musik im Raum für Bläserquintett, Klavier und Projektionen (Dauer: ca. 28 min.)

Teil III: Felderspiel - Musik im Raum für Orchester, Stimmen und Projektionen (Dauer: ca. 20 min.)

Teil IV: Entfaltung und Bewahrung - Musik im Raum für Solo-Fagott, Streichquartett (oder Streichorchester) und Projektionen (Dauer: ca. 14 min.)

Teil V: Kristalle voller Feier und Trauer - Musik im Raum für Orchester, Stimmen und Projektionen  (Dauer: ca. 33 min.)

Alle Teile können auch einzeln und konzertant aufgeführt werden. Kommen alle 5 Teile jedoch an ein und demselben Abend zur Aufführung, dann stets mit Bildprojektionen.

Rezensionen:

"von anrührender, neu entdeckter Schönheit" Berliner Zeitung zu Wallmanns SOLO-UNIVERS 1-5 im KMS der Berliner Philharmonie, Rezension 30.10.2010:
"Solo Univers 1 - 5" heißt der Zyklus von fünf Konzerten für Bläser und Orchester, in dem die Klänge von den Emporen und Gängen des Kammermusiksaals den Solisten umkreisen. Die Solo-Instrumente sind dabei nie allein, sondern stets im Raum verdreifacht, ihre Stimme wird in differenzierten Echos gebrochen. Wer auf Wallmanns Einladung nach jedem Konzert den Sitzplatz wechselte, konnte den Klang immer wieder aus anderer Perspektive wahrnehmen, mal umhüllend, mal aus zwei Richtungen strahlend, mal frontal. ... Die Musik ist, bei Vermeidung traditioneller Formen, von anrührender, neu entdeckter Schönheit, auch wenn sie verfremdete Farben souverän in ihre Sprache integriert. Interessant ist nicht zuletzt, wie "Solo Univers" als großer, freier Variationszyklus funktioniert, in dem jedes einzelne Konzert vor dem Universum der anderen steht. ... Wallmanns Musik ist die eines Außenseiters, eine alternative Moderne, die ihre Intelligenz nicht in gesteigerte Komplexität investiert, sondern in die Frage, wozu Musik eigentlich in einer Gesellschaft gut sein könnte." (Peter Uehling)

Sächsische Zeitung 10.09.1979 zu Wallmanns »Synopsis« mit Diaprojektionen von Kurt W. Streubel:
»...vermochte „Synopsis” wahrhaftig durch so etwas wie herbe Schönheit zu ergreifen. Viele mögen mit Erstaunen wahrgenommen haben, dass eine erlebnishafte Versenkung in zeitgenössische Musik ... ganz einfach durch Hinhören möglich ist. Die Unaufdringlichkeit, Geschliffenheit und stille Freude, mit der das Stück von der Gruppe Neue Musik Weimar gespielt wurde, zog die Aufmerksamkeit vom ersten bis zum letzten Ton auf sich. ...Hier entfaltet sich eine fesselnde Musik wie aus einem Keim von innen heraus.«

Spitzenmusiker über die Musik von H. Johannes Wallmann 

Dirigent: Franck Ollu; Nick Shay Deutsch, Solo-Oboist der Oper Frankfurt/Main; Axel Andrae, Solo-Fagottist des MDR Sinfonieorchesters; Ib Hausmann, Solo-Klarinette; Stefan Dohr, Solo-Hornist der Berliner Philharmoniker; Silvia Careddu, Solo-Flötistin des Konzerthausorchesters Berlin; Musikerinnen der Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

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