glocken requiem XXI
raumklang-komposition für drei voneinander weit entfernte chorgruppen, 137 dresdner kirchenglocken, elektronische klänge, drei schreier und einen koranrezitator, texte auf deutsch/hebräisch/hocharabisch
"Solange die ganze Menschheit,
ohne Ausnahme,
keine
Metamorphose durchläuft,
wird Krieg wüten und alles,
was gebaut,
gepflegt und gewachsen ist,
wieder abgeschnitten und vernichtet..."
Mit diesem Gedanken, den die 15-jährige Anne Frank 1944
kurz vor ihrer Deportation nach Auschwitz formulierte,
beginnt und endet auf deutsch/hebräisch/hocharabisch
das GLOCKEN REQUIEM XXI von H. Johannes Wallmann.
Uraufführung
am 11. September 2006 in Darmstadt
Interpreten: Konzertchor Darmstadt
Leitung: Wolfgang Seeliger
Veranstalter: Konzertchor Darmstadt
mit freundlicher Unterstützung der Stadt Darmstadt und des Landes Hessen
Widmung
Dem Frieden und der zukunftstragfähigen Gestaltung der Welt.
Im Gedenken an die Dresdner Bombennacht vom 13. Februar 1945.
Im Gedenken an den Holocaust und die Toten des 2. Weltkrieges.
Im Gedenken , dass noch immer Menschen durch Kanonen und Bomben getötet
werden.
Im Gedenken an den 11. September 2001.
Kindern als Trägern der Zukunft gewidmet.
Projektidee
Auch wenn Glocken keine Erfindung der europäischen und christlichen Kultur sind, so haben sie diese seit Jahrhunderten akustisch geprägt.
Ursprünglich sollten Glockenklänge Unheil abwehren und Glück bringen.
Dieser Aspekt ist neben theologischen Implikationen wichtig für das GLOCKEN REQUIEM. Denn immer wieder wurden Glocken als Materialreserve verwendet und zu Kanonen oder Bomben umgegossen. So auch im 2. Weltkrieg, als die meisten Dresdner Glocken (wie die vieler anderer Städte) auf den Hamburger Glockenfriedhof verbracht wurden.
Frieden bedeutet heute: Verständigung zwischen den Kulturen und Religionen. Denn angesichts ihrer (im Hinblick auf die Globalisierung) gemeinsamen Verantwortung sind sie heute mehr denn je gefordert, weit über sich selbst hinauszusehen, und dabei weder ihre jeweils spezifischen Traditionen noch ihre gegenseitige Verwandtschaft zu verleugnen.
Hinsichtlich dieser Überlegungen entwickelte der Komponist – auf Grundlage seines GLOCKEN REQUIEM DRESDEN von 1995 - das GLOCKEN REQUIEM XXI. Die Komposition beginnt und endet in hebräisch, deutsch und hocharabisch mit dem eingangs zitierten Text, den die 15-jährige Anne Frank 1944 vor ihrer Deportation nach Auschwitz formulierte.Nicht nur angesichts der beiden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts, sondern auch angesichts der gegenwärtigen Kriege oder der sich ausbreitenden Terrorwelle ist dieser Gedanke von Anne Frank hochaktuell. Gedenktage – wie der 13. Februar (Dresden 1945) oder der 11. September (New York 2001 / Darmstadt 1944) – sollten uns Anlass sein, uns an diesen Gedanken zu erinnern.
Uraufführung am 11. September - Fokus auf Lessings Ringparabel
Das GLOCKEN REQUIEM XXI kam anlässlich des 11.Septembers 2006 - dem 5. Jahrestag der Zerstörung des World Trade Centers und dem 62. Jahrestag der Zerstörung der Stadt Darmstadt – in seiner konzertanten Fassung als Raumklang-Komposition zur Uraufführung. Die Texte des Werkes, das auf Lessings Ringparabel und die gemeinsame Zukunftsverantwortung der Kulturen zielt, entstammen der christlichen, jüdischen und islamischen Kultur/Religion und erklingen auf deutsch, hebräisch bzw. hocharabisch. So erhalten im GLOCKEN REQUIEM XXI die Kulturen als „Geschwister“ der christlichen Kultur eine Stimme. Angesichts der aktuellen politischen Weltlage knüpft der Komponist mithin bewusst an Lessings Ringparabel an. Denn nach ihr können Judentum, Christentum und Islam (stellvertretend für alle Kulturen/Religionen) als Geschwister gesehen werden, die sich in einem friedlichen Wettbewerb um die besten Beiträge für eine zukunftstragfähige Gestaltung der Welt verstehen sollten.
Die Komposition in 7 Teilen und 17 Sätzen
Die Komposition besteht aus 7 Hauptteilen, die sich in insgesamt in 17 Sätze untergliedern. Die Klänge verlaufen nach bestimmten Mustern durch den Raum. Im „Introitus“ (Teil 1) und in der „Sequenz“ (Teil 5) öffnen sich Hörfenster, in denen (ohne Glockenklänge sowie in hebräischer bzw. hocharabischer Sprache) die Texte aus der jüdischen und islamischen Religion gesungen werden. Ganz zu Beginn („Introitus“), in der Mitte („Tractus“) und am Ende („Sanctus“) erklingen dreisprachig die Texte von Anne Frank (Amsterdam) sowie von Karolina Lealovic (Ex-Jugoslawien). Es sind Texte von Kindern, die weise Erkenntnisse über Frieden und Krieg formulieren. Alle Texte befassen sich mit Fragen nach dem Sinn menschlichen Lebens und dem Verhältnis des Menschen zu Tod und Zukunft. Sieht man diese Texte in ihrer Summe, so könnte jedes einzelne menschliche Leben als eine Option gelten, zum „ewigen“ Kreislauf des Lebens beizutragen. Das GLOCKEN REQUIEM XXI umkreist auch in seinen musikalischen Strukturen solche und ähnliche Fragestellungen.
Teil 1: Introitus
1. Satz (1_1) „solange die ganze Menschheit“ (dt./hebr./hocharab.)
Dauer/Partituzeit: 00:00 – 05:38
2. Satz (1_2) „wüst war es und öde“ (mit Glocken / dt.)
Dauer/Partituzeit: 05:38 – 13:00
- Schweigeminute –
3. Satz (1_3) „Du schenkst Leben angesichts des Todes“ (hebr. / a cappella)
Dauer/Partituzeit: 14:00– 19:04
4. Satz (1_4) „Der die Sterne für euch geschaffen“ (hocharab.)
Dauer/Partituzeit: 19:05 – 23:11
Teil 2: Kyrie
5. Satz (2_0) „ach wie gar nichts“ (mit Glocken / dt.)
Dauer/Partituzeit: 23:12 – 26:51
Teil 3: Graduale
6. Satz (3_0) „erwirb Weisheit“ (mit Glocken / dt.)
Dauer/Partituzeit: 26.52 – 33:55
Teil 4: Tractus
7. Satz (4_1) „damit Du das Leben erwählst“ (dt. / Vokale)
Dauer/Partituzeit: 33:56 – 36:40
8. Satz (4_2) „Nun, Mensch?“ (dt./hebr./hocharab.)
Dauer/Partituzeit: 36:41 – 40:48
9. Satz (4_3) „Licht für die Ferne“ (Vokale)
Dauer/Partituzeit: 40:49 – 43:56
10.Satz (4_4) „wer aber auf den Geist sät“ (mit Glocken / dt.)
Dauer/Partituzeit: 43:57 – 50:27
11.Satz (4_5) „mit Freuden ernten“ (dt. / a cappella)
Dauer/Partituzeit: 50:28 – 51:49
Teil 5: Sequenz
12.Satz (5_1) „und ich davon muss“ (mit Glocken / dt.)
Dauer/Partituzeit: 51:50 – 57:54
13.Satz (5_2) „dann wird jede Seele wissen“ (hocharab)
Dauer/Partituzeit: 56:55 – 1.04:05
14.Satz (5_3) „kannst Du die Bande des Siebengestirnszusammenbinden?“ (hebr.)
Dauer/Partituzeit: 1.04:06 - 1.09:04
Teil 6: Offertorium
15.Satz (6_0) „ein neues Herz und einen neuen Geist“ (mit Glocken / ohne Gesang)
Dauer/Partituzeit: 1.09:05 - 1.13:44
Teil 7: Sanctus
16.Satz (7_1) „dann werden wir sein wie die Träumenden“ (mit Glocken/dt.)
Dauer/Partituzeit: 1.13:45 - 1.19:30
17.Satz (7_2) „in weitem Raum - sofern ...“ (mit Gl. / dt./hebr./hocharab /)
Dauer/Partituzeit: 1.19:30 - 1.21:44
Die Texte des GLOCKEN REQUIEM XXI
Das Werk beginnt und endet mit dem o.g. Text von Anne Frank. Texte aus der Bibel, dem jüdischen 18-Bittengebet und dem Koran verweisen auf kulturelle und religiöse Aspekte menschlichen Denkens und Handelns sowie auf die (z.B. in Lessings "Nathan" angemahnte) Geschwisterschaft der Kulturen und Religionen. In der Mitte des Werkes ist (auf deutsch./hebräisch/hocharabisch.) ein berührender Text der 15-jährigen Karolina Lealovic aus Ex-Jugoslawien zu hören.
„Das menschliche Leid ist das Licht für die Ferne.
Der menschliche Haß ist die heutige Dunkelheit.
Das Leid der einen ist die Schande der anderen.
Das Leben im Krieg ist ein Leben ohne Leben.
Die Jugend im Krieg ist das Alter der Jugend.
Der Mensch im Krieg ist ein Tier.
Nun Mensch, führst etwa du, der Unmögliches erbaut hat,
Undenkliches ausgedacht hat –
gerade du dich selbst in den Tod?“
Die genaue Textzusammenstellung finden Sie dreisprachig in anliegendem Programmheft (pdf-Datei, 380 kB).
Originalfassung live mit Dresdner Glocken
Die Komposition des GLOCKEN REQUIEM XXI erweitert die 1994/95 geschaffene Komposition des GLOCKEN REQUIEM DRESDEN für 129 Kirchenglocken durch die Glocken der Frauenkirche, durch drei Chorgruppen, einen Koranrezitator, drei Schreier sowie elektronische Klänge. Auch textlich knüpft sie an Wallmanns GLOCKEN REQUIEM DRESDEN von 1995 an.
Originalfassung live aus der Frauenkirche, der Synagoge und dem Islamischen Zentrum Dresden
In der Originalfassung des GLOCKEN REQUIEM XXI werden die Dresdner Glocken nach der Partitur von 1994/95 geläutet. Die drei Chorgruppen sowie (in einem der 17 Sätze) die drei Schreier werden dazu live aus der Frauenkirche, der Synagoge und dem Islamischen Zentrum Dresden übertragen. Quadrophone elektronische Klänge, die nach bestimmten räumlichen Grundmustern im Raum verlaufen, bilden die klangliche Basis und werden computergesteuert zugespielt. Zwischen den Requiem-Teilen mit den Glockenklängen öffnen sich Hörfenster, in denen die Komposition mit Texten aus der jüdischen und islamischen Kultur erklingt. In diesem Zusammenhang ist auch ein Koranrezitator zu hören.
Konzertante Fassung - Raumklang-Komposition
Die Komposition ist so angelegt, dass sie in unterschiedlichen Fassungen aufgeführt werden kann. So besteht neben der Originalfassung die Möglichkeit, die Komposition konzertant als Raumklang-Konzert aufzuführen (wie die Uraufführung am 11.9.06 in der Stadtkirche Darmstadt). In der konzertanten Uraufführung des Werkes erklang eine der drei Chor-Gruppen (die nach ursprünglichem Konzept aus der Synagoge, der Frauenkirche und dem islamischen Zentrum Dresden übertragen werden sollten) sowie die drei Schreier live. Aus Lautsprecher-Boxen - im Raum um das Publikum verteilt - waren die beiden anderen Chorgruppen, ein Koranrezitator, die Glockenklänge sowie die elektronische Klänge, die sich computergesteuert durch den Raum bewegen, zu hören.
2005 für Dresdens 13. Februar
Anläßlich des 13. Februar 2005 - dem 60. Gedenktag der Zerstörung Dresdens - schlug der Komponist die Realisierung der Originalfassung des GLOCKEN REQUIEM XXI vor; dieser Vorschlag wurde jedoch von Sachsens Kirchenleitungen abgelehnt. Der Kulturpalast Dresden bot daher "Asyl" an, um die Uraufführung der Konzertanten Fassung des Werkes zu ermöglichen. MDR Figaro hatte die Liveübertragung dieser Uraufführung angekündigt. Aufgrund einer Grippewelle, die den Chor erfasst hatte, musste die Uraufführung an diesem Tag jedoch leider entfallen.
Rundfunksendungen des Werkes
HR2Sonnabend ,12. Januar 2008, 23-24 Uhr: H. Johannes Wallmann: Glocken-Requiem XXI, Sätze 1-9 .Eine Sendung von Dr. Michael Rebhahn.
NDR-Kultur
Sonnabend, 24.November 2007, 20-24 Uhr: „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms mit Faustus-Mephisto-Disputen neu gehört in Perspektiven zum „Glocken Requiem XXI“ von H. Johannes Wallmann. Readaktion: Hans-Heinrich Raab. Faustus-Mephisto-Dispute: H. Johannes Wallmann. Sendung fast des gesamten „Glocken Requiem XXI.
10.September 2007, 22 Uhr: H. Johannes Wallmann GLOCKEN REQUIEM XXI (Ausschnitte). Eine Sendung von Dr. Sabine Vorwerk.
WDR 3: 23. Mai 2007, 23:05 Uhr: Die Moderne als Zukunftsvision. Der Komponist Johannes Wallmann, ein Komponistenporträt. U.a. mit Ausschnitte aus dwem GLOCKEN REQUIEM XXI
Radio Suisse Romande Espace 2
15.4. 2007: Ursendung von 5 Sätzen aus GLOCKEN REQUIEM XXI von H. Johannes Wallmann. Eine Sendung von Jean-Pierre Amann.
Presse zur Uraufführung
Darmstädter Echo, 13.09.2006: „Geläut wird zu Gesang. „Solange die ganze Menschheit keine Metamorphose durchläuft, wird Krieg wüten“, schreibt Anne Frank in ihrem Tagebuch. Mit diesen Worten – sie werden in deutsch , hebräisch und hocharabisch gesungen – beginnt das „Glocken-Requiem XXI“ des in Berlin lebenden Komponisten H. Johannes Wallmann. ... Das 80 Minuten dauernde Requiem ist ein tief beeindruckendes und die Zuhörer bewegendes Werk, denn die Zeit des Zweiten Weltkriegs mitsamt Auschwitz bis hin zu den Terroranschlägen und den Konflikten unserer Tage wird hier zum Raum, zum Klangraum ... Faszinierend in diesem Werk ist vor allem die Einarbeitung der Glockenklänge, die in Elektronik (basierend auf Glocken- und Stimmgabel-Tönen) übergehen und sich in Gesang verwandeln, sich diesem angleichen, so dass die Klänge im Raum rotieren.“
Hörerstimmen zur Uraufführung
"Selten haben wir ein Konzert erlebt, wo durchgängig eine solche "Hochspannung" im Raum war. Man hätte - vor allem auch in den kurzen Pausen - eine Stecknadel zu Boden fallen hören können - und das bei einem so anspruchsvollen zeitgenössischen Stück von 80 min Länge! Es war meisterhaft, wie hier alle beteiligten Solisten, der Dirigent und die Technik (inkl. der behutsamen Anleitung durch den Komponisten) zusammenwirkten, um diesem Werk die größtmögliche Ausstrahlungskraft zu verleihen. Wie Wolfgang Seeliger auch unter "dem Diktat der Funkuhr" eine solche Dynamik bei der Interpretation entwickelte, war sehr hörens-, aber auch sehenswert. Dass bei diesen schwierigen - zum großen Teil 12- stimmigen Sätzen - das Solistenensemble eine ausgezeichnete Leistung ablieferte, muss hier unbedingt erwähnt werden. ... Die allermeisten Konzertbesucher waren - so unser Eindruck - tief ergriffen und sehr bewegt von diesem außergewöhnlichen Klangerlebnis. Das Publikum trug dem mit einem lang anhaltenden Schlussapplaus auch gebührend Rechnung. Darmstadt hat seinem Ruf als Hochburg der Neuen Musik in Deutschland mit dieser Uraufführung ein weiteres beachtenswertes Kapitel hinzugefügt. Wir wünschen dem Werk noch viele so eindrucksvolle Aufführungen, möglichst auch im internationalen Maßstab." Sylvia + Martin S"... Mich hat das Werk unheimlich bewegt, vor allem, weil es durch die, mich "archaisch" anmutenden Glocken, vermischt mit den Stimmen verschiedenster Art und verschiedenster religiöser Herkunft, einen zeitlich begrenzten Raum gab, in dem alle in mir gespeicherten Bilder betrachtet sein konnten. ... All dieses unsagbare Grauen, das Menschen Menschen, aber auch ihrer Umwelt zuzufügen in der Lage sind, durfte langsam visuelle, aber auch akustische Gestalt annehmen. Es war zutiefst bewegend für mich, Vieles davon hervorholen zu können, um gleichzeitig so etwas wie Erlösung erahnen zu dürfen. Da es mich emotional unendlich mitnahm, war ich danach nicht mehr in der Lage, mich so schnell wieder ins normale Leben zurückzufinden und bin sofort heimgefahren ... Ich habe bewundert, wie hochprofessionell, konzentriert, intonationssauber (...), aber auch beeindruckt die Ausführenden selbst auf mich gewirkt haben. Faszinierend für mich war außerdem die Koordination bezüglich der eingespielten Chöre, der sehr bewegenden Stimme des Koranrezitators und natürlich auch die Schreier, die noch Tieferes an Emotionen aus mir herauszuholen vermochten. Dies lag an dieser Stelle aber auch an der bis aufs Äußerste verdichteten Komposition. Ein großes Lob auch an Wolfgang Seeliger, der mit seiner Präsenz, Ruhe und höchster Professionalität dies alles musikalisch zu gestalten vermochte. Allen große Anerkennung und Wertschätzung in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich! Meinen herzlichen Dank auf diesem Wege auch an Herrn Wallmann! Mögen noch viele Menschen von diesem Werk angerührt und bewegt werden." Elisabeth H., Musikerzieherin
"Das Werk war beeindruckend. Viele Passagen fand ich unmittelbar eingängig. Der Live-Chor klang warm, engagiert. Es hat Spaß gemacht, das zu hören. ... Die elektronischen Klänge waren ein sinnvoller Teil des Ganzen. Elektronische Klänge finde ich in hohem Maße beliebig. In diesem Fall waren die Klänge ein organischer Teil. Die Dreisprachigkeit fand ich vor dem Hören - in der Theorie - etwas überkompliziert und aufgeblasen. In der Aufführung war die vielschichtige Anlage ganz einfach zu verstehen und sehr beeindruckend. Als ich auf dem Plakat gelesen habe "drei Schreier" dachte ich, naja, der Wallmann ist wieder einer, der durch besondere Effekte auffallen will, weil ihm sonst nichts einfällt. In der Aufführung waren die Schreier-Passagen beeindruckend und willkommen als Ergänzung. Das war wirklich überraschend und wieder war es plausibel und gut ... Insgesamt fand ich die Aufführung sehr, sehr gut. Das komplizierte Konzept so klar und eingängig zu machen, war einfach toll. Herzlichen (wirklich) Glückwunsch an alle!" Jan
Gespräch mit H.Johannes Wallmann zum GLOCKEN REQUIEM XXI
Susanne Maasz (S.M.) im Gespräch mit H. Johannes Wallmann (J.W.)
S.M.: Herr Wallmann, wie ist der gedankliche Ansatz des GLOCKEN REQUIEM 2005 mit dem von vor 10 Jahren verwandt?
J.W.:
Bereits 1995 zielte ich mit Texten von Kindern aus vier Ländern sowie
Texten aus dem Alten Testament auf einen Ansatz, der das Gedenken am
13. Februar über die Dresdner Trauer hinausheben sollte. Dafür steht
auch, dass die CD zugunsten der internationalen Kinderhilfsorganisation
„terre des hommes“ erschien. Angesichts der aktuellen politischen
Weltlage lag es daher nahe, diesen Gedanken zu vertiefen. Und da
Dresdens Zerstörung auch als eine Folge von dem, was in Auschwitz
geschah, gesehen werden muss und die großen aktuellen politischen
Konflikte jene zwischen der christlich/jüdischen Welt und der
islamischen Welt sind, galt es für mich hier - und damit auch bei dem
zentralen Gedanken aus Lessings Ringparabel - anzusetzen. Nach diesem
Gedanken Lessings können alle Kulturen / Religionen als Geschwister
betrachtet werden, die sich in einem Wettbewerb um die besten Beiträge
für eine zukunftstragfähige Gestaltung der Welt verstehen sollten.
Zugleich leitet sich die Komposition, die durch ihre Dreisprachigkeit
die Geschwisterschaft der Kulturen / Religionen unterstreicht, aus der
Erweiterung der Komposition von 1994/95 her.
S.M.: Der
Glocken-Komposition von 1995 stehen jetzt drei 12-stimmige Chorgruppe
gegenüber, die live aus der Synagoge, der Frauenkirche und dem
Islamischen Zentrum Dresden übertragen werden sollten, aufgrund der
Absage der Kirchenleitungen nun aber gemeinsam im Kulturpalast
erklingen. Wie ist die musikalische Form der Komposition aufgebaut?
J.W.:
Ich habe wie in der Komposition von 1994/95 an 7 Haupteilen
festgehalten, untergliedere sie nun aber in insgesamt 17 Sätze, von
denen die Mehrzahl allerdings ohne Glockenklänge erklingt.
S.M.: Sie
haben sich immer wieder mit der qualitativen Zahlenbetrachtung
auseinandergesetzt; was bedeuten da die Zahlen 7 und 17?
J.W.: Die 7
wird in der Überlieferung immer wieder als die Zahl „ewigen Lebens“
angesprochen. Wobei ich unter „ewigem Leben“ verstehe, mit seinem
eigenen Leben dafür einzutreten, dass der Lebenskreislauf sich
dauerhaft – quasi „ewig“ – erneuern kann. Im Hinblick darauf gilt es
jeden Menschen jeder Kultur als ein Glied in der Kette des Lebens zu
betrachten, dessen Sinn letztlich darin besteht, eigenverantwortlich
dafür einzutreten, dass diese Kette nicht reisst.
S.M.: Und die 17?
J.W.:
Die 17 wird unterschiedlich interpretiert; u.a. als Summe von 12 + 5.
Die 12 steht für Vollkommenheit und Makrokosmos, die 5 steht für den
Mikrokosmos und gilt als Zahl der Vergänglichkeit des Menschen, aber
auch als Zahl des Leids. In der 17 wirken beide Zahlen - also
Makrokosmos und Mikrokosmos – zusammen. Deshalb wird die 17 auch als
Zahl der Meditation und des Gebets, als Zahl der Zwiesprache zwischen
Mikrokosmos und Makrokosmos gesehen.
S.M.: Die Komposition beginnt und endet dreisprachig mit dem Text von Anne Frank.
J.W.:
Ich halte den Text von Anne Frank für weise und sehr weitblickend. Es
berührt mich tief, dass er von einem 14-jährigen Mädchen formuliert
wurde, das in Auschwitz durch Deutsche umkam. Der erste Einsatz der
Glocken direkt auf der letzten Silbe von ihrem Text soll nicht nur an
den Zusammenhang zwischen dem, was in Auschwitz geschah, und der
Zerstörung Dresdens erinnern, sondern ist auch der Beginn einer
Struktur, die in alle Himmelsrichtungen und damit über Dresden
hinausweist.
S.M.: In diesem Satz kommt zu dem Klang der Glocken
um den Ton „f“ der Sprechgesang aller drei Gruppen in deutscher
Sprache. Warum in deutscher Sprache?
J.W.: Ich wollte den
alttestamentarischen Text damit ganz auf das von Deutschland
ausgegangene und dahin zurückgekehrte Unglück fokussieren. Ich meine,
genau an diese Relation gilt es sich am 13. Februar zu erinnern.
S.M.:
Ursprünglich hatten Sie daran gedacht, Worte aus den Totenritualen der
drei Religionen und damit auch den jüdischen Kaddisch in die
Komposition einzubeziehen. Stattdessen erklingen nun im dritten Satz
Worte aus dem 18-Bitten-Gebet. Warum?
J.W.: Nachdem ich mich näher
damit befasst habe, fand ich Zurückhaltung angebracht. Den jüdischen
Kaddisch z.B. dürfen nur Menschen sprechen, deren Eltern bereits
gestorben sind. Durch Lior Navok, einen jungen israelischen
Komponisten, der mir in einer wunderbaren Zusammenarbeit wichtige
Information zur Lautbehandlung der Texte gab, wurde ich darauf
gestoßen. (Ich hatte großes Glück, dass er gerade zu dieser Zeit in
Berlin war!) Für mich eine anrührende Erkenntnis war auch, dass in der
jüdischen Religion nicht über den Tod geklagt wird, sondern stattdessen
Gott gepriesen und gelobt wird. So steht der Text aus dem
18-Bitten-Gebet an dieser Stelle ganz richtig. Entsprechend habe ich
mich auch darauf beschränkt, aus dem Koran Texte auszuwählen, die für
das Nachdenken über den Tod und den Sinn des Lebens stehen können, aber
nicht direkt mit der islamischen Totenfeier verbunden sind. Die
Lautbehandlung der hocharabischen Texte beriet Beshir Hussain, ein
junger Berliner Koranrezitator. Auch das war eine sehr gute Erfahrung.
S.M.:
Sie bleiben trotz der Hörfenster, die in Ihrer Komposition zum Judentum
und zum Islam geöffnet werden, nah am christlichen Requiem. Es tauchen
in verschiedenen Sätzen wie Wasserzeichen Worte aus dem lateinischen
Requiem auf.
J.W.: Ich denke, dass es sehr entscheidend ist, sich
mit der eigenen Kultur und Religion auseinanderzusetzen. Allerdings
kann das angesichts der Globalisierung nur dann funktionieren, wenn wir
zugleich bereit sind, unsere eigene Kultur und Religion zu relativieren
und sie im Zusammenhang mit anderen Kulturen und Religionen zu
verstehen.
S.M.: Ist es ein Versehen, wenn im Kyrie der Bittruf nicht mit „Kyrie“ sondern immer wieder mit „Christe“ beginnt?
J.W.:
Manchmal ist es richtig, die Betonungen ein wenig zu verschieben. Es
gingen mir an dieser Stelle Überlegungen durch den Kopf, wie Joseph
Beuys sie einmal aufschlussreich über die in jedem Menschen vorhandene
Christus-Substanz formulierte. Solche Denkhinweise halte ich auch
deshalb für angebracht, weil die Amtskirche moderne theologische
Überlegungen ziemlich weitgehend ausgrenzt (was m.E. einer Katastrophe
gleichkommt).
S.M.: Im Zentrum der Komposition steht der Tractus,
in dem es neben dem Text von Karolina aus Ex-Jugoslawien auch um eine
Hinterfragung dessen geht, was als „Geist“ und als „ewiges Leben“
gelten kann.
J.W.: Der Text von Karolina ist für mich genauso
erstaunlich wie der von Anne Frank. Er thematisiert, dass der Mensch
trotz seiner hohen technologischen und wissenschaftlichen
Erungenschaften im Begriff ist, sich selbst in den Tod zu führen.
Offenbar ist dem Menschen der Zugang zu entscheidenden Informationen
versperrt. Und das betrifft nicht nur die o.g. Kette, sondern auch ein
Verständnis von „Geist“ als weit über das Rationale hinausgehende
Intelligenz. Jene höchste Intelligenz, aus der heraus sich Kosmos und
Natur organisieren, ist hochaktuell und teilt – sowohl positiv als auch
negativ - ihre Informationen auf unterschiedlichste Weise mit. Bei
Ignoranz und schweren Fehlern sogar mittels großer Katastrophen. Es ist
immer nur die Frage, ob und inwieweit wir Menschen bereit sind, uns
dieser höchsten Intelligenz zu öffnen und damit an ihr teilzuhaben.
Wenn das gelänge, so wäre auch Karolinas Frage nicht umsonst gestellt.
S.M.:
Wie ist es zu deuten, wenn im 15. Satz (Tractus) das erste Mal eine
Umkehrung jener Zwölftonreihe auftaucht, die im Offertorium durch
Glocken erklingt? Vielleicht als Bestandteil jener Zwiesprache, von der
anfangs die Rede war?
J.W.: Ja, so ähnlich. Diese Zwölftonreihe
taucht – nun geteilt in zwei 6-tönige Akkorde – übrigens auch in Satz
14 auf. Die Antwort (hier in dem mehrere tausend Jahre alten
hebräischen Text), die Hiob auf sein Hadern erfährt, erklingt aus
diesen Akkorden.
S.M.: Vorher aber ist die Sequenz zu hören. Immer
höher steigende Glockenklänge und dazu wird von Chor 2 ein Motiv
gesungen, fast ein Zitat aus dem Brahms-Requiem.
J.W.: Die
Glockenklänge in der Sequenz steigen höher und höher, bis keine höheren
Glocken mehr vorhanden sind und enden dann mit den 22-Uhr-Schlägen.
„Herr, lehre doch mich“ wird 2x (in der Stimmenzahl jeweils verdoppelt)
wiederholt und endet nach dem dritten Mal ebenfalls genau bei den
Uhrzeit-Schlägen. Das Motivzitat aus dem Brahms-Requiem ist im übrigen
verbunden mit einem Motivzitat aus dem Bachchoral „Es ist genug“, den
wiederum Alban Berg in sein Violin-Konzert einbezog.
S.M.: Mir
scheint, dass in der Sequenz sich alles zuspitzt. So antwortet nach dem
„Dies irae“ der Koranrezitator mit dem sehr eindrücklichen Koranversen
„Wenn die Sonne zusammengefaltet ... dann wird jede Seele wissen, was
sie getan“.
J.W.: Ja, es ist richtig, in der Sequenz spitzt sich
einiges zu. Nicht nur, dass jedem von uns die Zeit schlägt, sondern
eben auch – hier mittels des Koranverses – in der Frage nach dem, was
jeder als Glied der eingangs erwähnten Kette mit seinem eigenen Leben
beigetragen hat zum „ewigen“ Kreislauf des Lebens.
S.M.: Auf die Koranrezitation setzt ziemlich unmittelbar die erste Schrei-Meditation ein.
J.W.:
Es bedurfte für die Verknüpfung der Gedanken einer besonderen Lösung.
Als ich danach suchte, fiel mir ein Konzerterlebnis ein, dass ich vor
ca. 5 Jahren hatte, bei dem der junge Komponist Peter Köszeghy Schreier
einsetzte. Das war für mich damals absolut überzeugend und ich meinte,
dass es genau hier der richtige Punkt sei, sich darauf zu besinnen. Und
so habe ich mit Peter Köszeghy Kontakt aufgenommen, ob und wie das zu
realisieren sei.
S.M.: Peter Köszeghy sagt, dass das Schreien zu einer tibetanischen Meditationstechnik gehört, über die recht wenig bekannt ist.
J.W.:
Ja, ich habe selbst auch versucht, Näheres zu erfahren, was allerdings
nicht gelang, dafür aber einen ganz eigenen Zugang entdeckt. So sind
nun ganz unterschiedliche Motivationen für die drei Schrei-Meditationen
formuliert, die u.a. die Unterscheidung zwischen menschengemachtem und
naturverursachtem Leid betreffen. (Auf letzteres erfolgt übrigens die
2x 6-tönige Antwort aus dem Hiobtext.) Das wiederum bedeutet, dass es
Vorgänge in Kosmos und Natur gibt, die wir als solche einfach
hinzunehmen und uns ihnen zu unterwerfen haben, auch wenn sie Leid mit
sich bringen. (Wir können allerdings einiges tun, dieses Leid zu
mindern.) Ganz anders dagegen das durch den Menschen verursachte Leid.
Es ist im Prinzip steuer- und verhinderbar, wenn wir dafür die
entsprechende Intelligenz und seelische Ausgewogenheit entwickeln.
S.M.:
Nach der ersten Schrei-Meditation erklingt choralähnlich „Seelig sind,
die das Leid tragen“. Auch dieser Text kommt im Brahms-Requiem vor.
J.W.:
Aber auf eine ganz andere Weise, nicht nur klanglich. Brahms legt die
Betonung auf „Leid“, hier wird die Betonung auf „tragen“ gelegt. Und so
wird „da“ zum „das“. Ein wesentlicher Unterschied. Denn es kommt für
unser aller Zukunft darauf an, das Leid und die Probleme der Welt auf
sich zu nehmen, erst recht im Hinblick auf mögliche Lösungen und
Linderungen. Im Prinzip hat jeder Mensch dafür eine ganz natürliche
Fähigkeit, wie die spontane Solidarität bei der Flutkatastrophe gezeigt
hat. Treten allerdings Machtinteressen, Ichsucht oder Ignoranz
dazwischen, wird diese Fähigkeit blockiert.
S.M.: Obwohl der 15. Satz nur mit Glocken und ohne Worte erklingt, hat er eine bedeutungsvolle Überschrift.
J.W.: Die Zusage dieser Überschrift wird von den 12 Tönen, also von dem makrokosmischen Prinzip, getragen.
S.M.:
Im direkt anschließenden Sanctus, der – wie Sie 1995 formulierten – als
eine Feier ewigen Lebens, als ein Lobgesang von Chaos und Kosmos zu
hören ist, wird diese Zusage nun expressis verbis durch Chor 1 und Chor
2 gesungen, die ja ursprünglich beide aus nicht christlichen
Sakralräumen erklingen sollten.
J.W.: Wie im 2. Satz, so sind auch
im vorletzten Satz die Chöre 1 und 3 zu Glockenklängen und in deutscher
Sprache zu hören. U.a. eben mit der Zusage aus dem Offertorium. Wenn
Sie so wollen: Die höchste Intelligenz spricht zu uns auch durch
Menschen aus anderen Religionen / Kulturen. Zum Schluss wird es jedoch
wieder dreisprachig und wir kehren auch musikalisch ganz zum Anfang
zurück. Der Satz von Anne Frank erfährt dabei selbst eine Metamorphose.
Und indem er nun auf den Qumran-Text „... und weiss, dass eine Hoffnung
ist für den Menschen“ mit „sofern die ganze Menschheit eine
Metamorphose durchläuft“ antwortet, kehrt auch der Klang wieder ganz
zum Hier und Jetzt unserer Realitäten zurück. Denn es gilt von da aus
die Metamorphose in Gang zu setzen.

