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glocken requiem XXI, 2004-2006

raumklang-komposition für drei voneinander weit entfernte chorgruppen, 129 dresdner kirchenglocken, elektronische klänge, drei schreier und einen koranrezitator, texte auf deutsch/hebräisch/hocharabisch

Das Nachdenken über den Tod und den Sinn des Lebens - ein allen Religionen/Kulturen gemeinsamer Nenner (s.a. Lessings Ringparabel)

"Solange die ganze Menschheit, ohne Ausnahme, keine Metamorphose durchläuft, wird Krieg wüten und alles, was gebaut, gepflegt und gewachsen ist, wieder abgeschnitten und vernichtet..."

Mit diesem Gedanken, den die 15-jährige Anne Frank 1944 in Amsterdam kurz vor ihrer Deportation nach Auschwitz formulierte, beginnt und endet auf deutsch/hebräisch/hocharabisch das GLOCKEN REQUIEM XXI von H. Johannes Wallmann.

Link zum GLOCKEN REQUIEM DRESDEN (1995)

english version

Widmung

Kindern als Trägern der Zukunft gewidmet.
Dem Frieden und der zukunftstragfähigen Gestaltung der Welt.

Im Gedenken an die Dresdner Bombennacht vom 13. Februar 1945.
Im Gedenken an den Holocaust und die Toten des 2. Weltkrieges.
Im Gedenken , dass noch immer Menschen durch Kanonen und Bomben getötet werden.
Im Gedenken an den 11. September 2001.

CD-Bestellung

Dies CD ist nachzufragen unter: production(-attt-)integral-art.de

Uraufführung

am 11. September 2006 in Darmstadt
Interpreten: Konzertchor Darmstadt
Leitung: Wolfgang Seeliger
Veranstalter: Konzertchor Darmstadt
mit freundlicher Unterstützung der Stadt Darmstadt und des Landes Hessen

Uraufführung am 11. September - Fokus auf Lessings Ringparabel

Das GLOCKEN REQUIEM XXI kam anlässlich des 11.Septembers 2006 - dem 5. Jahrestag der Zerstörung des World Trade Centers und dem 62. Jahrestag der Zerstörung der Stadt Darmstadt – in seiner konzertanten Fassung als Raumklang-Komposition zur Uraufführung. Die Texte des Werkes, das auf Lessings Ringparabel und die gemeinsame Zukunftsverantwortung der Kulturen zielt, entstammen der christlichen, jüdischen und islamischen Kultur/Religion und erklingen auf deutsch, hebräisch bzw. hocharabisch. So erhalten im GLOCKEN REQUIEM XXI die Kulturen als „Geschwister“ der christlichen Kultur eine Stimme. Angesichts der aktuellen politischen Weltlage knüpft der Komponist mithin bewusst an Lessings Ringparabel an. Denn nach ihr können Judentum, Christentum und Islam (stellvertretend für alle Kulturen/Religionen) als Geschwister gesehen werden, die sich in einem friedlichen Wettbewerb um die besten Beiträge für eine zukunftstragfähige Gestaltung der Welt verstehen sollten.

Projektidee

Auch wenn Glocken keine Erfindung der europäischen und christlichen Kultur sind, so haben sie diese seit Jahrhunderten akustisch geprägt.Ursprünglich sollten Glockenklänge Unheil abwehren und Glück bringen. Dieser Aspekt ist neben theologischen Implikationen  (z.B. Lessing, z.B. Paul Tillich) wichtig für das GLOCKEN REQUIEM. Denn immer wieder wurden Glocken als Materialreserve verwendet und zu Kanonen oder Bomben umgegossen. (So auch im 2. Weltkrieg, als die meisten Dresdner Glocken (wie die vieler anderer Städte) auf den Hamburger Glockenfriedhof verbracht wurden. Im GLOCKEN REQUIEM XXI werden sie stattdessen als "Musikinstrumente" eingesetzt.

Frieden bedeutet heute: Verständigung zwischen den Kulturen und Religionen. Denn angesichts ihrer (im Hinblick auf die Globalisierung) gemeinsamen Verantwortung sind sie heute mehr denn je gefordert, weit über sich selbst hinauszusehen, und dabei weder ihre jeweils spezifischen Traditionen noch ihre gegenseitige Verwandtschaft zu verleugnen.

Hinsichtlich dieser Überlegungen entwickelte der Komponist – auf Grundlage seines GLOCKEN REQUIEM DRESDEN von 1995 - das GLOCKEN REQUIEM XXI. Die Komposition beginnt und endet in hebräisch, deutsch und hocharabisch mit dem eingangs zitierten Text, den die 15-jährige Anne Frank 1944 vor ihrer Deportation nach Auschwitz formulierte.Nicht nur angesichts der beiden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts, sondern auch angesichts der gegenwärtigen Kriege oder der sich ausbreitenden Terrorwelle ist dieser Gedanke von Anne Frank hochaktuell. Gedenktage – wie der 13. Februar (Dresden 1945) oder der 11. September (New York 2001 / Darmstadt 1944) – sollten uns Anlass sein, uns an diesen Gedanken zu erinnern.

Rundfunksendungen des GLOCKEN REQUIEM XXI

HR2

Sonnabend, 12. Januar 2008, 23-24 Uhr: H. Johannes Wallmann: Glocken-Requiem XXI, Sätze 1-9 .Eine Sendung von Dr. Michael Rebhahn.

NDR-Kultur, Produktion 2007: Neue Faustus-Mephisto-Dispute über das Brahms-Requiem und das GLOCKEN REQUIEM XXI
Sonnabend, 24. November 2007, 20-24 Uhr: „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms mit neuen Faustus-Mephisto-Disputen in Perspektiven zum „Glocken Requiem XXI“ von H. Johannes Wallmann. Redaktion: Hans-Heinrich Raab. Neue Faustus-Mephisto-Dispute:  H. Johannes Wallmann. // Sendung fast des gesamten „Glocken Requiem XXI.

DeutschlandRadio Kultur

10. September 2007, 22 Uhr: H. Johannes Wallmann GLOCKEN REQUIEM XXI (Ausschnitte). Eine Sendung von Dr. Sabine Vorwerk.

WDR 3: 23. Mai 2007, 23:05 Uhr: Die Moderne als Zukunftsvision. Der Komponist Johannes Wallmann, ein Komponistenporträt. U.a. mit Ausschnitte aus dem GLOCKEN REQUIEM XXI

Radio Suisse Romande Espace 2
15.4. 2007: Ursendung von 5 Sätzen aus GLOCKEN REQUIEM XXI von H. Johannes Wallmann. Eine Sendung von Jean-Pierre Amann.

Presse- und Hörerstimmen

Darmstädter Echo, 13.09.2006: „Geläut wird zu Gesang. „Solange die ganze Menschheit keine Metamorphose durchläuft, wird Krieg wüten“, schreibt Anne Frank in ihrem Tagebuch. Mit diesen Worten – sie werden in deutsch , hebräisch und hocharabisch gesungen – beginnt das „Glocken-Requiem XXI“ des in Berlin lebenden Komponisten H. Johannes Wallmann. ... Das 80 Minuten dauernde Requiem ist ein tief beeindruckendes und die Zuhörer bewegendes Werk, denn die Zeit des Zweiten Weltkriegs mitsamt Auschwitz bis hin zu den Terroranschlägen und den Konflikten unserer Tage wird hier zum Raum, zum Klangraum  ... Faszinierend in diesem Werk ist vor allem die Einarbeitung der Glockenklänge, die in Elektronik (basierend auf Glocken- und Stimmgabel-Tönen) übergehen und sich in Gesang verwandeln, sich diesem angleichen, so dass die Klänge im Raum rotieren.“ (Heinz Zietsch)

 

"Selten haben wir ein Konzert erlebt, wo durchgängig eine solche  "Hochspannung" im Raum war. Man hätte - vor allem auch in den kurzen  Pausen - eine Stecknadel zu Boden fallen hören können - und das bei einem  so anspruchsvollen zeitgenössischen Stück von 80 min Länge! Es war  meisterhaft, wie hier alle beteiligten Solisten, der Dirigent und die  Technik (inkl. der behutsamen Anleitung durch den Komponisten)  zusammenwirkten, um diesem Werk die größtmögliche Ausstrahlungskraft zu  verleihen. Wie Wolfgang Seeliger auch unter "dem Diktat der Funkuhr" eine solche Dynamik bei der Interpretation entwickelte, war sehr hörens-, aber  auch sehenswert. Dass bei diesen schwierigen - zum großen Teil 12-  stimmigen Sätzen - das Solistenensemble eine ausgezeichnete Leistung  ablieferte, muss hier unbedingt erwähnt werden. ...  Die allermeisten Konzertbesucher waren  - so unser Eindruck - tief ergriffen und sehr bewegt von diesem  außergewöhnlichen Klangerlebnis. Das Publikum trug dem mit einem lang anhaltenden Schlussapplaus auch gebührend Rechnung. Darmstadt hat seinem Ruf als Hochburg der Neuen Musik in Deutschland mit dieser Uraufführung ein weiteres beachtenswertes Kapitel hinzugefügt. Wir wünschen dem Werk noch viele so eindrucksvolle Aufführungen, möglichst  auch im internationalen Maßstab." (Sylvia + Martin S.)

 

"... Mich hat das Werk unheimlich bewegt, vor allem, weil es durch die, mich "archaisch" anmutenden Glocken, vermischt mit den Stimmen verschiedenster Art und verschiedenster religiöser Herkunft, einen zeitlich begrenzten Raum gab, in dem alle in mir gespeicherten Bilder betrachtet sein konnten. ... All dieses unsagbare Grauen, das Menschen Menschen, aber auch ihrer Umwelt zuzufügen in der Lage sind, durfte langsam visuelle, aber auch akustische Gestalt annehmen. Es war zutiefst bewegend für mich, Vieles davon hervorholen zu können, um gleichzeitig so etwas wie Erlösung erahnen zu dürfen. Da es mich emotional unendlich mitnahm, war ich danach nicht mehr in der Lage, mich so schnell wieder ins normale Leben zurückzufinden und bin sofort heimgefahren ... Ich habe bewundert, wie hochprofessionell, konzentriert, intonationssauber (...), aber auch beeindruckt die Ausführenden selbst auf mich gewirkt haben. Faszinierend für mich war außerdem die Koordination bezüglich der eingespielten Chöre, der sehr bewegenden Stimme des Koranrezitators und natürlich auch die Schreier, die noch Tieferes an Emotionen aus mir herauszuholen vermochten. Dies lag an dieser Stelle aber auch an der bis aufs Äußerste verdichteten Komposition. Ein großes Lob auch an Wolfgang Seeliger, der mit seiner Präsenz, Ruhe und höchster Professionalität dies alles musikalisch zu gestalten vermochte. Allen große Anerkennung und Wertschätzung in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich! Meinen herzlichen Dank auf diesem Wege auch an Herrn Wallmann! Mögen noch viele Menschen von diesem Werk angerührt und bewegt werden." (Elisabeth H.,  Musikerzieherin)
"Das Werk war beeindruckend. Viele Passagen fand ich unmittelbar eingängig. Der Live-Chor klang warm, engagiert. Es hat Spaß gemacht, das zu hören. ... Die elektronischen Klänge waren ein sinnvoller Teil des Ganzen. Elektronische Klänge finde ich oft in hohem Maße beliebig. In diesem Fall waren die Klänge ein organischer Teil. Die Dreisprachigkeit fand ich vor dem Hören - in der Theorie -  etwas überkompliziert und aufgeblasen. In der Aufführung war die vielschichtige Anlage ganz einfach zu verstehen und sehr beeindruckend. Als ich auf dem Plakat gelesen habe "drei Schreier" dachte ich,  naja, der Wallmann ist wieder einer, der durch besondere Effekte auffallen will, weil ihm sonst nichts einfällt.  In der Aufführung waren die Schreier-Passagen beeindruckend und willkommen als Ergänzung. Das war wirklich überraschend und wieder war es plausibel und gut ... Insgesamt fand ich die Aufführung sehr, sehr gut. Das komplizierte Konzept so klar und eingängig zu machen, war einfach toll. Herzlichen (wirklich) Glückwunsch an alle!" (Jan)

Die Komposition in 7 Teilen und 17 Sätzen

Die Komposition besteht aus 7 Hauptteilen, die sich in insgesamt in 17 Sätze untergliedern. Die Klänge verlaufen nach bestimmten Mustern durch den Raum.  Im „Introitus“ (Teil 1) und in der „Sequenz“ (Teil 5) öffnen sich Hörfenster, in denen (ohne Glockenklänge sowie in hebräischer bzw. hocharabischer Sprache) die Texte aus der jüdischen und islamischen Religion gesungen werden. Ganz zu Beginn („Introitus“), in der Mitte („Tractus“) und am Ende („Sanctus“) erklingen dreisprachig die Texte von Anne Frank (Amsterdam) sowie von Karolina Lealovic (Ex-Jugoslawien). Es sind Texte von Kindern, die weise Erkenntnisse über Frieden und Krieg formulieren. Alle Texte befassen sich mit Fragen nach dem Sinn menschlichen Lebens und dem Verhältnis des Menschen zu Tod und Zukunft. Sieht man diese Texte in ihrer Summe, so könnte jedes einzelne menschliche Leben als eine Option gelten, zum „ewigen“ Kreislauf des Lebens beizutragen. Das GLOCKEN REQUIEM XXI umkreist auch in seinen musikalischen Strukturen solche und ähnliche Fragestellungen.

Teil 1: Introitus   
1. Satz    (1_1)    „solange die ganze Menschheit“ (dt./hebr./hocharab.)
Dauer/Partiturzeit: 00:00 – 05:38
2. Satz    (1_2)    „wüst war es und öde“ (mit Glocken / dt.)
Dauer/Partiturzeit: 05:38 – 13:00
- Schweigeminute –                              
3. Satz    (1_3)    „Du schenkst Leben angesichts des Todes“ (hebr. / a cappella)
Dauer/Partiturzeit: 14:00– 19:04
4. Satz    (1_4)    „Der die Sterne für euch geschaffen“ (hocharab.)
Dauer/Partiturzeit: 19:05 – 23:11

Teil 2: Kyrie           
5. Satz    (2_0)    „ach wie gar nichts“ (mit Glocken / dt.)
Dauer/Partiturzeit: 23:12 – 26:51

Teil 3: Graduale   
6. Satz    (3_0)    „erwirb Weisheit“ (mit Glocken / dt.)
Dauer/Partiturzeit: 26.52 – 33:55

Teil 4: Tractus   
7. Satz    (4_1)     „damit Du das Leben erwählst“ (dt. / Vokale)
Dauer/Partiturzeit: 33:56 – 36:40
8. Satz    (4_2)    „Nun, Mensch?“ (dt./hebr./hocharab.)
Dauer/Partiturzeit: 36:41 – 40:48
9. Satz    (4_3)    „Licht für die Ferne“ (Vokale)
Dauer/Partiturzeit: 40:49 – 43:56
10.Satz    (4_4)    „wer aber auf den Geist sät“ (mit Glocken / dt.)
Dauer/Partiturzeit: 43:57 – 50:27
11.Satz    (4_5)    „mit Freuden ernten“ (dt. / a cappella)
Dauer/Partiturzeit: 50:28 – 51:49

Teil 5: Sequenz
12.Satz    (5_1)    „und ich davon muss“ (mit Glocken / dt.)
Dauer/Partiturzeit: 51:50 – 57:54
13.Satz    (5_2)    „dann wird jede Seele wissen“ (hocharab)
Dauer/Partiturzeit: 56:55 – 1.04:05
14.Satz    (5_3)    „kannst Du die Bande des Siebengestirnszusammenbinden?“ (hebr.)
Dauer/Partiturzeit: 1.04:06 - 1.09:04

Teil 6: Offertorium
15.Satz    (6_0)    „ein neues Herz und einen neuen Geist“ (mit Glocken / ohne Gesang)
Dauer/Partiturzeit: 1.09:05 - 1.13:44

Teil 7: Sanctus
16.Satz    (7_1)    „dann werden wir sein wie die Träumenden“ (mit Glocken/dt.)
Dauer/Partiturzeit: 1.13:45 - 1.19:30
17.Satz    (7_2)    „in weitem Raum - sofern ...“ (mit Gl. / dt./hebr./hocharab /)
Dauer/Partiturzeit: 1.19:30 - 1.21:44

Die Texte des GLOCKEN REQUIEM XXI

Das Werk beginnt und endet mit dem o.g. Text von Anne Frank. Texte aus der Bibel,  dem jüdischen 18-Bittengebet und dem Koran verweisen auf kulturelle und religiöse Aspekte menschlichen Denkens und Handelns sowie auf die (z.B. in Lessings "Nathan" angemahnte) Geschwisterschaft der Kulturen und Religionen. In der Mitte des Werkes ist  (auf deutsch./hebräisch/hocharabisch.) ein berührender Text der 15-jährigen Karolina Lealovic aus Ex-Jugoslawien zu hören.

„Das menschliche Leid ist das Licht für die Ferne.
Der menschliche Haß ist die heutige Dunkelheit.
Das Leid der einen ist die Schande der anderen.
Das Leben im Krieg ist ein Leben ohne Leben.
Die Jugend im Krieg ist das Alter der Jugend.
Der Mensch im Krieg ist ein Tier.

Nun Mensch, führst etwa du, der Unmögliches erbaut hat,
Undenkliches ausgedacht hat –
gerade du dich selbst in den Tod?“

Die genaue Textzusammenstellung finden Sie dreisprachig in anliegendem Programmheft (pdf-Datei, 380 kB).

Originalfassung live mit Dresdner Glocken

Die Komposition des GLOCKEN REQUIEM XXI erweitert die 1994/95 geschaffene Komposition des GLOCKEN REQUIEM DRESDEN für 129 Kirchenglocken durch die Glocken der Frauenkirche, durch drei Chorgruppen, einen Koranrezitator, drei Schreier sowie elektronische Klänge. Auch textlich knüpft sie an Wallmanns GLOCKEN REQUIEM DRESDEN von 1995 an. Die Texte, die 1995 lediglich im Faltblatt abgedruckt wurden, sind nun vokal vertont.

Originalfassung des GLOCKEN REQUIEM XXI sieht vor, dass die Dresdner Glocken entsprechend der Partitur von 1994/95 geläutet werden. Zwischen den Requiem-Teilen mit den Glockenklängen öffnen sich Hörfenster, in denen (ohne Glockenklänge) die Komposition mit Texten aus der jüdischen und islamischen Kultur erklingt. Die drei Chorgruppen werden dazu live aus der Frauenkirche, der Synagoge und dem Islamischen Zentrum Dresden übertragen. Quadrophone elektronische Klänge werden computergesteuert zugespielt.

2005 für Dresdens 13. Februar

Anläßlich des 13. Februar 2005 - dem 60. Gedenktag der Zerstörung Dresdens - schlug der Komponist die Realisierung der Originalfassung des GLOCKEN REQUIEM XXI vor. Der Kulturpalast Dresden bot die Uraufführung der konzertanten Fassung im Großen Saal an. MDR Figaro hatte die Liveübertragung dieser Uraufführung angekündigt. Aufgrund einer Grippewelle, die den Chor erfasst hatte, musste die Uraufführung an diesem Tag jedoch leider entfallen. So kam das Werk am 11.September 2006 in Darmstadt zur Uraufführung.

Konzertante Fassung - Raumklang-Komposition

Die Komposition ist so angelegt, dass sie in unterschiedlichen Fassungen aufgeführt werden kann. So besteht neben der Originalfassung die Möglichkeit, die Komposition konzertant als Raumklang-Konzert aufzuführen (wie die Uraufführung am 11.9. 2006 in der Stadtkirche Darmstadt). In der kleinen konzertanten Uraufführung des Werkes erklingt eine der drei Chor-Gruppen (die nach ursprünglichem Konzept aus der Synagoge, der Frauenkirche und dem islamischen Zentrum Dresden übertragen werden sollten) sowie die drei Schreier live. Aus Lautsprecher-Boxen - im Raum um das Publikum verteilt - werden die beiden anderen Chorgruppen, ein Koranrezitator, die Glockenklänge sowie die elektronische Klänge, die sich computergesteuert durch den Raum bewegen, eingespielt.

Fassung als Raumklang-Installation

Das Werk kann auch als audiovisuelle Raumklang-Installation realisiert werden, wobei die Texte des Programmheftes sowie entsprechendes Bildmaterial projiziert werden können. Das Werk als Raumklang-Installation macht insofern Sinn, weil es dann über einen längeren Zeitraum wahrgenommen und reflektiert werden kann.

Gespräch mit H.Johannes Wallmann zum GLOCKEN REQUIEM XXI

Susanne Maasz (S.M.) im Gespräch mit H. Johannes Wallmann (J.W.)
S.M.: Herr Wallmann, wie ist der gedankliche Ansatz des GLOCKEN REQUIEM 2005 mit dem von vor 10 Jahren verwandt?
J.W.: Bereits 1995 zielte ich mit Texten von Kindern aus vier Ländern sowie Texten aus dem Alten Testament auf einen Ansatz, der das Gedenken am 13. Februar über die Dresdner Trauer hinausheben sollte. Dafür steht auch, dass die CD zugunsten der internationalen Kinderhilfsorganisation „terre des hommes“ erschien. Angesichts der aktuellen politischen Weltlage lag es daher nahe, diesen Gedanken zu vertiefen. Und da Dresdens Zerstörung auch als eine Folge von dem, was in Auschwitz geschah, gesehen werden muss und die großen aktuellen politischen Konflikte jene zwischen der christlich/jüdischen Welt und der islamischen Welt sind, galt es für mich hier - und damit auch bei dem zentralen Gedanken aus Lessings Ringparabel - anzusetzen. Nach diesem Gedanken Lessings können alle Kulturen / Religionen als Geschwister betrachtet werden, die sich in einem Wettbewerb um die besten Beiträge für eine zukunftstragfähige Gestaltung der Welt verstehen sollten. Zugleich leitet sich die Komposition, die durch ihre Dreisprachigkeit die Geschwisterschaft der Kulturen / Religionen unterstreicht, aus der Erweiterung der Komposition von 1994/95 her.

S.M.: Der Glocken-Komposition von 1995 stehen jetzt drei 12-stimmige Chorgruppe gegenüber, die live aus der Synagoge, der Frauenkirche und dem Islamischen Zentrum Dresden übertragen werden sollten, aufgrund der Absage der Kirchenleitungen nun aber gemeinsam im Kulturpalast erklingen. Wie ist die musikalische Form der Komposition aufgebaut?
J.W.: Ich habe wie in der Komposition von 1994/95 an 7 Haupteilen festgehalten, untergliedere sie nun aber in insgesamt 17 Sätze, von denen die Mehrzahl allerdings ohne Glockenklänge erklingt.
S.M.: Sie haben sich immer wieder mit der qualitativen Zahlenbetrachtung auseinandergesetzt; was bedeuten da die Zahlen 7 und 17?
J.W.: Die 7 wird in der Überlieferung immer wieder als die Zahl „ewigen Lebens“ angesprochen. Wobei ich unter „ewigem Leben“ verstehe, mit seinem eigenen Leben dafür einzutreten, dass der Lebenskreislauf sich dauerhaft – quasi „ewig“ – erneuern kann. Im Hinblick darauf gilt es jeden Menschen jeder Kultur als ein Glied in der Kette des Lebens zu betrachten, dessen Sinn letztlich darin besteht, eigenverantwortlich dafür einzutreten, dass diese Kette nicht reisst.
S.M.: Und die 17?
J.W.: Die 17 wird unterschiedlich interpretiert; u.a. als Summe von 12 + 5. Die 12 steht für Vollkommenheit und Makrokosmos, die 5 steht für den Mikrokosmos und gilt als Zahl der Vergänglichkeit des Menschen, aber auch als Zahl des Leids. In der 17 wirken beide Zahlen - also Makrokosmos und Mikrokosmos – zusammen. Deshalb wird die 17 auch als Zahl der Meditation und des Gebets, als Zahl der Zwiesprache  zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos gesehen.
S.M.: Die Komposition beginnt und endet dreisprachig mit dem Text von Anne Frank.
J.W.: Ich halte den Text von Anne Frank für weise und sehr weitblickend. Es berührt mich tief, dass er von einem 14-jährigen Mädchen formuliert wurde, das durch Deutsche nach Auschwitz deprotiert wurde. Der erste Einsatz der Glocken direkt auf der letzten Silbe von ihrem Text soll nicht nur an den Zusammenhang zwischen dem, was in Auschwitz geschah, und der Zerstörung Dresdens erinnern, sondern ist auch der Beginn einer Struktur, die in alle Himmelsrichtungen und damit über Dresden hinausweist.
S.M.: In diesem Satz kommt zu dem Klang der Glocken um den Ton „f“ der Sprechgesang aller drei Gruppen in deutscher Sprache. Warum in deutscher Sprache?
J.W.: Ich wollte den alttestamentarischen Text damit ganz auf das von Deutschland ausgegangene und dahin zurückgekehrte Unglück fokussieren. Ich meine, genau an diese Relation gilt es sich am 13. Februar zu erinnern.
S.M.: Ursprünglich hatten Sie daran gedacht, Worte aus den Totenritualen der drei Religionen und damit auch den jüdischen Kaddisch in die Komposition einzubeziehen. Stattdessen erklingen nun im dritten Satz Worte aus dem 18-Bitten-Gebet. Warum?
J.W.: Nachdem ich mich näher damit befasst habe, fand ich Zurückhaltung angebracht. Den jüdischen Kaddisch z.B. dürfen nur Menschen sprechen, deren Eltern bereits gestorben sind. Durch Lior Navok, einen jungen israelischen Komponisten, der mir in einer wunderbaren Zusammenarbeit wichtige Information zur Lautbehandlung der Texte gab, wurde ich darauf gestoßen. (Ich hatte großes Glück, dass er gerade zu dieser Zeit in Berlin war!) Für mich eine anrührende Erkenntnis war auch, dass in der jüdischen Religion nicht über den Tod geklagt wird, sondern stattdessen Gott gepriesen und gelobt wird. So steht der Text aus dem 18-Bitten-Gebet an dieser Stelle ganz richtig. Entsprechend habe ich mich auch darauf beschränkt, aus dem Koran Texte auszuwählen, die für das Nachdenken über den Tod und den Sinn des Lebens stehen können, aber nicht direkt mit der islamischen Totenfeier verbunden sind. Die Lautbehandlung der hocharabischen Texte beriet Beshir Hussain, ein junger Berliner Koranrezitator. Auch das war eine sehr gute Erfahrung.
S.M.: Sie bleiben trotz der Hörfenster, die in Ihrer Komposition zum Judentum und zum Islam geöffnet werden, nah am christlichen Requiem. Es tauchen in verschiedenen Sätzen wie Wasserzeichen Worte aus dem lateinischen Requiem auf.
J.W.: Ich denke, dass es sehr entscheidend ist, sich mit der eigenen Kultur und Religion auseinanderzusetzen. Allerdings kann das angesichts der Globalisierung nur dann funktionieren, wenn wir zugleich bereit sind, unsere eigene Kultur und Religion zu relativieren und sie im Zusammenhang mit anderen Kulturen und Religionen zu verstehen.
S.M.: Ist es ein Versehen, wenn im Kyrie der Bittruf nicht mit „Kyrie“ sondern immer wieder mit „Christe“ beginnt?
J.W.: Manchmal ist es richtig, die Betonungen ein wenig zu verschieben. Es gingen mir an dieser Stelle Überlegungen durch den Kopf, wie Joseph Beuys sie einmal aufschlussreich über die in jedem Menschen vorhandene Christus-Substanz formulierte. Solche Denkhinweise halte ich auch deshalb für angebracht, weil die Amtskirche moderne theologische Überlegungen ziemlich weitgehend ausgrenzt (was m.E. einer Katastrophe gleichkommt).
S.M.: Im Zentrum der Komposition steht der Tractus, in dem es neben dem Text von Karolina aus Ex-Jugoslawien auch um eine Hinterfragung dessen geht, was als „Geist“ und als „ewiges Leben“ gelten kann.
J.W.: Der Text von Karolina ist für mich genauso erstaunlich wie der von Anne Frank. Er thematisiert, dass der Mensch trotz seiner hohen technologischen und wissenschaftlichen Erungenschaften im Begriff ist, sich selbst in den Tod zu führen. Offenbar ist dem Menschen der Zugang zu entscheidenden Informationen versperrt. Und das betrifft nicht nur die o.g. Kette, sondern auch ein Verständnis von „Geist“ als weit über das Rationale hinausgehende Intelligenz. Jene höchste Intelligenz, aus der heraus sich Kosmos und Natur organisieren, ist hochaktuell und teilt – sowohl positiv als auch negativ - ihre Informationen auf unterschiedlichste Weise mit. Bei Ignoranz und schweren Fehlern sogar mittels großer Katastrophen. Es ist immer nur die Frage, ob und inwieweit wir Menschen bereit sind, uns dieser höchsten Intelligenz zu öffnen und damit an ihr teilzuhaben. Wenn das gelänge, so wäre auch Karolinas Frage nicht umsonst gestellt.
S.M.: Wie ist es zu deuten, wenn im 15. Satz (Tractus) das erste Mal eine Umkehrung jener Zwölftonreihe auftaucht, die im Offertorium durch Glocken erklingt? Vielleicht als Bestandteil jener Zwiesprache, von der anfangs die Rede war?
J.W.: Ja, so ähnlich. Diese Zwölftonreihe taucht – nun geteilt in zwei 6-tönige Akkorde – übrigens auch in Satz 14 auf. Die Antwort (hier in dem mehrere tausend Jahre alten hebräischen Text), die Hiob auf sein Hadern erfährt, erklingt aus diesen Akkorden.
S.M.: Vorher aber ist die Sequenz zu hören. Immer höher steigende Glockenklänge und dazu wird von Chor 2 ein Motiv gesungen, fast ein Zitat aus dem Brahms-Requiem.
J.W.: Die Glockenklänge in der Sequenz steigen höher und höher, bis keine höheren Glocken mehr vorhanden sind und enden dann mit den 22-Uhr-Schlägen. „Herr, lehre doch mich“ wird 2x (in der Stimmenzahl jeweils verdoppelt) wiederholt und endet nach dem dritten Mal ebenfalls genau bei den Uhrzeit-Schlägen. Das Motivzitat aus dem Brahms-Requiem ist im übrigen verbunden mit einem Motivzitat aus dem Bachchoral „Es ist genug“, den wiederum Alban Berg in sein Violin-Konzert einbezog.
S.M.: Mir scheint, dass in der Sequenz sich alles zuspitzt. So antwortet nach dem „Dies irae“ der Koranrezitator mit dem sehr eindrücklichen Koranversen „Wenn die Sonne zusammengefaltet ... dann wird jede Seele wissen, was sie getan“.
J.W.: Ja, es ist richtig, in der Sequenz spitzt sich einiges zu. Nicht nur, dass jedem von uns die Zeit schlägt, sondern eben auch – hier mittels des Koranverses – in der Frage nach dem, was jeder als Glied der eingangs erwähnten Kette mit seinem eigenen Leben beigetragen hat zum „ewigen“ Kreislauf des Lebens.
S.M.: Auf die Koranrezitation setzt ziemlich unmittelbar die erste Schrei-Meditation ein.
J.W.: Es bedurfte für die Verknüpfung der Gedanken einer besonderen Lösung. Als ich danach suchte, fiel mir ein Konzerterlebnis ein, dass ich vor ca. 5 Jahren hatte, bei dem der junge Komponist Peter Köszeghy Schreier einsetzte. Das war für mich damals absolut überzeugend und ich meinte, dass es genau hier der richtige Punkt sei, sich darauf zu besinnen. Und so habe ich mit Peter Köszeghy Kontakt aufgenommen, ob und wie das zu realisieren sei.
S.M.: Peter Köszeghy sagt, dass das Schreien zu einer tibetanischen Meditationstechnik gehört, über die recht wenig bekannt ist.
J.W.: Ja, ich habe selbst auch versucht, Näheres zu erfahren, was allerdings nicht gelang, dafür aber einen ganz eigenen Zugang entdeckt. So sind nun ganz unterschiedliche Motivationen für die drei Schrei-Meditationen formuliert, die u.a. die Unterscheidung zwischen menschengemachtem und naturverursachtem Leid betreffen. (Auf letzteres erfolgt übrigens die 2x 6-tönige Antwort aus dem Hiobtext.) Das wiederum bedeutet, dass es Vorgänge in Kosmos und Natur gibt, die wir als solche einfach hinzunehmen und uns ihnen zu unterwerfen haben, auch wenn sie Leid mit sich bringen. (Wir können allerdings einiges tun, dieses Leid zu mindern.) Ganz anders dagegen das durch den Menschen verursachte Leid. Es ist im Prinzip steuer- und verhinderbar, wenn wir dafür die entsprechende Intelligenz und seelische Ausgewogenheit entwickeln.
S.M.: Nach der ersten Schrei-Meditation erklingt choralähnlich „Seelig sind, die das Leid tragen“. Auch dieser Text kommt im Brahms-Requiem vor.
J.W.: Aber auf eine ganz andere Weise, nicht nur klanglich. Brahms legt die Betonung auf „Leid“, hier wird die Betonung auf „tragen“ gelegt. Und so wird „da“ zum „das“. Ein wesentlicher Unterschied. Denn es kommt für unser aller Zukunft darauf an, das Leid und die Probleme der Welt auf sich zu nehmen, erst recht im Hinblick auf mögliche Lösungen und Linderungen. Im Prinzip hat jeder Mensch dafür eine ganz natürliche Fähigkeit, wie die spontane Solidarität bei der Flutkatastrophe gezeigt hat. Treten allerdings Machtinteressen, Ichsucht oder Ignoranz  dazwischen, wird diese Fähigkeit blockiert.
S.M.: Obwohl der 15. Satz nur mit Glocken und ohne Worte erklingt, hat er eine bedeutungsvolle Überschrift.
J.W.: Die Zusage dieser Überschrift wird von den 12 Tönen, also von dem makrokosmischen Prinzip, getragen.
S.M.: Im direkt anschließenden Sanctus, der – wie Sie 1995 formulierten – als eine Feier ewigen Lebens, als ein Lobgesang von Chaos und Kosmos zu hören ist, wird diese Zusage nun expressis verbis durch Chor 1 und Chor 2 gesungen, die ja ursprünglich beide aus nicht christlichen Sakralräumen erklingen sollten.
J.W.: Wie im 2. Satz, so sind auch im vorletzten Satz die Chöre 1 und 3 zu Glockenklängen und in deutscher Sprache zu hören. U.a. eben mit der Zusage aus dem Offertorium. Wenn Sie so wollen: Die höchste Intelligenz spricht zu uns auch durch Menschen aus anderen Religionen / Kulturen. Zum Schluss wird es jedoch wieder dreisprachig und wir kehren auch musikalisch ganz zum Anfang zurück. Der Satz von Anne Frank erfährt dabei selbst eine Metamorphose. Und indem er nun auf den Qumran-Text „... und weiss, dass eine Hoffnung ist für den Menschen“ mit „sofern die ganze Menschheit eine Metamorphose durchläuft“ antwortet, kehrt auch der Klang wieder ganz zum Hier und Jetzt unserer Realitäten zurück. Denn es gilt von da aus die Metamorphose in Gang zu setzen.

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