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glocken requiem dresden, 1995

Stadtklang-Komposition für 129 vernetzte Kirchenglocken von H. Johannes Wallmann // Rundfunk-Liveübertragung durch DeutschlandRadio Kultur, MDR Kultur, BBC London, Radio Washington DC

zentraler Gedanke

"Solange die ganze Menschheit, ohne Ausnahme,

keine Metamorphose durchläuft, wird Krieg
wüten und alles, was gebaut, gepflegt und
gewachsen ist, wieder abgeschnitten und vernichtet..."
(
Anne Frank 1944, kurz vor ihrer Deportation nach Auschwitz)

Widmung

Kindern als Trägern der Zukunft gewidmet. Im Gedenken an die Dresdner Bombennacht vom 13.Februar 1945.
Im Bewusstsein, dass noch immer Menschen durch Kanonen und Bomben getötet werden. Dem Frieden und der zukunftstragfähigen Gestaltung der Welt.

. CD Zugunsten von "terre des hommes" (Spendenbescheinigung nebenstehend als jpg-Dokument) 

Rundfunk-Liveübertragung

durch DeutschlandRadio Kultur, MDR Kultur, BBC London, Radio Washington DC.

Schirmherrschaft

Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, Prof.Dr.Kurt Biedenkopf

Veranstalter, Kooperationspartner, Mitarbeiter

Veranstalter: Freundeskreis des Dresdner Zentrums für zeitgenössische Musik e.V.

Kooperationspartner: DeutschlandRadio Berlin, Mitteldeutscher Rundfunk, MDR Kultur,  Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik, Musikhochschule "Carl Maria von Weber" Dresden, "terre des hommes – Hilfe für Kinder in Not" e.V., Deutsche Telekom.

Mitarbeiter
Technische Leitung: Dirk Homann
Leitung Logistik und Ü-Technik: Andreas Lorenz/Martin Hertel
Künstlerische Assistenz: Rainer Arndt
Assistenz: Arndt Lorenz
Projektkoordination: Dr.A.Schintlmeister/ MD Jürgen Wirrmann
Organisation/Geschäftsführung/Öffentlichkeitsarbeit: Julius Skowronek, Anke Giesa
Idee, Komposition und Künstlerische Gesamtleitung: Johannes Wallmann

Link zum GLOCKEN REQUIEM XXI (bitte hier anklicken)

. Neue Faustus-Mephisto-Dispute

Über das Glocken Requiem XXI und das Brahms-Requiem, Produktion NDR Kultur 2007 (bitte hier anklicken)

Hörperspektiven in Dresden am 12.2.95, 21.30-22.12 Uhr:

  • Direktübertragung des Gesamthörbildes zur Frauenkirche
  • von individuell zu wählenden Höhen oder Plätzen (landschaftlicher Verlauf der Klänge)
  • als Rundfunk-Liveübertragung (Gesamthörbild)
  • vom geöffneten Fenster aus (im Vergleich mit dem Radio)
  • mit dem Walkman durch die Stadt: Einzelkompositionen im Vergleich zum Gesamthörbild

Glocken - in Kriegen Materialreserve

Auch wenn Glocken keine Erfindung der europäischen und christlichen Kultur sind, so haben sie diese seit Jahrhunderten akustisch geprägt.

Ursprünglich sollten Glockenklänge Unheil abwehren und Glück bringen.

Dieser Aspekt ist neben weiteren Implikationen wichtig für das GLOCKEN REQUIEM. Denn immer wieder wurden Glocken als Materialreserve verwendet und zu Kanonen oder Bomben umgegossen. So auch im 2. Weltkrieg, als die meisten Dresdner Glocken (wie die vieler anderer Städte) auf den Hamburger Glockenfriedhof verbracht wurden.

Projektbeschreibung

47 Geläute mit insgesamt 129 Glocken waren in die Aufführung des GLOCKEN REQUIEM DRESDEN einbezogen, das anlässlich des 50. Jahrestages der Zerstörung Dresdens zur Uraufführung kam. Die 336 Partiturseiten umfassende Komposition hat mehrere Ebenen, die miteinander interagieren. Neben den topographischen Verläufen der Klänge (die Geläute waren dafür in die vier Himmelsrichtungen unterteilt), gibt es mosaikartige Kompositionen für die einzelnen Geläute sowie das Gesamthörbild der Rundfunkfassung, die als CD vorliegt. Die in Sekundenschritten auskomponierte Partitur wurde von ca. 90 Mitwirkenden, die die Läutewerke bedienten, auf Grundlage von Funkuhrkoordination umgesetzt. Über elektronische Wandler und Telekomleitungen wurden die live erzeugten Klänge zu einem zentralen Mischpult in der Musikhochschule Dresden geführt, dort zu der Rundfunkfassung abgemischt und durch MDR, DeutschlandRadio, BBC London live übertragen. Mittels elektroakustischer Übertragung wurden also weit voneinander entfernte Glockenklänge zu einem Orchester verbunden; mit seinen Ohren war der Hörer also zugleich an unterschiedlichen Orten. Mit dem Hören der uralten kulturellen Instrumente in neuen ungehörten Klangverbindungen entstand in der Spannung von Klang und Stille, von Nähe und Ferne ein musikalisches Erlebnis von Tiefe, Kraft und Schönheit, in dem sich Tradition und Innovation, Trauer und Hoffnung verbanden. 30- 60.000 Hörer verfolgten die Performance an der Frauenkirche und Hofkirche, Millionen die Rundfunkübertragung und viele Tausende von den Elbwiesen, den Höhen sowie von den unterschiedlichsten Plätzen der Stadt.

Zur technischen Realisierung 


Zur technischen Realisierung - Die Würde des Augenblicks

"Viele haben die Realisierbarkeit des Projektes GLOCKEN REQUIEM DRESDEN lange angezweifelt. Ein Orchester von 129 Glocken auf einer "Bühne" von 226 qkm zu dirigieren und per Mikofonaufnahmetechnik zu übertragen, ist selbst im Zeitalter von Multimedia und Datenautobahnen eine technische Herausforderung mit hohem Risiko. Wie jede Livemusik lebt auch das Glockenrequiem von der "Würde des Augenblicks". Das gilt insbesondere für Glockengeläute mit ihrer mahnenden und rufenden Stimme in einer großen Öffentlichkeit. Lange und aufwendige technische und künstlerische Proben erlaubten weder das Werk noch der Anlass seiner Aufführung. So mußte die gesamte Aufnahme- und Übertagungstechnik "blind" eingerichtet und erprobt werden. 52 von der Telekom extra geschaltete Tonübertragungsleitungen, die Tontechnik an den Glocken und eine aufwendige teilautomatisierte Mischtechnik am zentralen Tonregieplatz sind genug Fehlerquellen, um einer solchen Live-Übertragung die "Würde des Augenblicks" zu nehmen. Eingedenk dieser Tatsache möge uns der aufmerksame Hörer einige technische und künstlerische Unzulänglichkeiten nachsehen. Auch wir - die "Macher" - haben das GLOCKEN REQUIEM DRESDEN am 12. Februar 1995 um 21.30 Uhr das erste Mal gehört. Die auf dieser CD veröffentlichte Aufnahme ist ein Mitschnitt der Live-Rundfunkübertragung am Vorabend des 50. Jahrestages der Zerstörung Dresdens. Diese hörten hunderttausende Zuhörer auf MDR Kultur, DeutschlandRadio und der BBC. Wir haben uns für dieses Original und nicht für eine ursprünglich geplante technische Nachbearbeitung der Aufnahme entschieden - auch und gerade wegen der "Würde des Augenblicks". (Dirk Homann)

Die 7 Teile der Komposition

1. Introitus 8:09
Klangverläufe Nord-Süd, West-Ost, Klangachsenwechsel Nord-Süd, West-Ost, beide Klangachsen gemeinsam

2. Kyrie 3:39
Grundklang E in verschiedenen Variationen, dazu 27 (3x3x3) Einzelschläge kombiniert mit Glockenklängen um den Ton A

3. Graduale 7:05
stufenweiser Aufbau (Feldverlauf der Klänge von Süd nach Nord), Wechsel zwischen Einzelgeläuten und Glockenchören, die tiefen Klänge nehmen zu

4. Tractus 6:17
langgezogene Gesänge von Klang und Stille der einzelnen Geläute, Einzeltöne, nachschwingende Klänge, Anläutegeräusche

5. Sequenz 5:57
antiphonaler Wechselgesang zwischen tiefen und hohen Glocken, Antiphon zwischen benachbarten Glocken und Geräuschen, allmählich aufsteigender Gesamtklang, Uhrzeitschläge, Antiphon zwischen den höchsten Glocken benachbarter Geläute

6. Offertorium 4:30
Glockenzusammenstellungen entsprechend der Abfolge von zwölf Grundtönen und ihren mikrotonalen Abweichungen(As-D-G-Cis-Fis-C-Dis-A-E-B-F-H)

7. Sanctus 7:31
volles Geläut, an- und abschwellend, Wechsel von Klängen (z.B. zwischen D-Dur und As-Dur), sich von Nord nach Süd und West nach Ost aufbauend, im Süden und Osten endend

Gesamtdauer: 43 Minuten

Requiemtexte

1
Jeremia 4, 23-26:
“Ich schaute das Land an - wüst war es und öde.
Und den Himmel schaute ich - er war finster.
Ich sah die Berge an, sie bebten und alle Hügel wankten.
Ich schaute, da war kein Mensch,
alle Vögel unter dem Himmel - weggeflogen.
Ich sah das Fruchtland - eine Wüste,
und alle Städte zerstört.”

2

Amsterdam, 1944, Anne Frank, ein jüdisches Mädchen:
"... Solange die ganze Menschheit, ohne Ausnahme, keine Metamorphose durchläuft, wird Krieg wüten und alles, was gebaut, gepflegt und gewachsen ist, wieder abgeschnitten und vernichtet ..."

3

Ex-Jugoslawien 1994, Karolina, 15 Jahre:
"Das Leid der einen ist die Schande der anderen. ... Der Mensch ist im Krieg ein Tier. ..."

Dresden 1945, Gertraude, 10 Jahre:
"... Auf der Straße liefen schreiende, brennende Menschen. ... Ich ging barfuß in Schuhen. Überall lagen Tote ... "

Mosambik 1992, José, 12 Jahre:
"... Wer viele Köpfe traf, durfte zur Belohnung mit den anderen Soldaten Dörfer überfallen, um Essen zu plündern."

Ex-Jugoslawien 1994, Karolina, 15 Jahre:
"Das menschliche Leid ist das Licht für die Ferne. Der menschliche Haß ist die heutige Dunkelheit"

4
"Als der Herr unser Schicksal wandte und uns freiließ, da waren wir wie die Träumenden." (Psalm 126,1)

5
Ex-Jugoslawien 1994, Karolina, 15 Jahre:
"Nun Mensch, führst etwa du, der Unmögliches erbaut hat, Undenkliches ausgedacht hat - gerade du dich selbst in den Tod?"

6
"... Leben und Tod, Segen und Fluch sind dir vorgelegt, damit du das Leben erwählst für dich und deine Nachkommen ..." (5.Mose 30,19)

7
"Du hast mich emporsteigen lassen zur Höhe der Ewigkeit, in weitem Raum wandere ich ohne Grenze und weiß, daß eine Hoffnung ist für den Menschen." (aus den Lobgesängen der Gemeinde von Qumran)

Die Texte wurden zusammengestellt nach Worten des Alten Testaments und den Lobgesängen der Gemeinde von Qumran (Übersetzung von Jörg Zink), dem "Tagebuch der Anne Frank", einer Dokumentation zur Dresdner Bombennacht, sowie aus "Wir werden wieder glücklich sein..." Herder-Verlag, 1994 (mit freundl.Genehmigung)

Danksagung für Unterstützung und Sponsoring

Dank an alle Institutionen und Unternehmen, die durch ihre Mitwirkung, Unterstützung sowie durch Sponsoring dieses Projekt ermöglichten:
Telekom
Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kultur
Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
Kulturamt der Stadt Dresden
Senat der Freien und Hansestadt Hamburg
MDR Kultur, DeutschlandRadio, Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik (DZzM), Freundeskreis des DZzM
Musikhochschule "Carl Maria von Weber" Dresden
Dresdner Neueste Nachrichten, Sächsische Zeitung, Sächsische Aufbaubank, Dresdner Stiftung für Kunst und Kultur der Stadtsparkasse Dresden, Körber-Stiftung Dresden, AnStiftung, Deutscher Gewerkschaftsbund, Coca Cola Feldschlößchenbrauerei, Kodak, E-Plus Mobilfunk GmbH, Düsseldorf/Dresden

Ein herzliches Dankeschön den Technikern der Telekom, allen mitarbeitenden Tonmeister und Ingenieuren, allen genannten Mitarbeitern sowie den ca. 90 Mitwirkenden, die die Läutewerke bedienten und mit großem Engagement diese Aufführung ermöglicht und durchgesetzt haben.

Besonderer Dank allen Dresdner evang. und kath. Kirchgemeinden, die der Einbeziehung ihrer Glockengeläute zustimmten, dem Landeskirchenamt der Evang.Landeskirche Sachsens, dem Bischöflichen Ordinariat Dresden-Meissen.

Weiterer Dank für ihr persönliches Engagement an: Marion Demuth, Peter Grohmann, Dr. Reinhard Koch, Pfr. Nicolaus Krause, Elisabeth und Reinhard Krien, Heidrun Müller, Dr. Jürgen Ohlau, Heidrun Scheffler, Manfred G. Stüting

Pressestimmen 

ARD tagesthemen 12.2.1995: »Heute abend konnte kein Dresdner weghören , überhören, als das Glocken Requiem ertönte. .... Nachdenklich stimmend war das, was die Dresdner heute zu hören bekamen. Ganz Dresden ein Klangkörper ... 47 Kirchen mit 129 Glocken machen dieses experimentelle Musikerlebnis möglich. Der in Dresden aufgewachsene Komponist Johannes Wallmann komponierte das Glocken Requiem im Bewusstsein, dass heue noch immer Menschen durch Bomben und Kanonen getötet werden. Glocken haben für den Komponisten eine ganz eigene Symbolkraft: „Glocken sind eine Materialreserve gewesen und wurden in den Kriegen immer wieder umgegossen zu Kanonen und Bomben. Und wenn wir sie jetzt hier läuten, dann sind sie gerade nicht umgegossen und ich denke dass das eine ganz wichtige Metapher  dafür und soll uns auch daran erinnern, dass das auch nicht wieder geschieht “ ... Mit Hilfe aufwendiger Technik werden alle Klänge zu einem zentralen Mischpult geführt  und abgemischt ... Auf dem Platz an der Frauenkirche versammelten sich Tausende Dresdner ... Musik verlässt den geschlossenen Raum. In Dresden ein Erlebnis von großer Kraft.“

Sächsische Zeitung 14.02.1995 zu GLOCKEN REQUIEM DRESDEN
»... Musikalisch klar gegliedert in verschiedene Verarbeitungen sowohl räumlich verteilter als auch klangintensivierter und klangkontrastierender Töne von 129 Glocken der 47 über die Stadt verteilten Kirchengeläute wurde dies komplizierte Unterfangen realisiert. Vom „Introitus” allmählichen Beginnens, über ein „Kyrie” aus Einzelschlägen, ein „Graduale”,„Tractus” ein Wechselspiel hoher und tiefer Geläute in einer „Sequenz”, dem Aufbau von den tiefen zu den höheren Tönen im „Offertorium” bis zum Vollgeläute eines „Sanctus” steigerte sich dies einzigartige Werk. ... Einmal realisiert, sollte man vielleicht künftig statt unorganisierten Läutens am 13. Februar gegen 21.30 Uhr in jedem Jahr dieses musikalisch und liturgisch geordnete Klanggeschehen der Kirchen der ganzen Stadt wiederholen. Es war kein Experiment, sondern ein zur Besinnung mahnendes Werk, das Tausende erreichte, ja per Rundfunk Millionen. ...«

F.A.Z. 11.2.1995 zu GLOCKEN REQUIEM DRESDEN
»... Etwa zehn Jahre war er alt, als er vom `Wilden Mann´ oberhalb der Stadt aus am frühen Ostermorgen Dresdner Glocken läuten hörte. Die Empfindung von Weite, Klang und Landschaft, die ihn in diesem Moment erfüllte, wurde nach seinen Worten prägend für viele seiner späteren Projekte. ... Mit dem `Glocken Requiem Dresden´ kehrt Wallmann, der sich zur Moderne und zugleich zu ihren kulturellen Wurzeln bekennt, nun in die Stadt seiner Kindheit zurück. ...«

Berliner Zeitung, 11./12. 02.1995 zu GLOCKEN REQUIEM DRESDEN
„ ... Weil es [das Glöckchen der Kapelle zu Coschütz] zu winzig war, blieb es vorm Hamburger Glockenfriedhof verschont, wohin man 1943 die meisten der Dresdner Glocken transportiert hat, um aus ihnen Geschütze und Munition zu gießen. Auch daran will Wallmann´s Requiem erinnern. `Im Bewußtsein, daß noch immer Menschen durch Kanonen und Bomben getötet werden`, hat er seine ungewöhnliche Klangistallation den Kindern gewidmet. Eng ist daher die Zusammenarbeit auch mit der Kinderhilfsorganisation „terre des hommes“, für die der Erlös aus dem CD-Verkauf dieses akustischen Dokuments bestimmt ist. ...“ 

Sächsische Zeitung 13.02.1995 zu GLOCKEN REQUIEM DRESDEN
»Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung ist am späten Abend das „Glocken Requiem Dresden” als Performance von Johannes Wallmann uraufgeführt worden. Das Werk für 129 Kirchenglocken Dresdens gelangte zwischen 21.30 und 22.12 Uhr im gesamten Stadtgebiet zur Aufführung und wurde von Hörfunkstationen und über Lautsprecher live übertragen. Rund 30.000 Dresdner und Gäste der Stadt verfolgten dieses Kunstereignis an der Ruine der Frauenkirche und auf der Brühlschen Terrasse. Viele standen dicht gedrängt und hörten andächtig und teilweise mit geschlossenen Augen auf die ständig wechselnden Glockentöne. ...«

Dresdner Morgenpost, 13.02.1995 zu GLOCKEN REQUIEM DRESDEN
„Ganz Dresden schien auf den Beinen zu sein, als gestern abend, Schlag 21,20Uhr, der erst Ton des spektakulären Glocken Requiems erklang. Schulter an Schulter standen die Menschen rings um die Frauenkirche. Andächtig lauschten doe Zuhörer der Live-Übertragung aus den Lautsprechern.
42 Minuten lang auf- und abschwellendes Läuten ... Viele Dresdner hielten Kerzen in den Händen  - bis der letzte Klang verhallt war.“

Dresdner Neueste Nachrichten, 11./12. Februar 2012 - 17 Jahre danach: 
"Ich erinnere nur an das bewegende Glockenrequiem 1995, das die ganze Stadt in einen einzigen     Klangkörper verwandelte und 50 000 Dresdner nur allein in den Straßen und Plätzen der Innenstadt den Atem anhalten ließ.” (Dankwart Guratzsch in seinem Artikel “Den Gedenktag nicht verfälschen”)

Hörerstimmen (Auswahl)

  • „Vielen Dank auch für die Aufzeichnung der Uraufführung. Sie wird mich immer an eine bewegende Stunde erinnern, in der Ihr Requiem den Himmel über der Stadt Dresden erfüllte. Ich bin dankbar dafür, daß dieses schöne und einmalige Werk in Dresden aufgeführt werden konnte .“ (Kurt Biedenkopf., Ministerpräsident des Freistaates Sachsen)
  • „Ich denke, daß sich die Mühe gelohnt hat und auch das angestrebte Ziel der Hilfe für Kinder in Not erreicht wird. Es war schon beeindruckend, fast alle alle Glocken Dresdens in ihren verschiedenen Klangfarben und Tonhöhen zu hören. ... Vielen Dank Ihnen für das Ereignis!“ (Hartmut Rau, Superintendent; Dresden)
  • „Herzlichen Glückwunsch zur Komposition des Glockenrequiems. Diese Ereignis hat viele Menschen bewegt und sie in ganz Dresden durch Originalklänge und die Übertragung im Rundfunk teilnehmen lassen. ... Ich stelle mir sehr gut als Abschluß die Reproduktion von Ausschnitten aus dem Glockenrequiem vor. Wer sich von unseren Besuchern an das Requiem erinnert, ... kann Einblick nehmen in die Partitur und auf dem Stadtplan von Dresden die Standorte der Geläute erkennen." (Dr. Helmut Linder, Direktor Technische Sammlungen Dresden)
  • „Es wird wohl kaum wieder eine solche klangvolle Faszination geben, wie dieses Glocken-Requiem war. Ich hatte die Fenster nach Ost, Süd und West geöffnet, so waren die Glocken von Blasewitz, Strießen und Tolkewitz direkt hörbar. Die Klänge der Kirchen in der Stadtmitte und den anderen Stadtteilen brachte mir der Rundfunk mit großer Lautstärke in´s Zimmer. Meine Wohnung liegt seitlich des Tolkewizer Friedhofes, dort, in den hohen Bäumen schienen sich die Töne zu stauen und auf seltsame Art zu mischen. In meinen Erinnerungen an den Angriff auf Dresden, den ich als Dreinzehnjährige erlebte, ist vor allen Dingen diese vibrierende Luft haften geblieben,  die - von den Flammen ausgelöst – sehr deutlich bis zum Standtrand spürbar war. Die gleichen luftbewegenden Schwingungen waren durch das Zusammenspiel aller Dresdner Glocken vorhanden und hatten eine überwältigend-erhabene Ausstrahlung. Sehr bedeutsam für den 50. Jahrestag des Angriffs - und für die heutige Zeit überhaupt - scheint mir zu sein, daß es gelungen ist, alle Glocken gleichzeitig erklingen zu lassen. Als Zeichen für Einigkeit und Einheit liegt mir der Gedanke sehr nahe, wenn viele Stimmen zugleich laut werden, kann man schon die Luft kräftig spürbar erzittern." (Esther L.; Dresden)
  • „Mich hat das Requiem – sowohl Musik als auch Text – tief bewegt und lange beschäftigt ... Manchmal kommt in solch einer Situation etwas von außen, was einen sehr betroffen macht, einem bei der innerem Arbeit einen Schritt weiterhilft und genau zum richtigen Moment passiert. So etwas war für mich damals das Glocken-Requiem. ... er ist mir nahe und sehr wichtig." (Bärbel J.; Dresden)
  • „Da  ich bis zu meinem 18. Lebensjahr direkt an der Lukaskirche aufgewachsen bin, habe ich deren typischen Klang oft gehört; gefallen hat mir besonders die Kombination Lukas / Kreuz-kirche. Sehr beeindruckend, mahnend fand ich den tiefen einzelnen Ton (von der Kreuzkirche) zum Abschluß, der einen wieder in die Wirklichkeit entläßt. ... alle lauschten, nach dem Konzert wurde spontan geklatscht. ...“ (Dresden, 22.08.1995)
  • „Meine tiefe Betroffenheit am 12.Februar beim Anhören Ihres Glockenrequiems – mit tränenfeuchten Augen – sperrte mir die Spntanität, Ihnen sogleich herzlichen Dank und besonders auch Anerkennung für den Mut zu Ihrem einzigartigem Gedenkstück zu sagen.“ (Dr. med. Heinrich O.; Eschede)
  • „Bei der Heimfahrt durch die Innenstadt sah ich dann den großen Menschenstrom aus Richtung Innenstadt/Frauenkirche heimwärts ziehend. Ein klein wenig Stolz empfand ich dabei schon – ich habe immerhin mitverwirklicht, wofür Tausende nachts in die Kälte gezogen sind. ... Zu Hause angekommen , spielte ich mir die von meiner Frau mitgeschnittene Rundfunkübertragung ab. Jetzt erst bekam ich zu hören, worauf ich schon so lange gespannt war und was ich mir eigentlich gar nicht so richtig vorstellen konnte, wie es wohl klingen mag. Ich war überwältigt. Meine Begeisterung für das Projekt, die ich bereits im Vorfeld der Aufführung empfand, erreichte nun ihren Höhepunkt. ... Nach 7 Monaten zeitlicher Distanz zum GLOCKEN REQUIEM DRESDEN kann ich feststellen, daß dieses Werk in gewisser Hinsicht meine Sinne nachhaltig beeinflußt hat. ... “ (Bernd G., Dresden)
  • „Ich bin 58 Jahre und habe den Angriff und das Kriegsende bei Dresden erlebt. Ihr Requiem hat mich tief beeindruckt; hier waren Freud und Leid, das Miteinander und das Alleinsein zu hören. Die große Mahnung mußte wohl jeder spüren. ... Gefreut habe ich mich, als das Geläut von der Priesnitzer Kirche (meine Heimatkirche) zu hören war; es war, als würde man in einer großen Menschenmenge ein bekanntes Gesicht entdecken. Das Besondere an dem Hörerlebnis war auch, zu wissen, daß es eine ganze Stadt umfaßt. ... Man sollte das Requiem jährlich am 13.2. im Radio senden und in 10 Jahren wieder so wie 1995.“ (Gisela M.; Dresden 26.08.1995)
  • „Sehr, sehr jetzt von uns verunehrter, ungeliebter Komponist  Johannes Wallmann! Schindlers Liste, die Wahrheit verharmlost es!!! Verluste in Dresden; Lachhaft! über halben Meter Judenasche überall in der Holokaust BRD!! Es war viel, viel, viel schlimmer in Treblinka. .... Sollte man machen noch viele Filme. Schindlers Liste verharmlost das Elend in KZ! Zeitzeugen wissen das besser! ... bin jetzt alt, kann nur sagen. Bitte macht Filme auch über das! Daß nicht vergessen wird!“ (Ignatz D. I. ; Eschweiler, 1.03.1995 / Ausschwitz Nr.:18.719,  Schindler´s Liste: 1729)

 

Gespräch zur Komposition

Susanne Maasz (S.M.) im Gespräch mit Johannes Wallmann (J.W.)

S.M.: Das Requiem setzt sich aus sieben großen Teilen zusammen, die mehr oder minder ineinander übergehen, aber jeweils ganz eigene musikalische Formen vollziehen.
J.W.: Im Introitus - dem Anfangsgesang - geht es um das doppelchörige Zusammenspiel der Himmelsrichtungen. Die Himmelsrichtungen kreuzen sich, wechseln sich ab, erklingen zusammen.
S.M.: Himmelsrichtungen sind allgemeiner Natur.
J.W.: Ihr Gebrauch kann vielleicht als Hinweis darauf gelten, daß es mit dem Glocken Requiem nicht allein um Dresden, sondern um das Geschehen in allen Himmelsrichtungen geht.
S.M.: Dem schnellen Wechsel und landschaftlichen Verlauf der Klänge im Introitus folgt das Kyrie (= Herr erbarme Dich) mit dem statisch lang läutenden tiefen E der Kreuzkirche als durchgehendem Grundton. Wie ist das Kyrie aufgebaut?
J.W.: Es besteht aus fünf Teilen. Der erste, dritte und fünfte mit den je 3x3 Einzelschlägen, kombiniert mit Klängen um den Ton A. Dazwischen zwei Teile mit Variationen über dem E der Kreuzkirche. Während die Fünfteiligkeit des Kyrie auf den Tod, die Verwundbarkeit und die Endlichkeit des Menschen verweist, erzeugen die 3x3x3 Einzelschläge (die auch als Bittrufe gelten können) durch ihre Statik und Symmetrie eine fast konstruktive Formenarchitektur.
S.M.: An das Kyrie schließt unmittelbar das Graduale an.
J.W.: Graduale kommt von "gradus" - Stufe. Eigentlich bezog sich das Graduale auf den Ort, wo es gesungen wurde, nämlich von den Stufen des Ambo aus. Ich habe "gradus" wörtlich genommen. Im stufenweisen Feldverlauf wandern die Klänge (die aus dem Klang einzelner oder mehrerer Glocken resultieren) landschaftlich gesehen allmählich von Süd nach Nord. Im Wechsel zwischen Glockenchören und Einzelgeläuten, zwischen hohen und tiefen Glocken kristallisieren sich die Töne B und Des heraus, Stadtgeräusche spielen hinein. Zum Ende des Graduale verdichten sich die tiefen Töne und Klänge. Der Klang sammelt sich in der Tiefe. Aus der Tiefe kommt das Leben, in der Tiefe fließen die Wasser zusammen.
S.M.: Der Tractus (= langgezogener Gesang) wird aus der Tiefe des Graduale geboren.
J.W.: Im Tractus singen alle Geläute ihr eigenes Lied von Klang und Stille und sind doch miteinander verzahnt. Beginnend mit einem 2-minütigen Doppelgesang werden relativ kurze Läutepulse mit nachschwingenden Klängen kombiniert. Das bildet den musikalischen Grundgedanken der gesamten Tractus-Struktur. Die zu hörenden Anläutegeräuschen sind die materialen Voraussetzungen des Klingens und wurden durch Mikrofone am Glockenstuhl hörbar gemacht.
S.M.: Das Geborenwerden aus der Tiefe, die vertrackten Verzahnungen der Einzeltöne, das langgezogene Band aus Läutepulsen und nachschwingenden Klängen, das Wechselspiel von Klang und Stille - ist das nicht alles ein Sinnbild des Lebens?
J.W.: Wenn Sie so wollen. Die musikalische Struktur ist vielleicht ähnlich vertrackt und verzahnt wie die Lebensstrukturen.
S.M.: Der Tractus ist der vierte von den sieben Teilen des Requiems, steht also in der Mitte. D.h., in der Mitte der Komposition steht der Gedanke des Lebens?
J.W.: So kann man es sehen. Allerdings geht es dabei um den Pendelschlag (Glocke) zwischen Leben und Tod. Beide, Leben und Tod, bedingen sich. Und wir sind als Menschen sehr wesentlich daran beteiligt, wie sich das Wechselspiel zwischen Leben und Tod gestaltet. Darauf zielt die Widmung "Kindern als Trägern der Zukunft" und auch die Textauswahl, die ich zu dem Requiem getroffen habe.
S.M.: Ist in den Texten nicht eher auf einen Deus ex machina, der alles richten und zum Guten wenden wird, abgehoben?
J.W.: Ich glaube, daß der Mensch sich heute darüber klar werden muß, daß er selbst ganz wesentlich an der Gestaltung des Lebens und an der Entstehung von Katastrophen beteiligt ist und daß er dafür die entsprechende Verantwortung trägt. D.h. aber auch, daß er Chancen hat, Katastrophen zu vermeiden. Das allerdings kann ihm nur gelingen, wenn er an diese Chance glaubt.
S.M.: Verbinden sich für Sie mit einem dieser ausgewählten Texte vielleicht auch ganz persönliche Gefühle oder Erinnerungen?
J.W.: Ja. "Als der Herr unser Schicksal wandte und uns freiließ, da waren wir wie die Träumenden". In der Übersetzung von Luther habe ich diesen Text schon als kleiner Junge auf dem Grabstein meiner Mutter gelesen. Er beschäftigt mich also schon lange.
S.M.: Warum führen Sie eigentlich im ersten Teil der Texte ausschließlich alttestamentarische Texte an? Glocken sind doch christliche Instrumente.
J.W.: Glocken gab es - soviel ich weiß - in vielen Naturvölkern; sie sind nicht unbedingt auf die christliche Kultur zurückzuführen, auch wenn Glocken meist Glocken christlicher Kirchen sind. Glocken hatten die Bedeutung, Übel abzuwehren und wurden dafür zum Klingen gebracht.Ihre Frage nach den alttestamentarischen Texten trifft aber einen Kern der Überlegungen zur Textauswahl. Die alttestamentarischen Texte wählte ich, weil das deutsche Drama und auch die Zerstörung Dresdens nicht unabhängig von Auschwitz, von dem durch die Deutschen verursachten Völkermord am jüdischen Volk (natürlich auch nicht von dem Unglück, das die Deutschen im 2.Weltkrieg über andere Völker brachten) zu sehen ist. Die Wahl der Texte will sagen: trotz aller Schuld und allem Leid kommt es auf die gemeinsamen Bezugspunkte an, auf die sich alle Menschen immer wieder besinnen sollten. Zwischen der jüdischen und der christlichen Kultur ist das Alte Testament sicherlich ein solcher Bezugspunkt.
S.M.: Was verbindet Sie eigentlich mit Dresden?
J.W.: Ich bin in Dresden aufgewachsen und habe als Junge unseren Besuch durch die Innenstadt geführt, das waren damals noch zum großen Teil Ruinen. Auch die Idee zum Glocken Requiem hatte ihren Ursprung in meiner Dresdner Kindheit. Als etwa Zehnjähriger hörte ich an einem frühen Ostermorgen von den Höhen beim Dresdner Wilder Mann zum ersten Mal die Weite des Landschaftsklanges vieler Dresdner Glocken. Dieses Erlebnis von Weite, Klang und Landschaft war das Initialerlebnis für viele meiner Projekte.
S.M.: Kommen wir zurück auf dieses Requiem. Auf den Tractus folgt die Sequenz. Wie baut sich diese auf?
J.W.: Sequenz kommt von sequi = folgen. Sie setzt sich aus zwei grundlegenden Verläufen zusammen. Zunächst beginnend mit der Gegenüberstellung von tiefen und hohen Glocken verläuft die Sequenz einerseits im antiphonen Wechselspiel zwischen benachbarten Geläuten, andererseits wird der Gesamtklang (im Gegensatz zum Graduale, das auf die tiefen Töne hinausläuft) im Verlauf der Sequenz immer höher. Kurz vor 22 Uhr waren die höchsten Glocken erreicht und es folgen die Zehn-Uhr-Schläge. Danach nochmals ein antiphones Wechselspiel zwischen zwei Chören aus hohen Glocken.
S.M.: Wie könnte die Ansammlung und das Wechselspiel der hohen Glocken gedeutet werden?
J.W.: Friedhofsglocken sind meist hohe Glocken. Am Ende der Sequenz sind - außer den Uhr-Zeitschlägen ausschließlich hohe Glocken aktiv. Die unterschiedlichen Uhr-Zeitschläge unterstreichen diese Situation noch.
S.M.: Allen schlägt die Zeit?
J.W.: Allen schlägt die Zeit, alle sind vom Tod betroffen. Wenn hohe Glocken in Chören erklingen, dann liegt darin außerdem eine ganz besondere Dramatik.
S.M.: Gegen diese Chöre von hohen Glocken setzen Sie im Offertorium zwölf Einzeltöne.
J.W.: Die einzelnen zwölf Töne einer Zwölftonreihe. Jeder einzelne Ton ist da von höchster Wichtigkeit, seine Tonhöhe, Klangfarbe, Klangcharakteristik, seine Dauer und die Art seiner Mikrophonierung.
S.M.: Der erste Ton des Offertoriums setzt bereits auf den letzten Tönen der Sequenz ein. Werden die Chöre von hohen Glocken durch den Einzelton überwunden oder laufen sie auf den Einzelton hinaus?
J.W.: Beides. Wobei der Gedanke des Darbringens und Opferns (Offertorium kommt von offerre = darbringen) ausschlaggebend ist. Massenhafter grauenvoller Tod kann überwunden werden, wenn jeder Einzelne sich seiner Verantwortung und seines Wertes für das Leben insgesamt bewußt bleibt, sich dafür darzubringen bereit ist und es zugleich versteht, seinen individuellen Lebenssinn damit zu verbinden und danach einzurichten.
S.M.: Warum gerade zwölf Töne?
J.W.: In der Überlieferung gilt die Zahl zwölf immer auch als eine kosmische Zahl, als ein Symbol der Vollständigkeit, als Symbol der Schöpfung und des Schöpferischen, aber auch als Ziel der Zeit ...
S.M.: Mensch bedenk die Ewigkeit?
J.W.: Ja, aber auch das Leben und die Endlichkeit. So könnte man sagen, wenn wir schon Analogien ziehen.
S.M.: Setzt sich Ihre Zwölf nun aus 3 x 4 oder 2 x 6 zusammen?
J.W.: Das ist eine nicht ganz unwichtige Frage. Die Zwölf in diesem Offertorium setzt sich aus 2 x 6 zusammen.
S.M.: Was bedeutet 2 x 6?
J.W.: Die Zahl 6 gilt in der Überlieferung als eine ambivalente Zahl. Positiv ist sie die Zahl vollendeten Bauens und Werkens, negativ ist sie die Zahl menschlichen Lasters. Harry Hahn, der Bachs Wohltemperiertes Klavier diesbezüglich untersuchte, meinte: als halbe Zwölf steht an der 6 die Entscheidung, entweder zu den Ordnungen des Kosmos und des Lebenskontinuums zu finden oder sich der Egozentrik der Wünsche, Begierden und Leidenschaften zu überlassen. So gesehen sind in den Ambivalenzen der Zahl 6 Grundfragen des Überlebens der Menschheit angesprochen.
S.M.: Muß man das alles wissen, wenn man die schlichten aber wunderschönen Glockentöne des Offertoriums hört ?
J.W.: Man muß nicht. Ich glaube, daß musikalische Formen Träger von Geist sind und daß sich der Geist einer Musik auch ohne spezielles Wissen mitzuteilen vermag.
S.M.: Nach dem Offertorium kommt als letzter Teil der Sanctus.
J.W.: Der Sanctus ist die Möglichkeit, aber auch die Konsequenz, die daraus resultiert, wenn im Offertorium alle Einzeltöne zusammenwirken ohne ihre Identität zu verlieren. Der Sanctus (= heilig)ist als Zusammenwirken aller Glocken vielleicht als ein Lebensstrahl, als Ausdruck eines starken Lebenswillens, als ein klanglich wahnsinnig schöner Lobgesang von Chaos und Kosmos, als eine Feier ewigen Lebens zu hören. Beginnend mit den Geläuten im Norden und Westen verzieht sich der Klang zum Ende des Sanctus nach Süden und Osten. D.h. im übertragenen Sinne, wir richten unser Ohr nach Süden und Osten zu den Weltregionen, in denen sich die Probleme türmen.
S.M.: Trotzdem bleibt zum Schluß wieder das tiefe E der Kreuzkirche im Zentrum der Dresdner Innenstadt.
J.W.: Es ist das tiefe E aus dem Kyrie. Eine schlichte Bitte, die ein jeder in seinen eigenen Alltag hineinnehmen, selbst stellen und auch selbst erhören darf.

 


 

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